LEIPZIG, 14. November. Dieser Tage sind am Hauptgebäude des Zentralstadions die Gerüste gefallen, die Eingangsfront strahlt unter neuem Putz, und selbst die Tunneleinfahrt zum Fußballstadion leuchtet frisch gestrichen, ganz in unschuldigem Weiß. Am Mittwoch erwartet Leipzig das erste Fußball-Länderspiel seit 1989: WM-Gastgeber Deutschland trifft auf Kamerun. Erstmals wird die 44 000 Zuschauer fassende Schüssel, gebaut für die WM 2006, ausverkauft sein, was ein gewisses Risiko birgt. Denn die zahlreichen Baustellen rund ums Stadion machen schon den täglichen Berufsverkehr zur Geduldsprobe. Die Stadt warnt deshalb auf www.leipzig.de mit allerhand Karten vor "Stauerscheinungen". Vom "Testlauf für das WM-Verkehrskonzept" spricht Sportbürgermeister Holger Tschense. Von acht Park-and-Ride-Plätzen geht es kostenlos mit Bus und Bahn zum Fußball. Wer doch versucht, den Wagen in Stadionnähe zu parken, muss umkehren. Tschense: "300 Volunteers sind unter anderem als Umleitungsberater eingesetzt."Plan B in der SchubladeDie emsigen Vorbereitungen entsprechen der Größe der Aufgabe. Denn das Länderspiel wird mehr als ein Testlauf fürs Verkehrsmanagement: Leipzig muss den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und den Weltverband Fifa von seiner Eignung für den Confederations Cup 2005 und die WM 2006 erst noch überzeugen. Das Stadion ist von WM-Tauglichkeit noch so weit entfernt wie der Viertligist FC Sachsen vom Aufstieg in die Bundesliga. Im Innern versprüht das Hauptgebäude den maroden Charme der DDR. Kaum etwas ist zu sehen von all dem, was die Fifa so verlangt: Räume für Funktionäre, Sicherheitspersonal, Mediziner oder Medien - vor allem aber die infrastrukturelle Anbindung der Arena macht Sorgen. Mönchengladbach und Düsseldorf würden auch gern WM-Spiele ausrichten und verfügen über fertige Stadien - "Plan B" heißt das im Sprachgebrauch des WM-Organisationskomitees (OK), aber nur unter der Hand. Die Lobbyisten aus dem Rheinland werkeln fleißig. Und in Frankfurt am Main ist man nicht sonderlich amüsiert über das, was sich hinter der renovierten Leipziger Fassade abspielt, ringt aber um diplomatische Formulierungen. So sagt DFB-Generalsekretär und OK-Vizepräsident Horst R. Schmidt: "Ich bin nicht in der Lage zu sagen, dass in Leipzig wesentliche Teile fehlen würden, so dass ich sagen müsste, der Standort ist in Gefahr."Eine solche diplomatische Wortgirlande darf man nachwirken lassen. "Politisch stehen wir nach wie vor zu Leipzig", sagt Schmidt, "außerdem hat mir Oberbürgermeister Tiefensee versprochen, dass alles rechtzeitig fertig wird." Es wäre nicht zum ersten Mal, dass Wolfgang Tiefensee ein Versprechen nicht hält. Insiderberichten zufolge soll Leipzig vom DFB respektive dem WM-OK deshalb unter Druck gesetzt worden sein, endlich seinen Verpflichtungen nachzukommen. Sogar vom Entzug der WM-Spiele soll die Rede gewesen sein - wozu gibt es denn sonst einen Plan B?"Wir beobachten aufmerksam, was in Leipzig passiert", sagt Fifa-Kommunikationsdirektor Markus Siegler, "wir haben auch sehr genau die Querelen um die Olympiabewerbung verfolgt." Fifa-Präsident Joseph Blatter erklärte gegenüber dieser Zeitung: "Ich habe schon einiges aus Leipzig gehört, aber ich habe noch keinen Grund, daran zu glauben, dass wir für die WM 2006 in die Situation kommen könnten, einen Standort auszuwechseln. Es sollte noch genügend Zeit vorhanden sein, dort alle Dinge zu regeln."Ein Grund für die Verzögerung ist der langwierige Streit zwischen dem privaten Investor, dem Kinowelt-Chef und Filmhändler Michael Kölmel, und der Stadt um die Übernahme der enormen Mehrkosten am Bau. Als die Berliner Zeitung im März berichtete, die offiziell auf 90 Millionen Euro veranschlagte Schüssel samt näherem Umfeld werde wohl 20 Millionen teurer, dementierte das Leipziger Rathaus in einer Pressemitteilung: "Verteuerungsstory zum Zentralstadion entbehrt jeder Grundlage." Bei 26 Millionen liegt das inzwischen bilanzierte Plus. Kölmel weigerte sich, allein zu zahlen. Drei Monate Stau am Bau war die Folge. Firmen, die vergeblich auf Geld warteten, zogen ihre Arbeiter ab. Nun will die Stadtverwaltung doch kräftig zuzahlen, weshalb nicht das Länderspiel, sondern ein anderer Termin