Das Jüdische Museum sammelt in aller Welt Ausstellungsstücke zum Leben der Juden in Deutschland: Ein Handtuch aus New York

Die beiden Spiegelkommoden und der Kleiderschrank haben die weite Reise schon einmal gemacht, doch in umgekehrter Richtung. Im Jahr 1938 floh die jüdische Familie Scheuer mit ihren beiden Töchtern Edith und Elfriede aus dem von den Nazis regierten Deutschland in die USA. Elfriede Scheuers Sohn Raymond Wolff kam dort auf die Welt. "Meine Mutter ist nicht glücklich darüber, dass die Sachen nach Berlin zurückkommen", sagt er, "sie mag Deutschland nicht besonders." Doch sie hat sich von ihrem Sohn überreden lassen. Ihre Möbel werden künftig in dem bislang noch leeren Libeskind-Bau ausgestellt. Raymond Wolff arbeitet dort im Ausstellungsteam mit. Fotos, Briefe, Bilder, Tagebücher und Urkunden - im Jüdischen Museum ist alles willkommen, was Auskunft über das jüdische Leben in Berlin und Deutschland geben kann. Die dunkel furnierten Möbel der Familie Scheuer haben keinen bemerkenswerten Stil. Interessant werden sie allein durch ihre Geschichte. Die Kommoden und der Schrank haben die Familie auf all ihren Wegen im Exil begleitet. Sie wurden aus dem Haus in der Heimatstadt Staudernheim nach Frankfurt am Main gebracht und fuhren mit einem Schiff der United-States-Linie nach New York. Sie standen im Haus der Familie in St. Louis, Missouri, später in New Jersey. "Von außen sahen unsere Häuser amerikanisch aus", sagt Raymond Wolff. "Aber wenn man eintrat, war man in Deutschland." Als die Möbel am Freitag ausgepackt wurden, machte er mit einer kleinen Kamera Fotos. "Für mich ist das sehr bewegend", sagte er. Doch eine familiäre Verbindung zwischen Stiftern und Mitarbeitern wie im Fall von Raymond Wolff und seiner Mutter ist die Ausnahme. Die Archivare müssen auf anderem Weg versuchen, die in der ganzen Welt verstreuten ehemaligen deutschen Juden zu erreichen. Sie haben deshalb zum Beispiel Anzeigen in Emigrantenzeitschriften veröffentlicht. Zu den 700 Familienkonvoluten aus der Jüdischen Abteilung des Berlin-Museums sind seitdem 100 weitere dazugekommen.Die Stifter brauchen VertrauenSelten umfasst eine Einzel-Sammlung eine ganze Wohnungseinrichtung. Manchmal besteht sie nur aus einem einzigen Foto. Paul Kuttner aus New York hat dem Museum ein Handtuch geschickt. Seine Mutter gab ihm dieses Tuch 1939, als er mit einem Kindertransport nach England geschickt wurde. Zu dem Handtuch legte er ein Foto, das seine Mutter in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main zeigt. Kurz nachdem die Aufnahme gemacht wurde, war sie deportiert worden. Paul Kuttner, der heute in New York lebt, hat nie wieder etwas von seiner Mutter gehört."Sich von so etwas zu trennen, ist sehr schwer", sagt die Archivarin Leonore Maier. Manche Stifter zögerten monatelang, bevor sie dem Museum ein Erinnerungsstück zur Verfügung stellen. Der Kontakt zwischen Stiftern und Sammlern ist deshalb besonders wichtig. Den Nachfahren der aus Deutschland Vertriebenen fällt es meist leichter, sich von Dokumenten zu trennen, als ihren Eltern oder Großeltern. Sie haben im Heimatland ihrer Vorfahren keine traumatischen Erfahrungen gemacht. Mit Hilfe des Museums hoffen sie, die Erinnerung an ihre Familienangehörigen bewahren zu können. Trotzdem gehen oft viele Briefe hin und her, bevor jemand dem Museum etwas überlassen mag. Erhard Stern aus London hat zuerst nur einige Fotos nach Berlin geschickt. Die kleinen Schwarzweißaufnahmen zeigen die gutbürgerliche Wohnung seiner Familie in der Prager Straße in Berlin-Wilmersdorf, eingerichtet mit schweren Jugendstilmöbeln und einer reich gemusterten Tapete. Kurze Zeit später kam die Doktorarbeit seines Vaters, dann trennte er sich von der Hochzeitsurkunde seiner Eltern, von der Visitenkarte seines Vaters, der als Anwalt und Notar arbeitete, und schließlich von dem Türschild, das die Familie mit auf die Flucht genommen hat. Leonore Maier nimmt behutsam die schmale dunkle Platte aus einer Plastikhülle. In goldener Schreibschrift ist der Name von Erhard Sterns Vaters eingraviert. Seine Eltern hätten in England nie richtig Fuß gefasst, schrieb