Die Ländereien, mit denen es Volker Scheicher zu tun hat, sind von einem Ausmaß, dass sich für ihre Besichtigung die Benutzung eines Autos empfiehlt. Es handelt sich um Besitztümer von rund 2 000 Hektar, manche mitten in der Stadt, beste Citylage sozusagen, andere etwas außerhalb; es sind Wassergrundstücke dabei und Waldgebiete, große Flächen und kleine, manche bebaut und andere brach. Fast alles steht noch immer zum Verkauf, sehr günstig sogar, doch Interessenten gibt es kaum: Die Immobilien waren dereinst von der Sowjetarmee okkupiert, was nicht zu ihrem Besten war.Scheicher hat in Fürstenberg die Aufgabe, das desolate Erbe der abgerückten Besatzer wieder einer zivilen Nutzung zuzuführen. Er ist Konversionsbeauftragter des kleinen Städtchens hundert Kilometer nördlich von Berlin, ein Amt, für das man vor allem einen unbesiegbaren Optimismus braucht. Denn Fürstenberg mit seinen 5 000 Einwohnern ist mit dem russischen Erbe in besonderer Weise geschlagen. Die "Freunde" hatten zu ihren besten Zeiten hier bis zu 30 000 Mann stationiert, ein Drittel der gesamten Gemeindefläche war fest in russischer Hand. Sie hatten sich auf lange Zeit und ziemlich vollständig eingerichtet: Kasernen, Wohnblöcke, Panzerwerkstätten, Garagen, Truppenübungsplätze, Lagerhallen, Munitionsbunker, eine Feldbäckerei gigantischen Ausmaßes, Sportplatz, Heizhaus, insgesamt 23 Liegenschaften, gleichmäßig über das gesamte Gemeindegebiet verteilt. Die höheren Chargen hatten die noblen Villen am Röblinsee für sich requiriert, je höher der Dienstgrad, desto pompöser und näher am See die Unterkunft. Es war genug Platz, 140 solcher Villen standen noch aus Vorkriegszeiten, als Fürstenberg Luftkurort und Berliner Sommerfrische war, an diesem idyllischen Fleckchen Erde. Als die russischen Militärs 1993 abzogen, waren ihre verlassenen Objekte ein Beweis, dass man auch ohne Waffen Ruinen schaffen kann. Und Fürstenberg konnte für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, der zweitgrößte Konversionsstandort des Landes Brandenburg zu sein. Die Stadt avancierte mit dem Unglück, das in Gestalt der russischen Hinterlassenschaften über sie gekommen war, sogar zu einem dezentralen Projekt der Weltausstellung. Die "Kompaktheit der Konversionsproblematik", wie es in einer Werbebroschüre Fürstenbergs positiv formuliert wird, biete ideale Voraussetzungen dafür, auch dem Expo-Besucher das Thema Konversion darzustellen. Ein leuchtendes Vorbild gewissermaßen für "Konversion im ländlichen strukturschwachen Raum" sollte es werden, das auch Gäste anlocken würde, die "langfristig an die Stadt als Erholungsort gebunden" werden könnten. Ganz so euphorisch ist man heute nicht mehr. Die Liegenschaften waren, wie sich herausstellte, nicht nur in einem erbarmungswürdigen Zustand, sondern auch entschieden größer als die Nachfrage potenzieller ziviler Nutzer. "Die Investoren stehen nicht gerade Schlange bei uns", sagt Volker Scheicher. Fürstenberg liegt außerhalb des Berliner Speckgürtels, eben "im strukturschwachen Norden", und von der Industrie, die zu DDR-Zeiten hier angesiedelt wurde, ist inzwischen nicht mehr allzu viel übrig. Das Kraftfutterwerk ist selbst zur gigantischen Ruine verkommen, das Sägewerk hat Pleite gemacht, und was überhaupt noch existiert, hat zumindest keinen Bedarf an zusätzlichen Produktionsflächen. Auf einem der einst russisch besetzten Territorien ist immerhin ein kleines Gewerbegebiet entstanden, 12 Hektar von 52, die dort eigentlich zur Verfügung stünden; der Rest wird nicht gebraucht. Einen Truppenübungsplatz ist die Stadt an einen Privatmann losgeworden, der dort seine eigene Jagd betreiben wollte, abgerissen wurden mit ABM-Mitteln etliche Wohnblöcke der Russen und ein Kasernengelände an der Bundesstraße 96. Für ein großes Spaßbad, das auf einer anderen Konversionsfläche außerhalb der Stadt geplant war, wird noch immer ein Geldgeber gesucht.Relativ problemlos ließen sich vor allem die Villen am Seeufer vermarkten. Teils meldeten sich die alten Eigentümer wieder, die von den Sowjets, wie sich herausstellte, nicht einmal formell enteignet worden waren und so unschwer in ihre alten Rechte eintreten konnten, für andere Villen fanden sich Interessenten aus der näheren Umgebung oder aus Berlin, die im Gegenzug zu einem günstigen Kaufpreis gewillt waren, die halb verfallenen Häuser wieder herzurichten. Die Röblinsee-Siedlung ist heute zu großen Teilen in neuer alter Schönheit auferstanden, ein Paradebeispiel für erfolgreiche Konversion im Lande Brandenburg.Doch dies waren gewissermaßen die leichteren Fälle, "die Selbstläufer", wie Scheicher sagt. Noch immer harren mehr als zwei Drittel der russischen Hinterlassenschaften im Originalzustand der Aufarbeitung, Objekte wie etwa die Panzerkaserne mit ihren riesigen Hallen und einem unterirdischen Rohrsystem, durch das man mit einem Auto fahren könnte. Solche Objekte abzureißen und zu sanieren ist ein teures Vergnügen, und wenn man von vornherein weiß, dass sich die solcherart bereinigten Flächen auch später mit größter Wahrscheinlichkeit wirtschaftlich nicht verwerten lassen, wird es hoffnungslos. Das investierte Geld kommt nicht wieder herein, ein reines Verlustgeschäft. Die Gemeinde verfügt ohnehin nicht im Entferntesten über die Mittel, die dafür nötig wären. Bis Ende vorigen Jahres gab es für solche Zwecke noch beträchtliche Fördermittel aus einem speziell eingerichteten EU-Fonds, der sich "Konver II" nannte. Damit ist es nun endgültig vorbei, das Programm ist Ende vergangenen Jahres ersatzlos ausgelaufen. "Eine Katastrophe" für Fürstenberg, sagt Volker Scheicher, "jetzt, wo es richtig kostenintensiv wird, bricht die Finanzierung weg." Neue Fördermittel sind nicht in Sicht, auch die Bundesregierung hat bislang nur abgewinkt. Vielleicht wird es ein Landesprogramm geben, vielleicht auch nicht. Scheicher ist empört: "Die lassen jetzt faktisch die Kommunen mit den Spätfolgen des Krieges allein."Neben den gewöhnlichen Altlasten aus der Besatzungsära trägt das kleine Fürstenberg noch an einem zusätzlichen Problem. Zu den Konversionsflächen gehört auch das Territorium des einstigen Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück. Ein kleiner Teil davon wurde 1958 zur Nationalen Mahn- und Gedenkstätte umgestaltet und war damit auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Den Rest nutzten die sowjetischen Militärs ohne größere Skrupel ebenfalls für ihre Zwecke. Die 118. Versorgungsbrigade der II. Gardepanzerarmee richtete hier Tanklager, chemische Lager, Bekleidungslager und die Quartiermeisterei ein, und die 24 Wohnhäuser, in denen einst das SS-Wachpersonal untergebracht war, wurden von russischen Offizieren bezogen. Sie sind sogar in einem relativ guten Zustand erhalten, doch für Volker Scheicher verbietet es sich, sie einfach so als Wohnhäuser weiter zu nutzen. Zumal es sich schon vor mehreren Jahren gezeigt hat, welche Sensibilität im Umgang mit dem Territorium des Frauen-Konzentrationslagers nötig ist. Damals gab es heftige Proteste und hitzige Diskussionen, als auf KZ-Gelände, wenn auch fernab des eigentlichen Lagers, eine Kaufhalle errichtet werden sollte. Die Kaufhalle steht heute noch als Investruine dort, leer und verfallen.Was aber macht man mit einem solchen, von dunkler Geschichte geprägten Terrain? Zum KZ gehörten nicht nur die Baracken für die Häftlinge und die SS-Siedlung, sondern auch SS-Wirtschaftsbetriebe, ganze Fabriken wie die Siemens-Werkstätten, in denen die Frauen für die Rüstungsindustrie schuften mussten, alles in allem ein Gebiet von rund 170 Hektar, von dem ein Teil unter Denkmalschutz steht. Die Nutzung des Gebietes durch die Rote Armee hat dazu geführt, dass viele Gebäude und Anlagen des ehemaligen KZ vollständig oder wenigstens in Relikten erhalten geblieben sind, eine Art Topografie