zum eigentlichen Eignungstest für höhere sportliche Aufgaben zu werden droht: Am 8. Dezember soll der Stadtrat neun Millionen Euro Nachschlag bewilligen. Obwohl der Vertrag mit Kölmel den Passus enthält: "Mehrkosten trägt der Investor". Obwohl die Haushaltslage derart dramatische Züge angenommen hat, dass Grund- und Gewerbesteuer auf bundesdeutsche Rekordsätze klettern sollen. In der CDU-Fraktion ist man gespannt auf die Vorlage zum Zentralstadion. "Auf die werden wir", sagt Wolf Dietrich Rost, zugleich Vorsitzender des Sportausschusses, "mit Sicherheit sehr kritisch sehen." Eine Zustimmung, obgleich "ohne Begeisterung", kann er sich nur vorstellen, "wenn keine gravierenden Fragen auftreten".Ein paar Fragen wirft die Begründung für die Zahlungswilligkeit indes auf. Sportchef Tschense: "Das ist ein Anteil, der durch die erhöhten Anforderungen der Fifa im so genannten Pflichtenheft II an die WM-Stadien entstanden ist." Etwa im Medien- und Sicherheitsbereich. Zusatzkosten, die "nicht absehbar waren, als die Stadt den Vertrag mit Kölmel schloss". Tatsächlich verhält sich die Sache ein wenig anders: Zwar belaufen sich die Kosten für die Umsetzung der Fifa-Auflagen auf 10,5 Millionen. Allerdings war der Großteil davon beim Vertragsabschluss mit Kölmel bekannt. Nur 3,02 Millionen nicht, die gehen auf das aktualisierte Pflichtenheft zurück. Dass der Stadtrat dennoch neun Millionen genehmigen soll, hat Gründe, über die das Rathaus lieber schweigt. Otto Schlörb, neuer Generalmanager der Kölmel-Gruppe, ist da offener: "Erhebliche Planungsmängel" nennt er als Hauptgrund für die Kostenexplosion und klopft auf einen Stapel mit brisanten Unterlagen. "Verschönerungsmaßnahmen und Fifa II kommen hinzu." Die Stadt drehte Kölmel zu niedrige Kostenberechnungen an und soll nun dafür zahlen."Das wäre sehr töricht"Tiefensee hätte die selbstverschuldete Misere gern diskreter erledigt als durch eine Stadtratsdebatte. Seinen Bittbrief an den Bund, der ein wenig zu selbstbewusst formuliert wurde, beschied Innenminister Otto Schily abschlägig. Tschense: "Die Möglichkeiten des Bundes waren wohl mit dem schon gezahlten Zuschuss erschöpft." Das kann man als Absage an Leipzigs Nehmerqualitäten bezeichnen: Mit 51 Millionen förderte der Bund den Neubau ohnehin. 27 Millionen investierte Kölmel. Leipzig bisher nur zwölf."Die Stadt wird ihren Beitrag leisten", sagt Tschense jetzt. "Da gibt es kein Wackeln." Ein bisschen versüßt werden soll den Stadträten die Entscheidung damit, dass Kölmel auf einen Brückenbau in Stadionnähe verzichtet: "Damit spart die Stadt sechs Millionen Euro." Wenn der Stadtrat trotzdem nicht mitspielt, kommt es richtig schlimm. Denn dann ist es fraglich, ob die Deutsche Kreditbank das Darlehen weiter auszahlt, mit dem Kölmel den Fortgang der Bauarbeiten und seinen Mehrkostenanteil von 17 Millionen größtenteils finanziert. Berater Schlörb lässt keinen Zweifel daran, was passiert, falls die Vorlage durchfällt: "Formulieren Sie es positiv", sagt er, "das wäre sehr töricht." Das klingt nicht nur wie eine Drohung, es ist auch eine: Der Stadionbesitzer wird die Schlüssel umdrehen, ein Baustopp wäre garantiert. Ob Kölmel das Problem tatsächlich loswerden will, indem er das Stadion verkauft? Das dürfte eine Frage des Preises sein. "Wir warten ab", sagt Berater Schlörb. Im Untreueprozess um die Pleiten von Kino- und Sportwelt musste sich Kölmel vom Richter "Abenteurertum" vorwerfen lassen. Auf neue Abenteuer ist er wenig versessen. Die Kinowelt-Geschäfte laufen wieder gut - ob sich das jemals vom Stadion sagen lässt, steht in den Sternen. Vielleicht haben ja Leipzigs Stadträte ein Einsehen, trotz der Tricks der Rathausspitze. Denn ein Nein zum Mehrkostenanteil würde viel mehr kosten als neun Millionen Euro, nämlich die Austragung von Spielen des Confederations Cup und der WM 2006. Wenigstens diese Prognose darf als sicher gelten.------------------------------"Politisch stehen wir nach wie vor zu Leipzig. Tiefensee hat mir versprochen, dass alles fertig wird." Horst R. Schmidt------------------------------Foto: Leipzigs Absahnerqualitäten: Mit 51 Millionen Euro förderte der Bund den Neubau, 27 Millionen investierte Kölmel, die Stadt bisher nur zwölf Millionen.