Kein rationaler und weit zurückschauender Forschungsbericht, keine nüchterne Datensammlung: Ilja Ehrenburgs und Wassili Grossmans "Schwarzbuch" erschüttert durch die Unmittelbarkeit, mit der der Holocaust dokumentiert wurde. Die wenigen überlebenden Juden (von knapp drei Millionen auf dem Territorium der Sowjetunion) gaben kurz nach der Befreiung zu Protokoll, was ihnen und ihren Angehörigen geschehen ist. Es sind Berichte von den Orten eines unsäglichen Grauens: Babi Jar, Rostow, Odessa, Berditschew und so vielen anderen.Das Systematische einer fürchterlichen Ausrottungsmaschinerie, die planvolle Kälte des Vernichtens, das kaum faßbare Leiden der Opfer, aber auch ihr Widerstand stehen wie ungefiltert in diesen Texten, und es ist schwer, das zu ertragen. Dieses Buch wurde aber auch zu einem bedrückenden Denkmal, weil es in seiner heutigen Fassung neben der eigentlichen Tragödie eine zweite enthält. Diese handelt vom sanktionierten Antisemitismus in der Stalinschen Sowjetunion. Mitten im Krieg, 1942, regte Albert Einstein die Sammlung von derartigen Dokumenten in einem Brief an das Moskauer Jüdische Antifaschistische Komitee (JAK) an. Doch die von Ehrenburg und Grossman zusammengestellte Fassung wurde von der sowjetischen Regierung verboten, weil sie Zeugnis gab von den häufigen Fällen von Kollaboration unter Ukrainern, Litauern, Russen. Eine zensierte Fassung wurde 1946 gesetzt, 1947 aber endgültig verboten. Als kurze Zeit später fast die gesamte Führung des JAK, jener Organisation, die während des Krieges in den USA mehrere Millionen Dollar für die Unterstützung der Sowjetunion gesammelt hatte, unter dem Vorwurf separatistischer Tendenzen verhaftet und getötet wurde, war der Antisemitismus Stalins offenkundig geworden. Er sollte sich an zahlreichen weiteren "Affären" erweisen. Nur durch Zufälle konnte die weitgehend vollständige Fassung des "Schwarzbuches" rekonstruiert werden.Wassili Grossman/Ilja Ehrenburg (Hrg.): Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden. Herausgegeben von Arno Lustiger. Deutsch von Ruth und Heinz Deutschland. Rowohlt, Reinbek. 1 150 Seiten. 98 Mark.