Das JazzFest Berlin feiert seinen 40. Geburtstag: eine Bestandsaufnahme: Lass die Freiheit klingeln

Hinter vorgehaltener Hand fand sich schon in den letzten zwei Dekaden kaum noch wer, der dem Berliner JazzFest jene Exklusivität zusprechen mochte, die es einst zum risikofreudigsten und umstrittensten Jazzfestival Europas machte. Berlin sei keine Reise mehr wert, heißt es, doch ausufernder Konkurrenz zum Trotz - heute gibt es über 500 Jazzfestivals in Europa - schaffte das JazzFest das vierzigste Jahr. Als der damalige Intendant der Berliner Festwochen und kulturelle Berater des Berliner Senats, Nicolas Nabakov, 1964 Joachim Ernst Berendt die künstlerische und Ralf Schulte-Bahrenberg die organisatorische Leitung für ein Berliner Jazzfestival übertrug, war zunächst an ein einmaliges Festwochenereignis gedacht. Der große Erfolg der ersten Jazztage führte jedoch bereits im Folgejahr zur Abkopplung vom Festwochenprogramm und zur Institutionalisierung als eigenständiges Festival, das fortan im November stattfinden sollte. Berendt trat mit einem Konzept an, das sich explizit gegen die bis dato übliche Jazz-Festivalpolitik wandte, wonach ein Festival komprimiert zu repräsentieren hatte, was es eh schon gab. Festivals sollten nun gerade jene Dinge möglich machen, die notwendig, aber anders nicht realisierbar sind. So entstand Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchester, das 1966 auf den Jazztagen Premiere hatte, Don Cherrys Eternal Rhythm oder auch das Projekt einer Berlin Dream Band, in der Berliner Musiker unter der Leitung von Quincy Jones, Stan Kenton oder Oliver Nelson spielten. Das erste Weltmusikfestival "Jazz meets the world" fand unter Berendts Leitung bei den Jazztagen statt, die Rückkehr eines Ornette Coleman oder Charles Mingus von langer Bühnenabstinenz begann in Berlin, ein Feuerschlucker hüpfte 1970 durch das Sun Ra-Konzert. Und durch die Jazztage wurde nicht zuletzt das Berliner Publikum als das buhfreudigste der Welt bekannt, ob es nun schon 1965 die Gershwin-Version des Modern Jazz Quartet übertönte und später Ella Fitzgerald, Carmen McRae, Duke Ellington, Keith Jarrett oder Tony Williams von der Bühne pfiff. Es gelang jedoch nicht, West-Berlin zur deutschen Jazzhauptstadt zu machen, wie Berendt einst resümierte. Als Schulte-Bahrenberg von Essen zum Kudamm siedelte und der Kritiker Berendt aus Baden-Baden anreiste, "war die Berliner Szene im Grunde schon kaputt", so Berendt, und auch sein Nachfolger George Gruntz kam 1972 nicht etwa aus Berlin, sondern aus Basel. Widerstand und Jazz gehörten für Berendt untrennbar zusammen. Für das Programmheft der ersten Jazztage bat er Martin Luther King Jr. um eine Grußadresse. Darin hob King die Bedeutung der schwarzen Jazzmusiker als kultureller Identitätsstifter hervor. Der Jazz "gab der afroamerikanischen Freiheitsbewegung Kraft und Mut", schrieb er: "Wenn Jazz heute in der ganzen Welt gespielt wird, dann deshalb, weil der besondere Kampf des amerikanischen Negers dem universellen Ringen des modernen Menschen um Selbstfindung unmittelbar verwandt ist."Berendt war der Vermittler, Produzent und Vermarkter von Jazz im Nachkriegsdeutschland. Beim kleineren New-Jazz-Meeting Baden-Baden testete er aus, was überhaupt ging, und wenn es funktionierte, brachte er es auch zu den Donaueschinger Musiktagen oder zum Jazzfestival nach Berlin. Sein Vorbild für dieses Vorgehen war der einstige Musikchef des SWF, Heinrich Strobel, der der modernen Konzertmusik in Deutschland zum Durchbruch verhalf, so sie denn je einen