des Schreckens. Nirgendwo anders in Deutschland lassen sich die Dimensionen und die vielfältigen Verflechtungen eines Konzentrationslagers mit seiner Umgebung noch so deutlich machen wie hier. Fast ein Drittel des Stadtgebiets waren zur Nazizeit Areale, die vom KZ direkt oder indirekt genutzt wurden. So war klar, dass es hier nicht allein um die Einrichtung weiterer Gedenkstellen gehen konnte. In einem Wettbewerb, den die Stadt vor drei Jahren zu diesem Thema ausgeschrieben hatte, wurde als Ziel formuliert, dass "das Gesamtsystem des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück an den authentischen Orten erfahrbar" werden soll. Der Wettbewerb wurde vor zwei Jahren erfolgreich abgeschlossen, doch schon bei der Verkündung der Preisträger hatte der damalige Staatssekretär Graf anklingen lassen, dass die Umsetzung des Konzepts ein "schwieriger Prozess" werden könnte. "Voraussetzung hierfür ist Langmut." Er sollte Recht behalten. Unlängst beklagte der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Günther Morsch, dass die KZ-Gedenkstätten im Lande "eher stiefmütterlich" behandelt würden. Allein für die Sanierung der Gedenkstätten in Ravensbrück und Sachsenhausen fehlen 30 Millionen Mark. Mehr als wehklagen, sagt Volker Scheicher sarkastisch, könne man momentan nicht. Er ist jetzt seit acht Jahren im Landkreis und fünf davon in Fürstenberg. Er kam damals aus Bonn in die Ost-Provinz, die Aufgabe hier hat ihn als gelernten Städteplaner gereizt. Manchmal, gesteht er, hat er es bereut, vor allem im Winter, wenn sich in dem Nest eine tiefe Trostlosigkeit ausbreitet. "Aber das wäre mir in jeder westdeutschen Kleinstadt wahrscheinlich genauso gegangen", fügt er fast entschuldigend gleich hinzu. Ans Aufgeben denkt er trotzdem nicht. Mit seiner kleinen Mannschaft von vier Leuten versucht er nach wie vor, Gelder aufzutreiben, Käufer zu finden, Ideen zu entwickeln, doch ohne Hilfe höheren Orts wird das ein Jahrhundert-Job werden. Zwar gibt es im Land durchaus noch andere Fördermittel, doch jeder Bürgermeister wird sich dreimal überlegen, ob er sie für den Abriss einer russischen Kaserne oder doch lieber für die überfällige Renovierung der Schule oder des städtischen Kindergartens einsetzt. Das Einfachste wäre es natürlich, die einstigen russischen Liegenschaften dem Zahn der Zeit zu überlassen, wie es mancherorts etwa mit ehemaligen Truppenübungsplätzen geschieht, die so kurzerhand zum Naturschutzgebiet mutieren. Doch fatalerweise befinden sich die russischen Liegenschaften in Fürstenberg nicht nur schlechthin im Stadtgebiet, sondern auch an "städtebaulich relevanten" Stellen, wo sie sofort ins Auge fallen. Sie verschandeln die Stadt, die idyllisch zwischen drei Havel-Seen liegt und sich deshalb (und natürlich auch mangels anderer Alternativen) vor allem dem Tourismus widmen will. Die Segler und die Motor-jachten sollen nicht nur durch die kleine Schleuse tuckern, sondern anlegen, möglichst für ein paar Tage, ihre Besatzungen sollen Geld ausgeben, Handel und Wandel im Ort beleben, mit dem es zurzeit noch sichtlich im Argen liegt. Wie aber wird man die Touristen zum Bleiben bewegen, wenn sie schon vom Wasser aus auf die Russen-Ruinen blicken müssen, wie etwa auf die einstige Feldbäckerei gleich hinter der Schleuse? Die Stadt würde an dieser Stelle gerne einen schicken Yachthafen anlegen, doch auch dies scheitert am Geld, wenn auch auf ganz andere Weise: Das Gelände nebst Bauwerk hat auf dem Wege der Rückübertragung einen zivilen Besitzer gefunden, was in diesem Fall kein Grund zur Freude ist. Um ihre Pläne zu verwirklichen, müsste die Gemeinde das Land zurückkaufen. Den Preis hat der neue Eigentümer schon mal genannt: Er denkt so an 250 Mark pro Quadratmeter.Wie wird man die Touristen zum Bleiben bewegen, wenn sie schon vom Wasser auf die Russen-Ruinen blicken müssen?

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