BERLIN, 20. Oktober. Nur fünf Gehminuten vom neuen U-Bahnhof Pankow entfernt beginnt das Kissingenviertel. Der hauptstädtische Verkehr rauscht über die Prenzlauer Promenade und die Berliner Straße in gebührendem Abstand vorbei. Im Tannenhof hört man die Vögel zwitschern. Zwei Knirpse rasen um den Buddelkasten und lassen sich von den besorgten Ermahnungen ihrer Mütter nicht beeindrucken. Nur ein Flugzeug, das hoch über dem Viertel den Tegeler Flughafen ansteuert, kann für wenige Augenblicke ihre Aufmerksamkeit fesseln. Dann geht die wilde Jagd weiter. Die Jungs wohnen mit ihren Müttern erst zwei Jahre im Viertel. "Die Wohnungen sind zwar klein, aber gemütlich", sagt Franziska Liebhold, die mit ihrem Sohn Christian in einer frisch sanierten Zweizimmerwohnung wohnt, "im Sommer nutzen wir viel den Balkon. Der Blick auf den Hof ist fantastisch." Höfe so groß wie ParksGroße Teile des Kissingenviertels wurden in der zweiten Hälfte der 90er Jahre saniert. Die Wohnungen bekamen moderne Heizungen, die Fenster wurden überholt oder erneuert und die Bäder modernisiert. Inzwischen sind zwei Drittel des Viertels kaum wieder zu erkennen. Die verputzten vierstöckigen Blöcke mit Walmdächern weisen viele interessante Details auf. Auffallend sind die in der Fassade spitz vorspringenden Treppenhäuser und die kleinen Sprossenfenster über den Eingängen. Die größte Attraktion aber sind die Innenhöfe des Kissingenviertels, deren Größe in Berlin Seltenheitswert hat. Sie bieten Raum für ein Fußballfeld und ähneln eher kleinen Parks als Wohnhöfen. Die alten Bäume stammen noch aus den 30er-Jahren. Hinzu kamen nach der Sanierung gemütliche Sitzgruppen für die älteren Bewohner und große Buddelkästen, Rutschen und Klettergerüste für die Jüngsten. Die schönsten Höfe finden sich zwischen der Gemündener Straße und dem Dettelbacher Weg: der Birken-, Kastanien- und Tannenhof. Im Tannen- und Birkenhof bilden zwei üppig bepflanzte Blumenrondelle den Blickfang. Sie stammen noch aus der Vorkriegszeit und wurden bei Gartenarbeiten freigelegt. Mathias Klipp hat vor zwei Jahren beim Bauträger Bavaria die Sanierungsarbeiten dieser Höfe gemanagt. "Wir waren erstaunt, als wir die alten Farben an den Fassaden und Dachsimsen im Tannenhof wieder freigekratzt hatten", sagt er, "da kamen zum Beispiel leuchtende Gelbtöne am Dachsims zum Vorschein, abgesetzt mit einem strahlenden Blau." Dazu passen die blau eingefassten Fenster und das Gelb der Gitter für die Balkonblumenkästen. Der Putz wurde nach altem Vorbild mit Kies gelb und mit Porphyr rötlich gefärbt, so dass sich jetzt die terrakottafarbenen Balkone gut vom hellen Putz abheben. Die Architekten des Kissingenviertels, Paul Mebes und Paul Emmerich, hätten in den 30er Jahren viel Mut zur Farbe bewiesen, sagt Klipp: "Die Häuser lassen sich den heutigen Wohnbedürfnissen problemlos anpassen. Die Wohnungen sind zwar klein, aber dafür bezahlbar. Leerstand kennen wir nicht. Nach der Sanierung haben wir vor allem an Singles und allein Stehende mit Kind vermietet. Man merkt die Verjüngung im Viertel am Betrieb auf den Spielplätzen." Etwa 90 Prozent der Wohnungen im Viertel sind Anderthalb- oder Zweiraumwohnungen mit optimalem Grundschnitt. Küche und Bad mit Fenstern sowie ein Balkon oder eine Loggia gehören zur Grundausstattung. Marie Dietrich schaut von ihrer Wohnung direkt in den Birkenhof. Vor zwei Jahren ist die 91-jährige Rentnerin umgezogen. Sie genießt ihre neuen vier Wände: "Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich in meinem Leben noch mal eine Wohnung mit Zentralheizung und Warmwasser bekomme."