Das Jagdschloss Hubertusstock, während des Kalten Krieges wichtiger Ort für den Ost-West-Dialog, ist heute ein Savoy-Hotel: Honeckers letzter Hirsch

Am 8. November 1989 ließ sich Erich Honecker ein letztes Mal zur Jagd in die Schorfheide fahren. Er hatte gerade die Kontrolle über seinen Staat, alle seine Ämter und eigentlich auch die dazu gehörigen Privilegien verloren. Aber in der Nähe seines geliebten Jagdschlosses Hubertusstock, wo er so gern das Weihnachtsfest verbracht hatte und wo ihm im Sommer 1983 vom bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß ein Milliardenkredit aufgedrängt worden war, schoss Erich Honecker in jenem historischen Herbst 89 noch einen letzten Rothirsch. Damit endete die Geschichte des Sonderjagdgebietes Schorfheide, in dem sich 140 Jahre lang nacheinander Könige, Kaiser, Reichspräsidenten, Nazibonzen und kommunistische Parteispitzen dem Waidwerk hingegeben hatten.Kaiser und FunktionäreAus Hubertusstock ist in den vergangenen zehn Jahren keine Pilgerstätte für Nostalgiker geworden, sondern ein Savoy-Hotel. Über dem Gelände mitten im Wald, ein wenig abseits vom Westufer des Werbellinsees, liegt eine seltsame Widersprüchlichkeit. Der Herrensitz, den König Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1849 in bayerischem Stil errichten ließ, ist nicht wirklich ein Schloss. Der umlaufende hölzerne Balkon auf geweißtem steinernem Sockel, die schmale Terrasse über der bröckelnden Betonfreitreppe, die stilbrüchigen Metallrahmen von Fenstern und Türen, die Geweihe unter dem Giebel und der alberne Bronzehirsch, der aus dem Gebüsch röhrt, alles ist eher bescheiden. Jeder oberbayerische Tierarzt wohnt prächtiger und manchmal sogar geschmackvoller.Doch in Hubertusstock wurde nie gewohnt. "Werbellin und Grimnitz", so kann man in Fontanes Wanderungen lesen, "sind für die Repräsentation. Dort jagen die Hohenzollern um des Jagens willen; im Werbellin jagen sie nur an Fest und Galatagen, um ihren Gästen zu zeigen, was hohe Jagd in den Marken sei." Was den Hohenzollern recht, war Honecker billig.Nur Hermann Göring war das Jagdschloss zu mickrig gewesen. Er hielt in Hubertusstock nur seine Antrittsrede als Reichsforst- und Reichsjägermeister, doch dann ließ er in der Nähe neu bauen. Die Überreste seines einst gewaltigen Anwesens Carinhall sind heute kaum noch zu finden.Kaiser Wilhelm II. aber hat Hubertusstock geliebt. Er soll sich noch in seinem niederländischen Exil immer wieder daran erinnert haben. Aus Honeckers Moskauer und aus dem chilenischen Exil sind keine vergleichbaren Reminiszenzen überliefert. Allerdings hielt sich der abgehalfterte Staatsratsvorsitzende noch 1990 für den Retter der Schorfheide, deren schönste Teile er wie schon seine Vorgänger mit Gattern sorgsam vor der Wanderlust seiner Landeskinder abschirmte. "Als ich 1956 von meinem Studium aus Moskau zurückkehrte ich war vorher schon als FDJ-Mitglied in der Schorfheide auf die Jagd gegangen , war ich sehr überrascht, was sich inzwischen vollzogen hatte", sagte Honecker in einem Interview. Die Sowjetarmee war dabei, den Wald in einen Truppenübungsplatz zu verwandeln. "Das erste", so Honecker weiter, "was ich in meiner Funktion als Leiter der Abteilung Sicherheit des Zentralkomitees tat, war die Beseitigung dieses Truppenübungsplatzes." Wir befinden uns mitten im Kalten Krieg, und Honecker rettet als Erstes die Schorfheide! Aber so wurde Hubertusstock zu einem der seltenen Plätze in Europa, an dem der Klassenkampf keine Rolle spielte.Hier haben viele in den bandscheibenfeindlichen volkseigenen Plüschsesseln an Kaiser Wilhelms gewaltigem Kamin gesessen: Für Breschnew ließ die DDR zu ihrem 30. Jahrestag eine Staatsjagd in der Schorfheide ausrichten. Die Revolutionsführer Ortega aus Nikaragua und Raoul Castro aus dem sonnigen Kuba bekamen den Winterwald gezeigt. Der