Nach dreieinhalb Jahren Bauzeit präsentiert sich das Kaufhaus des Westens in moderner Gestalt. Zur heutigen Galanacht anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums sind die Umbauarbeiten endgültig abgeschlossen. Das große Kaufhaus ist wie eine kleine Stadt: mit eigener Feuerwehr, eigener Stromversorgung für den Notfall, Krankenschwester, Kindergarten, Restaurants, Friseur, Theaterkasse und vielen Geschäften unter einem Dach. Manches davon bleibt den Kunden verborgen. Hinter den Kulissen wird alles getan, damit die Stadt funktioniert. 40 Millionen Euro investierte der Mutterkonzern Karstadt, um das KaDeWe, das mit Häusern wie den Galeries Lafayette in Paris oder Harrods in London zu den führenden der Welt zählt, auch künftig international in der ersten Liga zu halten. Das Kaufhaus, früher unübersichtlich und dunkel, ist heller geworden. Die Wege in den Verkaufsetagen sind jetzt breiter, die Rolltreppen sind leichter zu finden. Kunden schlendern an der "Parfuminsel" vorbei, die mit rosafarbenem Sofa und schwarzen Säulen Boudouir-Atmosphäre verleiht. In der Dessousabteilung stehen auf einem Podest Schaufensterpuppen vor einer Skulptur, die einen Baum mit dünnen, weißen Ästen darstellt. Ein Kunde bestaunt die kunstvoll angeordneten Krawatten in der Herrenabteilung. "Wie ein Gemälde", sagt er.Auch das Sortiment hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Gab es im Kaufhaus des Westens früher praktisch alles nur Denkbare zu kaufen, liegt der Schwerpunkt inzwischen auf Mode. Geschäftsführer Patrice Wagner hat zahlreiche berühmte Marken ins Haus geholt, die auf dem neuen Luxusboulevard im Erdgeschoss eigene Shops eröffnet haben. Das war nicht einfach, denn normalerweise präsentieren sich Designer nicht in einem Kaufhaus. Sie bevorzugen eine exklusivere Kulisse - die ihnen das KaDeWe seit dem Umbau aber bietet, sagt Wagner.Das Erdgeschoss war 2004 der erste Bereich, der modernisiert wurde. Heute werden dort neben Mode Uhren und Schmuck sowie Kosmetika verkauft. Im Jahr darauf wurden in der ersten, zweiten und dritten Etage neue Mode-Abteilungen eröffnet.Adolf Jandorf, der Gründer des KaDeWe, galt als ein Mann, der seiner Zeit voraus war. Auch Wagner will Trends setzen und versteht sein Haus als eine Art Ideenschmiede. Der gebürtige Franzose, vor fünf Jahren von den Galeries Lafayette in der Friedrichstraße zum KaDeWe gewechselt, will das Kaufhaus international stärker als Departmentstore der Luxusklasse etablieren.Und so fliegen Touristen inzwischen übers Wochenende nach Berlin, um im KaDeWe zu shoppen. Überall im Haus hört man Russisch, Spanisch, Englisch. Das Kaufhaus ist wohl so bekannt wie das Brandenburger Tor. Die größte Attraktion ist jedoch die Feinschmeckeretage. Sie zieht täglich tausende Touristen - und Berliner an, die sich an der Austernbar vergnügen oder die Auswahl an Schokolade bewundern. "Vor allem sind unsere Kunden jünger geworden", sagt Sprecherin Claudia Gellrich. "Viele kommen inzwischen auch aus Mitte und Prenzlauer Berg."Die Geburtstagsgala bildet den Abschluss der Feierlichkeiten, die bereits im März begonnen hatten. 1 500 Prominente aus Politik, Wirtschaft und Medien werden heute Abend erwartet, um die Erfolgsgeschichte des Hauses am Wittenbergplatz zu feiern.