ZONIANA. Ein menschenleerer Platz, die üblichen Krämerläden, zwei Kaffeehäuser, Tristesse. Über Zoniana liegt eine für Griechenland ungewöhnlich gespannte Atmosphäre. Den Besucher beschleichen Unsicherheit, ja sogar Angst. Zoniana, das Dorf in Kretas Bergen, ist ein seltsamer Ort: Er hat nur 1 500 Einwohner, 42 von ihnen stehen jetzt in Athen vor Gericht. Die Männer sagen, sie seien Ziegenbauern. Was also geht hier vor sich?Drogenhandel, illegaler Waffenbesitz, versuchter Mord lauten nur einige der Anklagepunkte gegen die 42 aus Zoniana. Im Prozess können sie sich teure Staranwälte leisten, solche wie Alexandros Lykourezos. Der gibt sich verwundert, dass der Prozess überhaupt stattfindet. Den Grund dafür sieht er nicht in mutmaßlich kriminellen Machenschaften seiner Mandanten , sondern in den "tragischen Ereignissen vom 5. November 2007".80 Millionen Euro pro JahrEs war der Tag, an dem sich die Polizei nach vielen Jahren erstmals in das Bergdorf wagte. Natürlich war seit langem allgemein bekannt, dass in Zoniana Drogen angebaut wurden - nach späteren Schätzungen der Fahnder erreichte die Drogenproduktion einen Marktwert von jährlich 80 Millionen Euro. Zudem war bekannt, dass das Dorf vor Waffen strotzte, dass hier in einer Art rechtsfreien Zone Selbstjustiz geübt wurde.Die Leute der Gegend hatten gemunkelt, dass die Behörden schützend die Hand über die mafiaähnliche Struktur halten. Wie die genauen Umstände waren, wird wohl nie ganz geklärt werden. Fest steht: Die Männer von Zoniana hatten damals Wind bekommen von der bevorstehenden Razzia. Sie empfingen die 40 Beamten einer Sondereinheit mit über 1 000 Schüssen, abgefeuert aus einem Hinterhalt heraus. Dass es dabei "nur" drei Verletzte gab, hilft dem jungen Polizisten Stathis Lazaridis nicht; er liegt bis heute im Koma.Sein Vater trat zu Prozessbeginn unter Tränen vor den Richter, das Bild des jungen Stathis an sich gedrückt, und erklärte, dass er sich niemals so verhalten würde wie seine Schwiegertochter. Maria Kouroupi, Ehefrau des Opfers und Mutter eines kleinen Kindes, hatte ihre Zivilklage gegen die Täter zurückgezogen. "Nein", sagte sie zaghaft vor Gericht, "nein, ich werde nicht bedroht." Sie wolle nur verhindern, dass ihr Kind ein Leben lang verfolgt werde.Von wem verfolgt? Alle wissen es im Gerichtssaal, keiner sagt es. Oder doch? Einer der Anwälte, Konstantinos Mavromatis, erklärt, sein 23-jähriger Mandant sei unschuldig und lasse mitteilen, dass "in Zoniana Blut fließen werde", wenn seine Unschuld nicht bestätigt werde. Selbst im Gerichtssaal haben die Männer von Zoniana also keine Probleme, Blutrache anzukündigen.Nur der Dorfvorsteher, Konstantinos Parasyris, hat von rein gar nichts eine Ahnung, nicht einmal wo die Einwohner seiner kleinen Gemeinde wohnen, will er wissen. "Wenn Sie nicht wissen, was in Zoniana los ist, warum haben die Bürger Sie denn dann gewählt?", fragt der Richter entnervt. In dieser Art wird sich der Prozess wohl Monate hinziehen. Am Montag ist er nach einer Sommerpause wieder aufgenommen worden.In Zoniana versucht Dorfvorsteher Parasyris idyllisches Dorfleben zu demonstrieren. "Seit dem Vorfall vor zwei Jahren lebt unser Dorf in völligem Frieden", sagt er. Seine Mitbürger im Kaffeehaus nicken bekräftigend: "Wir arbeiten hart und sind schon früh bei unseren Tieren in den Bergen, jetzt ist nur gerade mal Pause bei einem kleinen Kaffee." Mitten in die Beteuerungen hinein kracht eine Maschinengewehrsalve. Das Geräusch ist unverkennbar. Betretenes Schweigen legt sich über die Runde, Parasyris erhebt sich und hält Umschau: "Das müssen Kinder sein, die spielen.", murmelt er, offenbar überrascht. Und schon hat der Dorfpope eine ergänzende Erklärung parat: "Das sind Knallkörper, die vom Osterfest übrig geblieben sind."Doch die Salve kann gut auch als Drohung verstanden werden: Wehe es gibt schlechte Presse! Demonstrativ rasen inzwischen auch nagelneue Pick-ups mit verdunkelten Scheiben die Dorfstraße rauf und wieder runter. Es gibt wohl keinen Mann in Zoniana, der nicht so ein aufgemotztes Vehikel besitzt - schon die zehn oder elf Jahre alten