Durchbruch hatte. Er entdeckte die Musiker, die fast alle bei den Donaueschinger Musiktagen zuerst vorgestellt wurden, dann platzierte er sofort Artikel über sie, es entstanden Platten, und so kamen sie in den Rundfunk und die anderen Medien. Berendt hielt sich in seinem Kampf für den Jazz an dieses Muster - man müsse auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen, sonst werde man seinen Musikern nicht zum Erfolg helfen können.Doch der Jazzmächtige Berendt machte sich nicht nur Freunde. Vorwürfe wurden laut, er hätte bei Mitschnitten von den Jazztagen für die Plattenfirma MPS in die eigene Tasche gewirtschaftet.. Zudem war die Rede von rückständiger Programmpolitik, von einem Festival, das Fett angesetzt hätte und abhängig sei von den Tournee-Paketen des amerikanischen Jazz-Managers George Wein. Gerüchte über Verfilzungen, Mafiamethoden und Erpressungen überschatteten das Programm noch bis in die späten siebziger Jahre.1971 wurde Berendt durch einen Artikel des damaligen Spiegel-Autors und späteren SFB-Redakteurs Schmidt-Joos zum Rücktritt gedrängt. In seiner Autobiografie "Das Leben - Ein Klang" (1996) wird deutlich, wie schwer ihm das zugesetzt hatte, von einem aus den eigenen Reihen "moralisch fertiggemacht" zu werden. Schmidt-Joos ist der einzige unter zahlreichen "Freunden, die zum Verräter wurden", den Berendt noch namentlich nannte. Wer sich so inszeniert, wie ihm es gelang, schafft sich Neider und zieht schlimmstenfalls eine ganze Seilschaft des Missmuts heran. Dass ausgerechnet der einstige Jazzredakteur des NDR, Michael Naura, dann meinte, dem Berliner Tagesspiegel einen Nachruf (2000) diktieren zu müssen, in dem Berendt posthum vorgeworfen wurde, nicht brillant geschrieben zu haben und auch sonst eher ein "Trommler" gewesen zu sein, der von musikalischer Theorie nichts wusste, deutet an, wie tief die Verletzungen auf Seiten des Autors pressierten. Buhfreudiges PublikumMit dem Buhen kam meist die Blende. Und gebuht, getrampelt und gepfiffen wurde in den sechziger und siebziger Jahren häufig bei den Jazztagen in der Philharmonie. Es war die Zeit der Lenco-Plattenspieler ohne Endabschaltung und des Vietnamkriegs. Es war die Zeit, als der Nachholbedarf an amerikanischem Jazz abflaute und eine starke Politisierung des Jazz oder besser gesagt der Jazzrezeption einsetzte. Davon waren Sarah Vaughan und Duke Ellington, der 1969 als Nixon-Freund von der Bühne gepfiffen wurde, ebenso wenig ausgenommen wie Sonny Rollins, als er 1974 mit dem Dudelsackspieler Rufus Harley auftrat. Rollins hat daraufhin das Berliner Publikum fast 30 Jahre gemieden. Obwohl es sich - zu Extremen neigend - gewandelt hat. Den Jahren der ideologischen Verbitterung und des Hohns folgten die des Beifalls und der Freundlichkeit. Seit 1982 gilt das Berliner Publikum als das bravste der Welt.Als George Gruntz nach Berlin kam, stand die Jazz-Politik mit dem Rücken zur Wand. 1975 wurde sein Programm zunehmend introvertierter, es verlor aber auch an Resonanz. Was wiederum zu Konflikten mit dem damaligen Veranstalter der Jazztage, Schulte-Bahrenberg, führte und 1981 in einem Gerichtsprozess eskalierte, bei dem die Jazztage ihren Namen einbüßten und fortan JazzFest Berlin hießen. Seitdem wird das Festival von der Berliner Festspiele GmbH veranstaltet. Neben Herbie Hancock und Chick Corea war Miles Davis einer der konstanten Bestseller in der JazzFest-Geschichte, 1985 betrug seine Gage 45 000 Dollar. Der Sänger Mel Tormé war der teuerste Einzel-Act der Ära Gruntz, sein Honorar belief sich 1989 sogar