Links neben dem Hauptportal der Kathedrale von Reims steht ein Engel aus Stein, der lächelt. Das ist überaus verwunderlich. Im 13. Jahrhundert, als Frankreichs Königskathedrale in der größten Stadt der Champagne erbaut wurde, hatten Engel im Allgemeinen wenig zu lachen. Mit im wahrsten Sinne des Wortes steinerner Miene wiesen sie auf ein höheres Dasein, verkündeten die Geburt Christi, mahnten streng zu tiefer Gläubigkeit oder drohten gar mit der Apokalypse. Nur der Engel von Reims, der " l'ange qui sourit", lächelt ganz einfach glücklich vor sich hin. Wieso macht der das wohl?Bei einem Abendessen mit der bezaubernden Alexandra Pereyre de Nonancourt auf Schloss Louvois unweit von Reims kommt Licht in die Angelegenheit. Madame de Nonancourt und ihrer Familie gehört das Unternehmen Laurent-Perrier, dessen edle Schaumweine seit fast 200 Jahren zu den besten der Welt zählen. Wir plaudern über den neuen Trend zu rosafarbenem Champagner, der im Hause Laurent-Perrier in Wappenschildflaschen aus der Zeit von Heinrich IV gefüllt wird und so himmlisch nach Erdbeeren und Himbeeren duftet. Und dann erzählt Alexandra von den riesigen unterirdischen Kellereien mit seinen Millionen von Bouteillen, die alle von Hand gerüttelt werden müssen, und dass ein winziger Teil des gelagerten Champagners verschwindet, verdunstet, wie auch immer. Ein Phänomen, das einen Namen habe: "part des anges", Anteil der Engel.Sofort musste ich an ein gewisses, seliges Lächeln denken. Anscheinend hat noch niemand in Reims diesen doch so nahe liegenden Schluss gezogen, und ich werde der letzte sein, der dies dort tun würde.Genießer verrät man nicht. Und Engel schon gar nicht.