KREUZBERG. Jeden Sonnabend treffen sie sich in der Galerie endart an der Oranienstraße. Zwölf Männer - zwischen Ende 30 und Mitte 50. Alles erwachsene seriöse Männer, meint man. Ein Psychologe ist dabei, ein Geologe und ein Arzt, ein Maler, ein Filmemacher und ein paar Musiker. Sonnabends wird aus ihnen das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester. Und das ist alles andere als seriös."Wir sind ein anarchistischer, regressiver Männerbund", beschreibt es MC Westbemme. Alle Mitglieder des 1991 gegründeten Nasenflötenorchesters tragen Künstlernamen. Jean Froschfresser wird der Franzose im Team genannt. Gottschalke ist der Entertainer und außerdem glühender Fan von Schalke 04. Hanns Martin Slayer erinnert an Zeiten, als der RAF-Terror die täglichen Schlagzeilen bestimmte. Grotto Schlechto gilt als Praktikant, der noch viel üben muss. Dieter Kölsch, so befand das Team, brauchte keine Umbenennung - sein Name wurde als komisch genug befunden. Und Christian Steifen - im regressiven Männerbund, der niemals Frauen aufnimmt, wird eine deutliche, gern auch sexistische Sprache gepflegt.Die Musik der Nasenflötisten ist ein Nerven zerreißender Zweiklang aus Fiepen und Quäken, gepaart mit Melodien, die man irgendwie zu kennen meint. Das Orchesterinstrument ist aus Plastik, kostet 1,20 Euro und ist in Spielzeug- und Musikläden erhältlich. Nasenflöten sind daumengroß, haben zwei Öffnungen und werden zwischen Nase und Oberlippe geklemmt. Man bläst mit der Nase in das obere Loch und moduliert die Luft unten mit dem Mund. Wer musikalisch ist, die Technik beherrscht und den Luftstrom korrekt zu lenken vermag, kann so herrlich schräge Melodien erzeugen. Die fast jedes Publikum zu Beifallsstürmen bringen. So wie jüngst beim Blauen Montag im Tipi-Zelt und bei den regelmäßigen Konzerten im Blauen Affen am Hermannplatz oder im Kaffee Burger in Mitte. Bei solchen Auftritten wird deutlich, wie anstrengend das Ganze ist: Nach einer halben Stunde sind die Gesichter puterrot, alles fließt, der Schweiß, das Bier, die Nasenflüssigkeit - nicht umsonst bezeichnet sich die Senioren-Boygroup auch als Grindchor. "Biertrinken ist beim Flöten essenziell, sonst platzt der Kopf", beschreibt Gottschalke die allgemeine medizinische Auffassung. Der Arzt im Team nickt dazu. Und alle finden, dass die besten Auftritte die sind, bei denen sich Band und Publikum synchron betrinken.Sogar zwei CDs hat der Kreuzberger Männerbund schon produziert. "Kuschelrotz" heißt die eine, "Stille Tage in Rüsselsheim" die andere. Um möglichst wenig Ärger mit den Namensrechten zu bekommen, werden die Lieder einfach umbenannt. "Eloise" wird als "Aloise" verpfiffen, "J'taime" als "Joch Esel Hüh", und die "Bohemian Rhapsody" von Queen wird in der Kreuzberger Version zur "Homophobian Elegy". Das Repertoire umfasst mittlerweile bis zu hundert Titel, 25 sind ständig im Programm.Langwierige, schier philosophische Diskussionen kann die einfache Frage auslösen, welche Titel überhaupt gespielt werden sollen. "Man muss die Lieder hassen, um sie gut spielen zu können", erklärt MC Westbemme das ironisch-unernste Prinzip. Acht Jahre lang stritt die Truppe, ehe sie sich entschloss, auch Titel von Frank Zappa ins Programm zu nehmen. Tabu sind Techno, Reggae, Rock und Hip-Hop. Und bei Publikumswünschen nach Heino oder Dieter Bohlen heißt es unisono: "So ekliges Zeug schaffen wir nicht mal im Vollsuff." Alles klar?Der nächste Auftritt des Nasenflötenorchesters ist am 28. Dezember um 21 Uhr im Kaffee Burger, Torstraße 60.------------------------------Nasenflöten sind daumengroß, haben zwei Öffnungen und werden zwischen Nase und Oberlippe geklemmt. Man bläst mit der Nase in das obere Loch und moduliert die Luft unten mit dem Mund.------------------------------Foto: Musizieren mit Mund und Nase: Kreuzberger Nasenflöten in Aktion. Jeden Sonnabend treffen sie sich zum Proben.