Das Kultur-Prekariat reicht vom Praktikanten bis zum Unternehmer. Die "digitale Bohème" feiert das noch: Die Selbstausbeuter

Ein renommierter Berliner Tourneeveranstalter auf der Suche nach einer Arbeitskraft inseriert die Bedingungen: "Wir suchen einen Praktikanten im Bereich Booking- und Eventproduktion für mindestens sechs Monate. Voraussetzungen: Erfahrung im Booking- und Eventbereich, flexibel, belastbar, gute Computerkenntnisse". Der Praktikant soll neben dem Booking auch Bürotätigkeiten erledigen, Zu- und Nacharbeiten aller Art. Gesucht wird also ein erfahrener Mitarbeiter, bestens ausgebildet, der für ein halbes Jahr eine feste Stelle in der Firma übernimmt. Und die Bezahlung? "Honorar: 150 Euro monatlich". Immerhin pro Monat. Wetten, dass es jede Menge Bewerber für den Praktikumsplatz gab?Das Inserat ist keine Ausnahme. Dass nicht nur kleine Start-Ups, sondern selbst renommierte Musikfirmen mittels geringfügig oder gar nicht bezahlter Praktikanten ihr Geschäft betreiben, ist längst die Regel. Bei Plattenfirmen mit weniger als zehn Mitarbeitern sind oft mehr als die Hälfte der Mitarbeiter Praktikanten oder Auszubildende. Aber auch in multinationalen Plattenkonzernen, Galerien oder Medienfirmen treffen auf einen festbezahlten Redakteur nicht selten bis zu fünf unbezahlte Praktikanten. Von ihnen wird eine volle Redakteurstätigkeit erwartet. Für diese Praktikanten dürfte das Diktum "arm aber sexy", mit dem Klaus Wowereit die Metropole beschreibt, eher einen zynischen Beigeschmack haben.Prinzipiell ist nichts gegen Praktika zu sagen - es ist ja eine vernünftige Idee, dass Studenten oder Berufseinsteiger in die Praxis einer Firma "hineinschnüffeln" und etwas lernen. Beide Seiten können profitieren: Die Praktikanten lernen etwas aus der Praxis, die Firmen nutzen die Kreativität junger Menschen für sich, die im Idealfall neue Ideen mitbringen. Nur ist es nicht akzeptabel, dass Praktika ausgerechnet in einem Land, in dem sonst jeder Fliegenschiss bis ins letzte Detail gesetzlich geregelt ist, quasi im rechtsfreien Raum stattfinden.Mindestens darf man von der Politik eine Art Praktikums-TÜV erwarten, der ein Mindestmaß an Überprüfung der Firmen voraussetzt. Bei seriösen Hochschulen, die Studenten ein Praktikum als Teil des Studiums vorschreiben, ist das längst üblich, auch bei Ausbildungsplätzen zumindest der Form nach. Zweitens sollten ein Mindestgehalt sowie eine Maximaldauer des Praktikums festgeschrieben werden. Ist ein Praktikant im Grunde ein fester Mitarbeiter, sollte er auch als solcher beschäftigt werden - mit Arbeitsvertrag, Festgehalt und den sozialversicherungspflichtigen Errungenschaften dieser Gesellschaft, also Urlaub und Krankengeld.Geschäftsmodelle, in denen Kreativfirmen Praktikanten feste Stellen ausfüllen lassen, ohne sie angemessen zu bezahlen, sollten als das bezeichnet werden, was sie sind: Ausbeutung. Roberto Saviano beschreibt in seinem Bestseller "Gomorrha" derartige von der Camorra organisierte Arbeitsplätze in Süditalien: "Es existiert kein soziales Netz. Keine verbrieften Rechte, keine zulässigen oder unzulässigen Entlassungsgründe, Sonderregelungen, Urlaubsansprüche"... Da von der Politik so bald keine Hilfe zu erwarten ist - Praktikanten müssen sogar in Bundesministerien ohne Bezahlung arbeiten - wäre eine Selbstverpflichtung der Kreativindustrie wünschenswert.Natürlich ist die Situation besonders