------------------------------DER WEG DER WARE1. Die Kundin: In Größe 38 ist der graue Hosenanzug, den eine Kundin kaufen will, nicht mehr da. Die Verkäuferin aus der Designabteilung in der zweiten Etage des KaDeWe muss nachbestellen und ruft beim Hersteller in Baden-Württemberg an. Denn Lagerfläche hat das Kaufhaus kaum. Fast alle der 380 000 Artikel, die täglich angeboten werden, sind in den Verkaufsräumen. Nachgeordert wird daher kurzfristig.2. Das Lager: Der Hosenanzug wird am folgenden Tag vom Werk des Herstellers in Baden-Württemberg in ein Lager in Brieselang westlich von Berlin transportiert. Dort wird geprüft, ob es sich um die angeforderte Ware handelt, ob Artikelnummer, Größe und Farbe stimmen. Der Eingang wird verbucht, der Hosenanzug ausgepreist, bevor die Fahrt am nächsten Tag weiter nach Berlin geht. Drei- bis fünf Mal täglich fährt ein Sattelzug von Brieselang zum Kaufhaus.3. Die Lieferanten: Juweliere, Schmuckhersteller, aber vor allem Lebensmittelhändler liefern ihre Waren selbst an. Für sie gibt es die Rampe 2 an der Ansbacher Straße. 100 Lkw fahren dort täglich vor.4. Die Warenannahme: Am Tag 2 nach Warenbestellung fährt in Brieselang um 7 Uhr der Lkw ab, in der Warenannahme des Kaufhauses geht im EDV-System die Nachricht ein, dass die Lieferung unterwegs ist. Eine Stunde später trifft sie an Rampe 1 an der Passauer Straße ein. Die Sattelzüge fahren genau nach Zeitplan los, damit es keinen Stau am Kaufhaus gibt. Der letzte Lkw kommt gegen 15 Uhr. Der Hosenanzug wird entgegengenommen, registriert und auf einen Bügel gehängt.5. Der Transport: Der Hosenanzug wird mit einem Lastenaufzug in einen kleinen Lagerraum in die Designabteilung im zweiten Stock gebracht. Gleichzeitig sammeln "Warenbeweger", wie die Transporteure genannt werden, Klappboxen, Rollstangen, Kartons ein und entsorgen sie im "Abwurf", den es auf jeder Etage gibt.6. Die Verkäuferin: Das Personal findet den Hosenanzug bei Arbeitsbeginn vor. Er wird gegen Diebstahl gesichert und in den Verkauf gebracht. Die Verkäuferin, die den Anzug nachbestellt hat, hat die Kundin am Vortag benachrichtigt, dass sie das Kleidungsstück abholen kann. Wenn gewünscht, liefert das Kaufhaus auch aus.------------------------------GESTERN UND HEUTEEröffnung: Der Kommerzienrat Adolf Jandorf eröffnet am 27. März 1907 das Kaufhaus des Westens am Wittenbergplatz. In zwei Jahren Bauzeit hatte der Architekt Johann Emil Schaudt das Warenhaus errichtet. Auf fünf Etagen und 24 000 Quadratmeter Verkaufsfläche präsen- tiert das KaDeWe ein für die damalige Zeit riesiges Sortiment, das Kunden aus ganz Berlin anlockt.Besitzerwechsel: Im Jahr 1927 übernimmt Hermann Tietz das Kaufhaus und gliedert es in seinen Hertie-Warenhauskonzern ein. Er lässt das Gebäude erweitern. 1933 sperrt eine Bankengruppe die Kredite und erzwingt so den Verkauf der Hertie-Kette. Im KaDeWe wird ein "arischer" Geschäftsführer eingesetzt.Zerstörung: Während des Zweiten Weltkriegs stürzt ein amerikanisches Flugzeug ins KaDeWe und zerstört das Gebäude fast vollständig. Das Kaufhaus zieht in einen Notverkauf im Femina-Tanzpalast an der Nürnberger Straße. 1950 ist das Warenhaus wieder aufgebaut. 