Erhard Stern nach Berlin. "Sie waren nicht geeignet für das Leben in der Fremde." Zuletzt hat Erhard Stern Werbematerial von der Berliner Zigarettenfabrik seines Großvaters geschickt. Kleine Plakate mit rauchenden Männern, die einen Fez tragen, und Fotos von einem U-Bahn-Waggon, an dessen Wänden für Zigaretten der Marke "Problem" geworben wird. Leonore Maier hat Erhard Stern daraufhin gebeten, seine Erinnerung an diese Fabrik aufzuschreiben. Diese Bitte habe ihn überrascht, sagt sie. Denn so wie Erhard Stern gehen viele Stifter davon aus, dass die Ausstellungsmacher allein der Holocaust interessiert. Doch das Jüdische Museum möchte die Lebenswelt der Juden in Deutschland von seinen Anfängen bis in die Gegenwart darstellen. Auch den Neuanfang der Flüchtlinge im Exil wollen die Ausstellungsmacher und Archivare zeigen. "Wir sind kein Holocaust-Museum", sagt die Archivarin Gisela Freydank. Doch sie sagt auch, dass eine Konzentration auf diesen Abschnitt der jüdischen Geschichte fast unvermeidlich sein wird. Gisela Freydank sammelt schon seit Mitte der 80er-Jahre Dokumente und Erinnerungsstücke zur deutsch-jüdischen Geschichte, damals noch für die jüdische Abteilung des Berlin-Museums. Sie musste sich dabei auf die jüdi- sche Geschichte in Berlin beschränken. Nun sucht sie nach Stücken aus ganz Deutschland. Gisela Freydank ist froh darüber, dass diese Stücke nicht mehr offensichtlich jüdisch sein müssen wie für das Berlin-Museum. "Viele Juden haben sich als Deutsche gefühlt, das ist Teil ihrer Geschichte", sagt sie. Das Haus hat zudem vor allem den Anspruch, den Alltag der deutschen Juden darzustellen. Sicher werden die Einsteins, Rathenaus und Liebermanns dabei eine Rolle spielen, aber es geht eben gerade auch um die Schicksale unbekannter Familien. Viele Stücke aus den USADie vier Archivare und rund 30 Ausstellungsmacher sind nicht wählerisch. Sie nehmen alles, was ihnen angeboten wird, wenn es nur einen Bezug zur deutsch-jüdischen Geschichte hat. Denn was auf den rund 5 000 Quadratmetern der ständigen Ausstellung keinen Platz findet, kommt ins Archiv und dient später der Forschung. Die meisten Exponate kommen aus den USA. Einige Gruppen ehemaliger deutscher Juden erreichen die Aufrufe jedoch kaum. Orthodoxe, die meist in Israel leben, etwa oder die so genannten polnischen Juden, die eher Polen als ihre Heimat ansähen, sagt Gisela Freydank. Viele Stücke werden dem Museum auch von in Berlin lebenden Stiftern anvertraut. Nicht alle sind Juden. Eva Voßberg zum Beispiel hat dem Museum eine kleine Alabasterfigur gebracht. Ihr Vater habe diese während der Nazizeit von seinem Kollegen Alfred Zimmt zur Aufbewahrung bekommen. Die beiden hätten im Berliner Bankhaus Marcus Schiffnelken gearbeitet. Nachdem Alfred Zimmt seine Arbeit verloren hatte, habe ihr Vater dessen Familie mit Lebensmitteln versorgt, sagte Eva Voßberg den Archivarinnen. Eines Tages habe er die Wohnung versiegelt vorgefunden, die Zimmts war verschwunden. Museums-Mitarbeiter haben die Namen der Familie im Gedenkbuch der ermordeten Berliner Juden gefunden. Alfred Zimmt, seine Frau Charlotte und die beiden 15 und 13 Jahre alten Töchter Margot und Ursula waren im März 1943 nach Auschwitz deportiert worden. Die Alabasterfigur habe all die Jahre einen Ehrenplatz in ihrer Wohnung gehabt, sagte Eva Voßberg. Doch sie hat offenbar nie das Gefühl gehabt, dass diese Figur wirklich ihr gehört. Das Jüdische Museum hält sie nun für den besseren Ort."Es fällt Stiftern oft schwer, sich von einem Erinnerungsstück zu trennen. " Leonore Maier, Archivarin BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Noch ist das Jüdische Museum leer. Vom Herbst 2001 an wird dort eine ständige Ausstellung über jüdisches Leben in Deutschland zu sehen sein.BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Das Foto zeigt die Familie Scheuer vor ihrem Haus in Staudernheim in Rheinland-Pfalz. Emil Scheuer besaß dort eine Kolonialwarenhandlung. Ihre Möbel nahm die Familie mit ins Exil in den USA. Nun sind zwei Kommoden und ein Schrank nach Deutschland zurückgekommen. Sie werden künftig im Jüdischen Museum gezeigt.