auf 60 000 Dollar. Wenn er gewusst hätte, wie erfolgreich sein letztes Festival werden würde, hätte er schon früher Abschied genommen, sagte Gruntz, als alles vorbei war. Nach all den Jahren der Talfahrt gab er sich ernüchtert und enttäuscht über "doofe Kritiker", das JazzFest habe nie die Berliner Szene per se fördern, ein deutschnationales Festival oder eine Sozialhilfebühne für afroamerikanische Musiker sein wollen. Und das war es auch nicht. Als Gruntz nach 23 Jahren aufhörte, hatte sein Nachfolger Albert Mangelsdorff Kredit und übernahm eine gewachsene Festivalstruktur. Der Etat war bei einer Million Mark eingependelt, 10 000 Besucher kamen jährlich, doch die Berliner Philharmonie vermochte man schon lang nicht mehr zu füllen. Mit dem Wechsel in das Haus der Kulturen der Welt hatte das Festival aber auch den Glanz der Gründerzeit endgültig eingebüßt. In Kooperation mit dem Bund, dem Berliner Senat, ZDF und ARD war es Berendt schon zu Beginn der Jazztage gelungen, eine Finanzstruktur zu entwerfen, die es sonst nur noch für die Bayreuther Festspiele gab. Damit erhielt der Jazz erstmals die gleiche Akzeptanz wie die großen klassischen Festivals. Seit 35 Jahren koordinieren die Hörfunk-Jazzredakteure ihre JazzFest-Interessen im sogenannten ARD-Gremium. Dass ein Festivalleiter in dieser Struktur nur schwerlich autonom aus einer Position der Stärke heraus operieren kann, liegt auf der Hand. Als Joachim Sartorius vor vier Jahren Intendant der Berliner Festspiele wurde, wollte er zunächst wechselnde künstlerische Leiter mit entsprechenden Themenschwerpunkten für jeweils eine Spielzeit verpflichten. Doch das verschwand nach zwei Versuchen wieder vom Tisch. Dabei war Nils Landgren mit dem Skandinavien-Schwerpunkt vor drei Jahren eigentlich ganz erfolgreich gewesen, hatte dem JazzFest auch neues Publikum beschert. Doch als das am Free Thing orientierte Programm des Chicagoer Musikjournalisten John Corbett von den ARD-Redakteuren als nur schwer sendbar eingestuft wurde, kämpfte man mit hausgemachten Problemen. Mit Peter Schulze holte sich Sartorius vor zwei Jahren dann einen künstlerischen Leiter, der in seiner Zeit als Hörfunkredakteur selbst viele Jahre dem ARD-Gremium angehört hat. Fast bescheiden liest sich da jetzt das Resümee der Festivalleitung nach 40 Jahren. Das JazzFest habe sich einen "Stammplatz im Berliner Kulturherbst" erobert, heißt es. Aber liegt nicht gerade auch in der Standortgebundenheit der Künstler ihre Kernkompetenz? Je mehr local man ist, desto größer die Chance auf unbeschränkte Entwicklung.------------------------------Das Jubiläumsprogramm // Das Berliner JazzFest 2004 wird morgen um 19 Uhr mit einem Konzert in der Philharmonie eröffnet. Dort spielt u.a. die NDR-Bigband mit den früheren Festivalleitern George Gruntz und Albert Mangelsdorff; das Willliam Breuker Kollektief interpretiert George Gershwins "Rhapsody in Blue". Bis zum 7. November gibt es dann Konzerte im Haus der Berliner Festspiele, im Hörsaal der UdK, in der Kulturbrauerei und im Quasimodo.Höhepunkte im Haus der Festspiele: das ICP Orchestra mit Misha Mengelberg und Han Bennink (Freitag); der Saxofonist Bennie Wallace mit seinem "Coleman Hawkins Centennial Project" (Sonnabend); der Saxofonist Charles Lloyd mit dem Tabla-Spieler Zakir Hussain sowie die "Let Freedom Ring!"- Suite des jungen Tenorsaxofonisten Denys Baptiste (Sonntag).Ausführliches Programm unter www.jazzfest-berlin.de------------------------------Foto: Soundcheck in der Philharmonie, 1969: Don Cherry mit seiner Tochter Neneh.