der unabhängigen und kleineren Musikfirmen derzeit schwierig. Kaum eine dieser Firmen kommt ohne extremes Engagement der Mitarbeiter weit über die üblichen Arbeitszeiten hinaus zurecht, kaum ein kleinerer Unternehmer kann in der Branche auf permanente Selbstausbeutung verzichten. Eine renommierte Plattenfirma wie Tapete Records mit einem Künstlerstamm von fast 50 Musikern und Bands und einem Jahresumsatz von 600000 Euro macht laut FAZ einen Verlust von 8000 Euro.Die Firma beschäftigte in den ersten Jahren zwei Auszubildende, die neben den beiden Besitzern die Arbeit machten; heute arbeitet sie mit drei festen und zwei freien Mitarbeitern sowie stets zwei Praktikanten. Die beiden Firmeninhaber zahlen sich mittlerweile ein Monatsgehalt von 500 Euro aus.Das gibt schon mal einen Eindruck von der prekären Lage von Kreativen, die vom Unternehmer bis zum Praktikanten reicht. Im Berliner Bezirk Pankow gibt es an den Musikschulen noch 26 fest angestellte Musiklehrer, das sind 23 Prozent der Lehrer - der Rest sind Honorarkräfte. Die Subventionen, die der Senat an die Freie Szene verteilt, sind verglichen mit den Zuschüssen für die Repräsentationskultur geradezu lächerlich gering - allein die drei Opern verbrauchen im Jahr 120 Millionen Euro öffentliches Geld, für die große freie Theaterszene bleiben gerade mal 5 Millionen Euro übrig. Dazu weisen die offiziellen Förderbescheide für Schauspieler, Tänzer, Musiker oder Regisseure drei bis fünf Euro Stundenlohn aus - während die beiden Parteien, die den Berliner Senat bilden, jeweils Parteitagsbeschlüsse für einen deutlich höheren Mindestlohn vorzuweisen haben ... Für diese Künstler kann es nur wie ein Hohn wirken, dass die Berliner Opernorchester kürzlich gegen eine geplante Gehaltsanhebung streikten - sechs Prozent war ihnen zu wenig. Schließlich gibt es bundesweit Orchester, die 12 Prozent mehr verdienen als sie selbst. Nur etwa 50 Prozent der Beschäftigten in der deutschen Kulturbranche haben überhaupt noch einen festen Arbeitsplatz - und der liegt anders als bei den Spitzenverdienern in den Opernorchestern oft genug knapp über Hartz-IV-Niveau. Von den anderen 50 Prozent, den Freiberuflern, leben zwei Drittel in prekären Verhältnissen, wie gerade eine Studie über die Lage darstellender Künstler zutage förderte.Das Einkommen freier Künstler beträgt laut Künstlersozialkasse 2010 genau 13288 Euro pro Jahr, Bildende Künstler kommen auf 12767, Darstellende Künstler auf 12318, Musiker nur auf 11521 - das sind weniger als 1000 Euro monatlich. Wer als Musiker jünger ist als 30 Jahre, hat ein Jahreseinkommen von nur 8909 Euro. Zum Vergleich: Dem Vorstandschef der Urheberrechtsgesellschaft Gema, Harald Heker, werden 380000 Euro im Jahr gezahlt. Das Beispiel zeigt gut, wer von den sogenannten Autorenrechten am meisten profitiert.Interessant ist, dass über die soziale Situation der Künstler und vieler Beschäftigter in der Kulturindustrie nirgendwo viele Worte gemacht werden - ein Diskurs findet kaum statt. Doch die prekäre Situation von Künstlern und Kulturarbeitern kommt nicht aus heiterem Himmel. In England begann das "Take-off" der Kreativwirtschaft unter Margaret Thatcher, ging also Hand in Hand mit dem systematischen Rückbau des Wohlfahrtsstaates. Hierzulande etablierte sich die "kreative Klasse" (Richard Florida) erst in der New-Economy-Phase um das Jahr 2000. Damals begann signifikanterweise