Kapitalist Bertold Beitz vom Krupp-Konzern erholte sich von seiner Leipziger Ehrendoktorwürde. In Hubertusstock entspannten sich Schmidt, Strauß, Lafontaine und zuletzt im Mai 1989 Hans-Jochen Vogel.Honecker verhandelte lieber in der Idylle, wenn es Eis zu brechen galt. Für Herbert Wehner wählte er selbst das Gebäck aus, das er am Gartentisch seinem Gast anbot. Es sollte alles genauso schmecken wie das selbst Gebackene, "mit dem Honeckers Mutter den hungrigen Wehner einst im Saarland verwöhnt hatte". So sentimental ist es in Hubertusstock zugegangen, wenn man den Memoiren des Ex-Spionagechefs Markus Wolf auch nur ein Wort glaubt.Der letzte, der die Geschichten aus dieser Zeit wirklich erzählen kann, ist gerade in Rente gegangen. Jürgen Hilpert verwaltete das Schloss, seit es 1972 wieder aufgebaut worden ist. Hilpert, formal Angestellter der NVA, war bis zur Wende auch Herr über die seltsamen, quadratisch praktisch hässlichen Bungalows im Wald, in denen sich die weniger bedeutenden Chargen mit ihren Familien erholen durften. Alles ist heute denkmalgeschützt, selbst die Krone des Hässlichen: Das nullachtfünfzehn Pförtnerhaus an der Auffahrt, in dem Andenken und Wanderkarten verkauft werden. Hilbert wurde nach der Wende von den neuen Eigentümern nicht abgewickelt. Unter anderem, weil einer gebraucht wurde für die Neugierigen, die wissen wollten, wie es bei Honeckers zugegangen war.Geweihe im SchwimmbadAllein Honeckers Suite ist beispielsweise eine Fundgrube für jeden Hobbypsychoanalytiker. Im Schlafzimmer stehen noch das Kastenbett und die furnierten Pressspanmöbel aus der Serie irgendeines Möbelkombinates. Der Raum wird heute als Abstellfläche genutzt, aber gemütlich wird er wohl nie gewesen sein. Jede serienmäßige Drei-Raum-Wohnung in einem Plattenbau in Marzahn hätte so aussehen können. Nicht so das Bad: Es ist von jenem Größenwahn, der Minderwertigkeitskomplexe kompensieren soll. Die ziemlich gewöhnliche Badewanne findet man nach längerem Fußmarsch in der hinteren rechten Ecke. Aber die Fliesen! Sicher mehr als 100 Quadratmeter am Boden und an den Wänden entlang. Mit Fliesen dokumentierte man in der DDR, dass man Beziehungen zu Handwerkern oder Zugang zu Westgeld hatte. Noch einer dieser Widersprüche: Im Speisesaal des Hotelrestaurants trifft die edle, preisgekrönte Küche ("gehoben regional", vorrangig Wild und Fisch aus der Gegend) auf die Bestuhlung und die Deckenleuchten aus einem besseren FDGB-Ferienheim. Aber wer sich nicht daran stört, dass einem von Honecker persönlich erlegtes Mufflon beim Essen zusieht, der kann ja auch das schon erwähnte Kaminzimmer mieten. Und in Erinnerungen schwelgen.Darauf, so versichern die heutigen Hoteliers, legen sie gar nicht so viel Wert. Und wie zum Beweis lassen sie gleich neben dem Jagdschloss neu bauen. 89 Zimmer und Suiten soll das Gebäude bekommen, das an der Stelle der alten Garagen für Honeckers Fuhrpark entsteht. Gegenüber hat bereits ein Bildungswerk einen dieser beliebigen, zigarrenschachteligen Zweckbauten aus Beton, Glas und Stahl errichtet. Es ist zu bezweifeln, ob solche Bauten jemals eine Aura entwickeln können, und sei es auch nur eine so seltsame wie das Jagdschloss Hubertusstock. Diese Gedanken müssen auch Hans Eilers, den Chef in Hubertusstock, umgetrieben haben. Er sammelt. Im alten, inzwischen wasserlosen Schwimmbad liegen hunderte Geweihe. Nicht alle von Honecker geschossen, aber viele doch. Und Eilers hat Honeckers Yacht gekauft. Für Kreuzfahrten auf dem Werbellinsee. Vielleicht kommen die Nostalgiker ja doch noch.Die Serie "An Ort und Stelle" beschäftigt sich zehn Jahre nach Mauerfall mit Orten und Gebäuden, die das Stadtbild und das Leben in Berlin und im Umland geprägt haben. Jeden Mittwoch gehen Autoren der Frage nach, wie sich diese Orte verändert haben, was aus ihnen geworden ist.