Der Misanthrop Alceste klatscht ungebremst mit dem ganzen Körper an die Wand. "Alles Heuchler!" Batsch, noch einmal. Wir sehen Molières "Menschenfeind" in der Inszenierung des Russen Anatoli Wassiljew. Der Darsteller des Alceste erweist sich als überaus robust - er wird im Laufe des Abends Portikus-Säulen zerschmettern, durch geschlossene Fenster fliegen, Häuser umstoßen. Er verachtet die Konventionen als Lüge. Wassiljew scheint Ähnliches zu fühlen, denn als das Publikum seiner Arbeit nur Spott und Wut entgegenbringt (zwei Zuschauer fallen im Tumult vom Balkon) - bringt er es um. Riesenhände bedecken es mutterzart mit einer weißen Plane zum ewigen Schlaf. Die Vorstellung geht ungestört zu Ende, die Kulisse still und vollständig in Flammen auf.Diese Inszenierung gibt es im Doppelpack mit "Regen nach der Sintflut" von Tonino Guerra (er war Drehbuchautor für Federico Fellini, Andrej Tarkowskij und Michelangelo Antonioni) bei den Berliner Festwochen zu sehen. Hier stirbt das Publikum ein zweites Mal. Es säuft ab. Versinkt friedlich zwischen Schauspielern, Musikern, Requisiten und Theatertrümmern, wird desinteressiert beglotzt von Zierfischen. Guerra hat Moskau, Rom, Paris und New York auf die Bühne geholt, die Metropolen überschwemmt und zusammensacken lassen. Er selbst singt zum Weltuntergang ein Lied, das er in deutscher Gefangenschaft von eingesperrten ungarischen Frauen durch den Zaun erlauscht hat. Fellini wollte das Lied immer wieder hören.Die künstlerischen Leiter des Moskauer "Teatr Tenj" ("Theater des Schattens") Maja Krasonpolskaja und Ilja Epelbaum haben diese beiden und andere Regisseure gebeten, im "Theater des Königreichs Lilikan" ihre Bühnenträume umzusetzen, die sich aus Rücksicht auf Schauspieler, Publikum, Brandschutz und Finanzierung bisher nicht verwirklichen ließen. Einzige Beschränkung: Die Vorstellung darf nicht mehr als 15 Minuten dauern. "Ein talentierter Regisseur braucht nicht länger, um seine Idee zu formulieren, und ein talentiertes Publikum nicht länger, um sie zu verstehen. " So lautet das Verdikt des Königs von Lilikan, der kraft seines Amtes gleichzeitig der Theaterdirektor ist. Das vielstöckige barocke Theaterhaus misst eine Traufhöhe von etwa einem Meter sechzig. Die kribbeligen Zuschauer, die fiedelnden Musiker im Orchestergraben und die einsatzfreudigen Schauspieler hörten bei 15 Zentimetern auf zu wachsen, und Noahs Arche ist eine Streichholzschachtel. Diese Angaben werden hier nach langem Zögern mitgeteilt, denn die Größe einer Idee hat nichts mit ihrer Ausdehnung in Zeit und Raum zu tun. Der Schädel des homo sapiens sapiens fasst ein Volumen von rund 1 400 Kubikzentimetern, und hinein passt mehr als eine Welt.Das Lilikanische Theater heute 19 Uhr, Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, T. 25 48 91 00BERLINER FESTSPIELE 1,60 Meter misst das Haus: Miniaturtheater bei den Berliner Festspielen.