Berlin Ein abgedunkeltes Zimmer vielleicht, verraucht und zugemüllt mit leeren Pizza-Schachteln und Cola-Flaschen, in einem Steinhaus weit oben im Norden Schottlands. Das Dorf heißt Brora, und am Schreibtisch sitzt ein junger Mann vor dem Bildschirm.

Er kommt aus Portugal, sein Name ist Hugo, aber so nennen ihn nur Freunde. Im Internet trägt er einen anderen Namen. Auf Hugos Computer sind etliche Programm-Fenster geöffnet, in einem laufen fast im Minutentakt neue Nachrichten ein. Sie kommen aus aller Welt in diese einsame Gegend, Menschen schreiben, der Kampf müsse weitergehen und dass sie hinter ihm stehen, ihm dem Rücken freihalten – ihm, dem Phantom namens Sabu.

Es ist ein Strom der Solidarität, der sich im Moment über den Mann ergießt, der sich auf Twitter @anonymouSabu nennt. Dabei weiß höchstens ein kleiner Kreis Eingeweihter, wer hinter diesem Namen steht, vielleicht niemand, außer er selbst.

Doch Sabu, dieser Nom de guerre, ist zur Chiffre geworden, zum Symbol eines digitalen Untergrunds, in dem Hacker als Widerstandskämpfer gegen die Mächtigen der Welt vorgehen; gegen das, was sie als Zensur, Ausbeutung und Unterdrückung sehen. Sabu ist ihr Che Guevara des 21. Jahrhunderts, ein Revolutionär ohne Gesicht.

Ein globales Phänomen

Sabu könnte ein Mann oder auch eine Frau sein, Asiate, Amerikaner oder doch ein Portugiese namens Hugo Sabu Carvalho mit einer Wohnadresse in der schottischen Grafschaft Sutherland, wie ein Hacker namens Jester im Internet behauptet, der die Identität Sabus gelüftet haben will. Der Enttarnte hat darüber nur Witze gemacht. Es wären wohl auch längst Polizisten in Brora aufgetaucht, wenn der Name stimmte. Denn die Behörden haben Leuten wie Sabu den Krieg erklärt.

Die Niederschlagung des Aufstandes verläuft ebenso international wie er selbst. Die amerikanische Bundespolizei FBI hat am Dienstag in einer landesweiten Razzia 35 Hausdurchsuchungsbefehle vollstreckt. Dabei wurden 14 mutmaßliche Mitglieder der Hackergruppe Anonymous festgenommen, Namen und Alter stehen auf der Homepage des FBI.

Ihnen werden Verschwörung und eine Beteiligung an dem Angriff auf den Internet-Bezahldienst PayPal im vorigen Jahr vorgeworfen. Zwei weitere Verdächtige wurden wegen anderer Computer-Straftaten inhaftiert; dazu fünf Hacker zur gleichen Zeit in Großbritannien und den Niederlanden.

Es ist erneut ein großer Schlag gegen die Bewegung, nachdem vor einem Monat die türkische Polizei die Festnahme von 32 mutmaßlichen Anonymous-Aktivisten vermeldet hat. Zuvor waren schon in europäischen Ländern meist jugendliche Sympathisanten inhaftiert worden. Allen drohen hohe Geld- und mehrjährige Haftstrafen.

Die Festnahmen sind offenbar Teil des konzertierten Versuchs, ein globales Phänomen in den Griff zu bekommen, das viele Gesichter hat und Regierungen und Firmen seit anderthalb Jahren immer wieder bloßstellt. Keine Behörde, kein noch so großer Konzern scheint vor den Angriffen sicher zu sein.

Wikileaks gab den Startschuss

Die Enthüllungsplattform Wikileaks wurde 2010 bekannt, als sie im Internet Hunderttausende Militärprotokolle aus Afghanistan und Irak und US-Botschaftsdepeschen veröffentlichte.

Jede Enthüllung schien spektakulärer zu sein als die vorangegangene. Nachdem Finanzdienstleister wie PayPal, Mastercard und Visa daraufhin Spendenüberweisungen an Wikileaks blockierten, griffen die Mitglieder des Internet-Kollektivs Anonymous zur Vergeltung deren Websites an und zwangen die Server mit koordinierten Massenanfragen zumindest zeitweise in die Knie: Hunderte von Rechnern werden durch ein Programm dazu genutzt, gleichzeitig eine Internetseite aufzurufen.

Ziel dieser sogenannten „Distributed Denial of Service“-Attacken (DDoS) wurden in der Folge auch staatliche Seiten – zum Beispiel in Tunesien, Ägypten und Libyen, als Anonymous Partei für die Arabische Revolution ergriff. Fast täglich gibt es neue Meldungen von Hacker-Angriffen. In Deutschland brach die NoNameCrew in Rechner des Zolls ein und veröffentlichte unter anderem aufgezeichnete Bewegungsprofile, um gegen Überwachungsmethoden zu protestieren. Am Sonntag wurde ein 23-Jähriger festgenommen, der zur Gruppe gehören soll.

Noch spektakulärere Erfolge in noch kürzerer Zeit konnte die Anonymous-Splittergruppe LulzSec verbuchen, die von sich selbst behauptet, aus sechs Mitgliedern zu bestehen. LulzSec brach wiederholt in die Systeme von Sony ein und erbeutete etwa aus dem PlayStation-Netzwerk Daten und Kennwörter von 77 Millionen Nutzern, woraufhin das Netzwerk abgestellt werden musste.

