Stellen wir uns eine Wüste vor, einen Ort, für den wenig spricht außer seine günstigen Bodenpreise. Hier tut einer plötzlich etwas auf, er kultiviert eine Oase, in der man sich nicht nur erfrischen kann, sondern auch geistreich unterhalten wird. Man bemerkt das eines Tages auch außerhalb der Wüste und lädt den Entdecker ein, sich auch dort vorzustellen, wo man keine Oasen braucht, weil man genug zu trinken und zu plaudern hat. Würde man in der Wüste nicht denken: Unglaublich, einer von uns zeigt der Welt, dass wir mehr zu bieten haben als Sand! Würde man nicht stolz sein auf so jemanden?Nicht, wenn die Wüste Marzahn-Hellersdorf heißt. In sechs Jahren hingebungsvoller und lachhaft bezahlter Arbeit hat der Dirigent Jobst Liebrecht an der dortigen Musikschule das Jugend-Sinfonieorchester (JSO) zu einem Ensemble geformt, das allein für nächstes Jahr Einladungen von den Berliner Philharmonikern, dem Konzerthaus Berlin und den Salzburger Festspielen vorweisen kann. Das Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester hat mit dem JSO zusammen eine CD mit Musik von Paul Hindemith aufgenommen - damit ist aber die Neugier von Orchester und Dirigent für die Moderne noch lange nicht gestillt: Regelmäßig spielt es in Neukölln und Kreuzberg neue Musik. Ein unglaublicher Reichtum, ein unbezahlbarer Wert für den kulturell eher mager aufgestellten Bezirk.So sollte man denken. Aber der neuen Leiterin der Musikschule und dem Bildungsstadtrat Stephan Richter (SPD) passt das nicht ins musikpädagogische Konzept. Zu elitär, zu teuer. Nachdem Jobst Liebrecht Ende 2010 rund 40 000 Euro für sein Orchester zugesagt waren, beschloss das Bezirksamt im April 2011 eine Kürzung des Orchesteretats. Begründet wurde das mit einem neuen musikpädagogischen Schwerpunkt: Die bis dahin kleinste Musikschule Berlins braucht dringend mehr Schüler. Die Anwerbung war so erfolgreich, dass schneller als geplant mehr Geld für Lehrer-Honorare nötig wurde, und weil das aus dem Haushalt des Senats nicht sofort abrufbar ist, muss der Bezirk mit 200 000 Euro einspringen. Dafür versprach die Musikschule, hier und da zu sparen. Weil der Erfolg des JSO innerhalb ihrer Mauern auch Neidgefühle weckte, knapste man von den 40 000 Euro einfach knapp 10 000 Euro ab.Man möge sich in Sachen Arbeitsaufwand bitte nicht hervortun und sich an anderen Gruppen wie dem Zupforchester orientieren. Nach Auskunft von Stephan Richter haben sich schon Eltern beklagt, dass ihre Kinder bessere Abiturnoten haben könnten, wenn sie nicht elfmal im Jahr auftreten und für die Auftritte proben müssten. Kopieren und organisieren könnten Liebrecht und sein Mitarbeiter schließlich auch in ihrer Freizeit. Passt euch gefälligst wieder unserem üblichen Mittelmaß an! Die Verpflichtung junger Profimusiker für die Konzerte ist doch unredlich, dann klingt das JSO doch besser als es in Wirklichkeit ist!Hier zeigt sich, wie wenig die Verantwortlichen in Musikschule und Rathaus von der Sache verstehen. Warum sind denn die jährlichen Mitsingkonzerte des Rundfunkchores so beliebt? Weil die Profisänger die Leistung der Laien ins Rosarote verzerren? Nein, weil die Berufssänger die Laien begeistern, mitziehen, über sich hinaus wachsen lassen. Profis unter Laien oder Noch-nicht-Profis haben also eine im höchsten Maße pädagogische Funktion. Die jungen Orchestermusiker haben sich jedenfalls nicht beklagt, auch nicht über den Arbeitsaufwand: Als sie von den Kürzungen erfuhren, organisierten sie sofort eine Online-Petition für deren Zurücknahme. Denn was man in einem Orchester erfährt, was man auf Tourneen erlebt, das ist allemal ein paar spekulative Zehntelpunkte der Abiturnote wert.Bei der Bezirksverordnetenversammlung rennt das Engagement des Orchesters offene Türen ein. Zweimal wurde hier schon für den Erhalt des Orchesters in seiner jetzigen Struktur gestimmt; das Wenigste, sagt Grünen-Abgeordnete Bernadette Kern, wäre ja wohl eine Abstimmung des neuen Musikschul-Konzepts mit dem JSO, statt Zusagen zurückzuziehen. Das Bezirksamt aber ignoriert die Beschlüsse, argumentiert mit Honorarverträgen, die keine Organisationsstunden vorsähen.Gern schmückt sich der Bezirk bei Openair-Konzerten mit dem Orchester. Auch ist es nur Liebrechts Engagement für neue Musik zu verdanken, dass sich die Musikschule prestigeträchtig nach Hans Werner Henze nennen darf. Der zeigt sich über den kühlen Umgang des Amtes mit dem Orchester genauso entsetzt wie der erfolgreiche Opernkomponist Detlev Glanert, der in einem offenen Brief die Bezirks-Kulturpolitik so beschrieb: "Sie wollen eine Pyramide, sind aber nur bereit das Fundament zu finanzieren, während alles darüber aus ideologischen Gründen abgelehnt wird." Mehr noch: Der Vorschlag von Musikschule und Bezirk, das Orchester mit privaten Mitteln - also zusätzlichen Beiträgen der Musikschüler - auf dem erreichten Niveau zu halten, sperrt gerade jene wieder von der Hochkultur aus, die sich diesen Beitrag nicht leisten können. Ein interessantes, aber konsequentes Konzept für einen von Rot-Rot regierten Bezirk: Wenn man Hochkultur ohnehin ablehnt, ist natürlich auch nicht einzusehen, warum man so ohne Weiteres in ihren Genuss kommen sollte.Wenn nicht ein Wunder geschieht und das Bezirksamt von seinem Vernichtungskurs abkommt, müssen Jobst Liebrecht und seine Musiker - letzte Woche mit Uraufführungen auf Orchesterfahrt in Waldsassen - sich in Zukunft mit Weihnachtskonzerten in der heimischen Musikschul-Aula begnügen.------------------------------Das Orchester hat 2012 Einladungen von den Berliner Philharmonikern, dem Konzerthaus und den Salzburger Festspielen.Foto: Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf will, dass die Musiker des Jugend-Sinfonieorchesters sich nicht mit ihrem Arbeitsaufwand hervortun und weniger üben.