In Berlin ist die Zeit der großen urbanistischen Visionen vorbei, die Aufbruchsstimmung auch. Stattdessen langweilen uns überall die gleichen öden Lochfassaden, die Townhouses, Einkaufszentren, Luxuslofts, aufgeschickten Bürohühnerställe und was die Immobilienwirtschaft sich sonst noch ausgedacht hat. So ist der ehemalige Blumengroßmarkt gegenüber des Jüdischen Museums tatsächlich eines der letzten Gelände im Herzen der Hauptstadt, wo etwas wirklich Neues entstehen könnte. Ja, könnte. Doch so, wie die Zeichen jetzt stehen, droht das Szenario von Mitte und Prenzlauer Berg jetzt auch in Kreuzberg: Erst kommen die Freaks und Kunst und Kultur, dann die Käufer von teuren Eigentumswohnungen.Dem Jüdischen Museum ist nicht vorzuwerfen, dass es seine Interessen verfolgt. Mit seinen jährlich 750 000 Besuchern hat es in den zehn Jahren seines Bestehens viel zur Belebung des Viertels beigetragen, das zuvor lange eine reine Wohnwüste am Mauerstreifen war. Noch gibt es hier eine typisch Kreuzberger Mischung. Die Touristenströme treffen auf prekär lebende Migranten, seit einigen Jahren ist die Gegend aber auch in der Kreativszene beliebt. 70 Galerien, 30 Architekturbüros, eine Hochschule für Mediendesign und eine freie Kunstakademie haben sich in der südlichen Friedrichstadt zwischen Halleschem Tor und Leipziger Straße angesiedelt.Und mittendrin fand bis vor einigen Jahren in einer fast 7000 Quadratmeter großen Halle der Berliner Blumenhandel statt. Mit großzügigen Randflächen ein bedeutendes Areal, das nach dem Auszug des Großmarkts leer stand. Viel sprach dafür, in dem Betonbau mit seinen rhythmisierten Shed-Dächern die Kunsthalle anzusiedeln, die der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit der Szene zu Beginn dieser Legislaturperiode versprochen hatte - und die er jetzt pünktlich zur nächsten Wahl aus Geldmangel begrub.Statt der Gegenwartskunst, die in einer flugs gegründeten Initiative für die Blumenmarkthalle kämpfte, erhielt das direkt gegenüber liegende Jüdische Museum mit Hilfe von Kulturstaatssekretär André Schmitz den Bau vor zweieinhalb Jahren. Der Kaufpreis wird nicht genannt. Er entspreche der Kulturnutzung, war also nicht allzu hoch. Elf Millionen Euro kostet der Umbau. Sechzig Prozent trägt der Bund, der Rest ist privat finanziert, vor allem von den amerikanischen Freunden des Museums und dem 2010 verstorbenen Mäzen Eric F. Ross, nach dem der Bau künftig heißen wird. Im Sommer 2012 soll die Eröffnung seinDie Blumenhalle wird nicht für Schauflächen, sondern für eine "Akademie" ausgebaut. Durch den großen Erfolg platzt das Museum vor allem mit seinen didaktischen und wissenschaftlichen Diensten aus allen Nähten. Die Bibliothek und das Archiv - beide stark gewachsen - erhalten Depots und Arbeitsräume für Forscher. Es entstehen Räume für die Workshops, die jährlich 100 000 Besucher nutzen, und die Mitarbeiter bekommen neue Büros.Das Museum, das gestern zu einer ersten Begehung der Baustelle einlud, bleibt dem Hausarchitekten Daniel Libeskind treu. Verständlich: Ohne dessen spektakuläre Bauskulptur hätte es nie solchen Weltruhm erlangt.Libeskind reagiert mit einem Haus-in-Haus-Konzept auf die Tatsache, dass die Blumenhalle für diese Besucherakademie eigentlich viel zu groß und völlig ungeeignet ist. Mit drei schrägen Kuben, die er aus dem Hallenboden wachsen lässt, zitiert er seinen eigenen "Garden of Exile" auf der anderen Straßenseite. Einer der Würfel schiebt sich als Eingang durch die Fassadenwand, lässt aber mit typisch Libeskindschen Glasdurchbrüchen auch viel Licht herein. Im Inneren taumeln zwei Blöcke gegeneinander und treiben ihr dekonstruktivistisches Verwirrspiel: einer wird Bibliothek samt Lesesaal, der andere ein Auditorium. Seminar-, Archiv- und Verwaltungsräume kommen in Riegeln entlang der Längswände unter. Ein Drittel der Halle wird vorerst gar nicht gar nicht gebraucht und bleibt als Rohbau stehen.Libeskind bemüht sich um nachhaltiges Bauen und einen sparsamen Energiehaushalt. Alle Einbauten sind aus Holz, die weite Halle soll selbst in strengen Wintern nicht beheizt werden. Ein Problem ist das für den "Garten der Diaspora", den das französische Landschaftsarchitekturbüro atelier le balto in der Freifläche zwischen den Längsriegeln und den schrägen Kuben gestaltet. Durch die Shed-Dächer nur von Nordlicht versorgt und in strengen Wintern frostgefährdet, kommen nicht viele Pflanzen in Frage, vor allem Schattengewächse. Le balto setzt Libeskinds schräge Elemente fort und arrangiert auf einem Holzplankenboden vier Plateaus - wie freischwebend. Ihr Konzept ist ziemlich verkopft und passt zu Libeskinds zitatbeladener Baukunst. "Bildung", "Kultur", "Natur" und "Landschaft" sind die Themen der Pflanzenflächen.Über allem bleibt Bruno Grimmeks Betonskelett (1962-65) sichtbar, ein elegantes Tragwerk mit raffinierten Details. Grausig der Gedanke, dass dieser Industriebau nach dem Auszug des Blumenmarkts eigentlich für ein großes Luxuswohnareal abgerissen werden sollte.So weit, so gut. Aber was geschieht auf den Mantelflächen rund um die Halle? Die rührige Initiative Kreativquartier Südliche Friedrichstadt kämpft seit Jahren dafür, dass hier etwas anderes entsteht als die üblichen Hotels, Hostels und Luxuswohnungen. In zahllosen Workshops und in aufwendiger Basisarbeit vor Ort führten die Soziologen und Planer vor, was dieses Viertel wirklich bräuchte, nämlich die Verdichtung dessen, was hier in den letzten Jahren entstand: eine kleinteilige Mischung aus Kultur, Bildung, mittelständischen Firmen und Angeboten für die arme Nachbarschaft.Der Liegenschaftsfonds, der das Filetstück vermarktet, hat sich aus dem Konzept jetzt nur das herausgepickt, was ihm passt, und bietet unter dem peinlichen Titel "Checkpoint Art" fünf millionenteure Teilflächen meistbietend an. Bis 15. November läuft die Ausschreibung, aber wie soll ein sozial engagierter Kleininvestor hier mithalten können? Wie das ausgeht, ist an unzähligen Edel-Ecken Berlins abzulesen. Schöne Neue Welt - wer nicht dazu gehört, hat selber Schuld. Wieder einmal hat die Stadtentwicklungspolitik im entscheidenden Moment versagt. Hat sie eigentlich noch etwas anderes im Sinn als nur das Versilbern von landeseigenen Flächen? Hier hätte es einmal anders laufen können.------------------------------In strengen Wintern wird es in der unbeheizten Halle frostig kalt.Foto: Die digitale Animation zeigt Libeskinds schräge Einbauten.