In nur 50 Tagen hackte LulzSec die PR-Firma HBGary, den Online-Provider AOL und den Telefonriesen AT&T, griff die Websites der CIA, des US-Senats und der britischen Behörde für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens (SOCA) an und stellte Hunderte interner Dokumente der Grenzpolizei von Arizona sowie einer Beratungsfirma des Pentagon ins Netz – mit unzähligen Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen.

Als Kopf der Gruppe, die diese Spur der Verwüstung hinterlassen hat, gilt Sabu. Seinen jüngsten Coup landete er Montagnacht: Online-Leser der Boulevardzeitung Sun landeten auf einer nachgebauten Seite mit einem Artikel über den angeblichen Selbstmord des Medienunternehmers Rupert Murdoch. „Die Sonne ist versorgt, wie wäre es mit dem Mond“, witzelte Sabu später.

Sabu und die anderen Aktivisten stehen zwar nur in loser Verbindung, man kommuniziert über Internetkanäle wie IRC, in denen die Beteiligten anonym auftreten können. Doch es gibt offensichtlich einige Köpfe, die dem Kollektiv und seinen Attacken eine Richtung vorgeben – so wie in der Natur einige schneller fliegende Bienen koordinieren, wohin ein Schwarm zieht.

Das Lahmlegen von Internetseiten als virtuelle Sitzblockaden

Diese Lenker wie Sabu bemühen sich seit längerem schon um den Eindruck, dass es bei ihren Aktionen nicht mehr nur um Lulz geht. Lulz, so nennt man im Netz in Abwandlung des Chat-Kürzels LOL (laugh out loud), die hämische Freude über die Bloßstellung eines Opfers.

Von diesem ursprünglichen Antrieb, kultiviert auf Porno-, Horror – und Diffamierungs-Seiten wie 4Chan, haben sich Sabu und seine Mitstreiter längst emanzipiert. Sie sind gewissermaßen erwachsen geworden. Und zunehmend politisch.

Sicherheitsbehörden, Firmen und Regierende mögen die Angriffe der Hacker als Cyberterrorismus sehen, ihre Netzwerke als revolutionäre Zellen des digitalen Zeitalters. Anonymous und die mittlerweile zumindest offiziell aufgelöste Gruppe LulzSec hingegen begreifen das Lahmlegen von Internetseiten als virtuelle Sitzblockaden – und sich selbst als Bürgerrechtsbewegung, die unterdrückt werden soll.

Die Flotte der Freiheit

Die Hacker sind wie auch Wikileaks Auftritte in Netzwerken wie Facebook und Twitter präsent, wo sie ihre Sympathisanten mit Neuigkeiten versorgen und sich selbst darstellen. Auf der Videoplattform YouTube werden regelmäßig professionell produzierte Clips hochgeladen, in denen Anonymous Widerstand gegen Zensoren ankündigt und eine Kampfflotte in die Schlacht um die Freiheit des „Internet-Ozeans“ ausgesendet.

Die Gruppe Beast 1333 hat Anonymous eine pompöse HipHop-Hymne komponiert, aus den Boxen des Rechners tönt der Sprechgesang zu den Chören von Carl Orffs „Carmina Burana“.

Im Anonymous-Schlachruf heißt es „Wir vergessen nicht. Wir vergeben nicht“, er endet mit der Warnung: „Expect us“ – rechnet mit uns. Ein Spruch, der dabei ist, Teil der Popkultur zu werden.

Die Maske des Widerstands

Das Gesicht von Guy Fawkes ist es längst. Die Maske des katholischen Attentäters, der 1605 das englische Parlament mitsamt König in die Luft sprengen wollte und scheiterte, ist durch den Comic-Roman „V for Vendetta“ von Alan Moore und die gleichnamige Verfilmung bekanntgeworden.

Ursprünglich zogen sich Anonymous-Mitglieder die Maske über, um bei Demonstrationen gegen die Scientology-Sekte nicht erkannt zu werden; mittlerweile taucht sie bei Demos rund um den Globus auf – ob beim Protest gegen Stuttgart 21 oder arabische Diktatoren.

Das Logo von Anonymous zeigt zwar einen Mann im Anzug mit Krawatte und ohne Kopf, weil es keine Zentrale gibt und keine Anführer. Doch offenbar existiert eine Sehnsucht nach einem Gesicht der Revolution. Wikileaks-Gründer Julian Assange fällt dafür im Moment zumindest aus, da er seit Ende 2010 wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs unter Hausarrest steht und ihm die Auslieferung nach Schweden oder gar in die USA droht.

Bradley Manning, der junge US-Soldat, der Wikileaks Hunderttausende brisante diplomatische und militärische Dokumente zugespielt haben soll, sitzt seit über einem Jahr in Haft und wartet auf seinen Prozess.

Da muss, wenn es kein Gesicht gibt, eben ein Name reichen: Sabu. „Einer fällt, Tausende stehen auf“, schreibt ein Aktivist ihm via Twitter nach den Festnahmen in den USA. „Wir sind Brüder und unterstützen diesen Kampf“ ein anderer.

Sabu bedankt sich bei Unterstützern, die ihn einen Helden nennen. Und wer auch immer er ist, er hat schon ein neues Husaren-Stück angekündigt. Er will „bald schon“ erbeutete E-Mails von Murdoch ins Netz stellen, von wo aus auch immer.



Berliner Zeitung, 21.07.2011

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