auch die Diskussion um die Hartz-Gesetze. Das, was die Claqueure des künstlerischen Prekariats wie Holm Friebe feiern, ist permanente Selbstausbeutung - man zelebriert die Zumutungen einer ausbeuterischen Gesellschaft, weil man sie nicht ändern kann oder will. Die Kreativwirtschaft als Türöffner der flexiblen Arbeitsmodelle des Neoliberalismus - die Künstler und Kulturarbeiter stehen als flexible, autonome und selbstverantwortliche Subjekte Modell für eine Neuorganisation der Gesellschaft.Der amerikanische Soziologe Richard Sennett spricht von einem "Idealmenschen", der "mit kurzfristigen Beziehungen (...) zurande kommt, während er von einer Aufgabe zur anderen, von einem Job zum nächsten, von einem Ort zum anderen wandert. Wenn Institutionen keinen langfristig stabilen Rahmen mehr bereitstellen, muß der Einzelne möglicherweise seine Biographie improvisieren" - die Horrorvision vom flexiblen und entfremdeten Menschen, von dem permanent eigenverantwortliche Selbstverwirklichung erwartet wird.Nun wird man sich fragen, wer sich dies alles freiwillig antun mag. Es geht um eine vergleichsweise kleine, aber kontinuierlich wachsende Schicht, die sich etwa über Alter - zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig - und sozialen Status definiert. Hauptsächlich handelt es sich natürlich um Kinder der gut situierten Mittelschicht, die "irgendwas mit Kultur" oder "irgendwas mit Medien" machen wollen, und für die der Staat eine ganze Reihe neuer und sehr modischer Ausbildungszweige zur Verfügung stellt. Das Studium des Kulturmanagements und der Ausbildungsberuf der Veranstaltungskaufleute für audiovisuelle Medien gehören dazu.Gemein ist diesen Ausbildungsgängen: Hier wird, um es altmodisch auszudrücken, für die Arbeitslosigkeit ausgebildet, denn natürlich gibt es nicht annähernd so viele Arbeitsplätze im Kulturbereich wie Interessenten. Neuerdings würde man sagen: Es gibt zwar keine herkömmlichen Arbeitsplätze, aber wer mobil ist, dynamisch und bereit, mit wenig auszukommen, der kann selbstständiges Mitglied der "digitalen Bohème" werden. Natürlich müssen das die Mittelschichts-Eltern irgendwie subventionieren, oft weit über die Ausbildung hinaus.Der französische Soziologe Pierre Bourdieu schreibt über dieses neue Kleinbürgertum: "Lieber wollen sie als ,drop-outs' und Randgruppe leben, als klassifiziert, einer Klasse, einem bestimmten Platz in der Gesellschaft zugeordnet sein". Natürlich hinterlässt die allenthalben in Politik und Medien anzutreffende Feier der Kreativwirtschaft und ihrer fragmentarischen, flexiblen und letztlich für den Einzelnen ruinösen Arbeitsbedingungen einen schalen Nachgeschmack. Was alle werden sollen, ist auch, was allen droht. Bleibt zu hoffen, dass die "digitalen Bohemiens" irgendwann bemerken, dass sie ihr Dasein nicht zum "role model" für prekäre Arbeitsbedingungen stilisieren sollten.Eine Rückbesinnung auf die proletarische Tradition gerade der Berliner Stadtkultur würde der Kulturszene und ihrer wirtschaftlichen Bedeutung sicher gut tun.Berthold Seliger ist Tourneeveranstalter in Berlin.------------------------------In einem Land, in dem jeder Fliegenschiss bis ins letzte Detail gesetzlich geregelt ist, finden Praktika quasi im rechtsfreien Raum statt.Foto: So ein Straßenmusikant kennt auch die unromantischen Seiten seines Daseins. Das junge deutsche Kulturprekariat aber meidet darüber die Debatte.