180 000 Besucher kommen am ersten Tag. Das KaDeWe gilt als Symbol des Neuanfangs.Nachkriegszeit: 1956 ist der Aufbau aller sieben Etagen abgeschlossen, die Feinschmeckeretage wird eröffnet. In den Jahren nach 1945 deckt das Kaufhaus vornehmlich den Grundversorgungsbedarf. Erst in den siebziger Jahren werden wieder mehr Luxusartikel angeboten.Nach dem Mauerfall: 1994 übernimmt die Karstadt AG (heute Karstadt Quelle AG) den Hertie-Konzern. Das Haus hat einen neuen Eigentümer. Die Verkaufsfläche wird erweitert. Unter einer neuen Glaskuppel entsteht ein Restaurant in der siebten Etage.Nach dem Umbau: 60 000 Quadratmeter Verkaufsfläche gibt es dort jetzt. Das entspricht ungefähr der Größe des Olympiastadions sowie von vier weiteren Fußballfeldern. Das Kaufhaus ist eines der größten Warenhäuser weltweit.Die Attraktion: Die Feinschmeckeretage im sechsten Stock ist mit 7 500 Quadratmetern die größte Europas. Sie bietet 34 000 verschiedene Produkte. Es gibt mehr als 30 Gourmetstände. Besonders umlagert ist die Austernbar. Rund 500 Mitarbeiter, darunter 150 Köche und Konditoren, sind in der Feinkostabteilung beschäftigt. Ihnen stehen insgesamt 352 Elektroküchengeräte für ihre Arbeit zur Verfügung. Für die Kunden gibt es auch einen Cateringservice sowie zwei Restaurants mit eigenen Küchen.------------------------------Grafik: SO FUNKTIONIERT DAS KAUFHAUSZENTRALE: In der siebten Etage schlägt das Herz des Hauses. Neben dem Restaurant sind, unsichtbar für die Kunden, Stromversorgung, Verwaltung, Werkstätten, Lager- und Kühlräume untergebracht. Auch die Krankenschwester, die Erste Hilfe leistet, hat hier ihren Arbeitsraum.TRANSPORT: Im Gebäude gibt es 64 Rolltreppen sowie 26 Aufzüge, darunter neun Lastenaufzüge. Die Personenaufzüge fahren vom Erdgeschoss bis in die sechste Etage, die beiden gläsernen Fahrstühle im Lichthof fahren bis zum Restaurant im siebten Stock.HAUSTECHNIK: Elektriker, Schlosser und Schreiner sind für die Reparaturen zuständig, die täglich anfallen. Ihre Werkstätten haben sie überall im Haus. Sie sorgen auch dafür, dass Licht und Lüftung funktionieren - und angenehme Temperaturen herrschen, 22 bis 24 Grad.ETAGENPLAN: Im Erdgeschoss gibt es Mode, Schmuck, Uhren, Kosmetik. Die erste Etage ist den Herrenkollektionen vorbehalten, die zweite der Damenmode. In der dritten Etage gibt es Wäsche, Porzellan in der vierten, Hightech in der fünften - und Feinkost in der sechsten.LAGER: Im Keller werden Putzmittel, Büromaterial, aber auch einige Waren gelagert. Hier gibt es den Weinkeller, Werkstätten - und für die Angestellten Garderoben, Umkleidekabinen, Duschen und Toiletten. Auch die Personaleingänge mit Stechuhren befinden sich im Untergeschoss.SICHERHEIT: Die Feuerwehrabteilung des KaDeWe ist rund um die Uhr besetzt. 21 Feuerwehrleute und Ersthelfer sind in dem Warenhaus beschäftigt. Auch 60 Feuerschutzrolltore sollen für Sicherheit sorgen. Bei Rauchbildung rollen sie sich automatisch herunter.PERSONAL: Rund 2 000 Mitarbeiter sind in dem Warenhaus beschäftigt. Die meisten Angestellten haben eine Vier-Tage-Woche. Dafür beginnt ihr Arbeitstag um 9.55 Uhr und endet erst um 20.10 Uhr. Der Pförtner geht um 21 Uhr. Die ersten sind morgens die Bäcker. Ihre Schicht fängt um 1 Uhr an.KUNDEN: 50 000 Besucher werden pro Tag durchschnittlich gezählt. Der Anteil der Touristen beträgt 40 Prozent. Die meisten sind Deutsche, aber auch Asiaten, Russen, Spanier und Italien, sagt die Geschäftsführung. Das Haus zählt zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Berlins.------------------------------Foto: Fruchtmark wird in der Feinkostabteilung im sechsten Stock verkauft.------------------------------Foto: Die neue Parfüminsel im Erdgeschoss des KaDeWe