Jungen fahren damit herum. Soll doch einer kommen und das verbieten!Das Kaffeehaus gegenüber ist voll besetzt mit jungen Männern. Sie sind um elf Uhr vormittags bereits alle stark alkoholisiert und geben jedem einen aus, der vorbei- kommt. Das ist so Sitte auf Kreta, alte Tradition, Gastfreundschaft, auf die man stolz ist.Nicht etwa der traditionell kretische Tresterschnaps Tsikoudia wird pausenlos nachgeschenkt, sondern Whisky. Ausschweifend erzählen die Männer, wie aus ihrer Sicht das Leben abzulaufen hat: "Bei uns auf Kreta muss eine Frau viele Kinder bekommen, deswegen brauchen wir viel Geld. Aber der Staat kümmert sich nicht um uns", sagt Manolios, 24, und schon Vater von vier Kindern. Der Pope will wissen, wie viel Kindergeld man in Deutschland bekomme; die hohe Summe bestätigt ihn in seiner Annahme, dass in Griechenland junge Familien allein gelassen werden, was einen Werteverfall nach sich ziehe.Zonianas Männer stemmen sich auf ihre spezielle Weise dem Niedergang entgegen, und zwar auf der Grundlage einer stringenten Logik: Ihr Dorf sei zum kinderreichsten in ganz Griechenland, ja ganz Europas, geworden; für diese Kinder braucht man eben viel Geld. Und wer viel Geld braucht, muss sich welches beschaffen. Ist doch klar. Zum Beispiel mit Drogenanbau? Manolios gießt Whisky nach und alle stimmen in sein vielsagendes Gelächter ein. In Worten wollen sie sich nicht artikulieren.Inzwischen ist die Schule zu Ende, immer mehr Kinder sind auf der Straße. Zwei Neunjährige kommen mit Kalaschnikows daher, wedeln mit Hanfpflanzen und rufen Schimpfwörter, die jeden Seemann erröten lassen würden. Der Hauptfeind in den Sprüchen: die Polizei. Die Väter scheuchen ihren Nachwuchs nach Hause. "Das haben alles die Medien bewirkt", verteidigt Manolios die wilden Kleinen, "die Kinder hören im Fernsehen immer davon, dass wir Drogen und Waffen haben, aber am Ende wird sich herausstellen, dass das alles gar nicht stimmt." Und er wiederholt: Man sei halt gezwungen, für die Familie zu sorgen.Immer auf der richtigen SeiteManoussos, mit 52 Jahren bei weitem der Älteste in der Runde, versucht das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. "Wir sind hier sehr freiheitsliebend, niemals in der Geschichte hat sich unser Dorf besetzen lassen, weder von den Türken, noch von den Deutschen." Das ist die historisch aufgeladene Legende, mit der sich die Männer gegen die als Zumutung empfundene Einmischung der Staatsmacht wappnen - die stört in ihren Augen Privatangelegenheiten, die keinen etwas angehen. Warum sollte man die Polizei in den Ort hineinlassen, wo doch "wir" für die Ordnung sorgen, die "wir" brauchen. "Wir", das sind in diesem Falle die kretischen "Palikaria" - eine Bezeichnung für einen ganzen Mann, angesiedelt irgendwo zwischen furchterregendem Kämpfer und heldenhaftem Ritter.Mindestens fünf Mal haben sich die Kreter im 19. Jahrhundert gegen die osmanische Herrschaft erhoben, immer wieder wurden die Aufstände blutig niedergeschlagen. Mit Beginn der deutschen Besatzung 1941 kämpften Partisanen gegen die Deutschen, bis 1944. Zoniana hat seine Traditionen, Berge, Familien immer kämpferisch verteidigt.Heute "verteidigen" die jungen Männer von Zoniana kriminell finanzierten Müßiggang, der die Traditionen mehr entwurzelt als pflegt. Stolze Freiheitsliebe ist zu schlichter Kriminalität pervertiert.------------------------------Staat im StaateDas Gemeindegebiet von Zoniana liegt in den nördlichen Ausläufern des kretischen Psiloritis-Massivs auf etwa 630 Metern Höhe. Vor den Kommunalwahlen 2006 löste sich das Bergdorf nach dauernden Streitigkeiten von der Gemeinde Anogia. Die Einwohner boykottierten die Wahl und gründeten eine eigenständige Gemeinde, die als Kinotita, der Rechtsform für kleine Gemeinden, vom griechischen Innenministerium anerkannt wurde.Im "Teufelsdreieck" zwischen den Dörfern Zoniana, Livadia und Anogia wird Drogenanbau und -handel (vor allem Marihuana) sowie Waffenhandel betrieben. Es haben sich mafiöse Strukturen ausgebildet.------------------------------Karte: KRETAFoto: Männerrunde in Zoniana - Müßiggang dank Hanfkultur.