MAGDEBURG, 19. Dezember. Harry Jahns ist ein bekannter Mann in Magdeburg, und das zeigt er auch gern. Durch den Vip-Raum der Handballer schleppt er einen stattlichen Kranz von Bierkrügen, vier randvolle Gläser hängen an jeder Hand, doch die Getränke kommen unfallfrei an die Tische. Jahns lädt nämlich Stück für Stück ab: hier zwei Gläser an den Stehtisch, dort zwei Gläser für die lustige Herrenrunde, und unterwegs wird Jahns auch noch das eine oder andere Bier los. Harry Jahns könnte die Krüge überall hinstellen, die Leute in der Stadt kennen ihn schon seit vielen Jahren. 1981 gewann er mit den Handballern des SC Magdeburg die Europameisterschaft der Vereinsmannschaften, er holte sieben DDR-Meisterschaften und wurde drei Mal Pokalsieger. Kürzlich hat Jahns noch einmal einen Popularitätsschub erfahren. Allerdings lag das nicht an Jahns selbst, sondern an seinem Sohn.Freche SiebenmeterMichael Jahns, 23, ist seit einigen Wochen eine große Nummer im Bundesligateam der Handballer. Zu Beginn der Saison machte er von sich reden, weil er die sieben Meter mit frechen Würfen verwandelte. Dann bekam er zunehmend Spielanteile und wurde gelobt für seine Einsätze, sogar vom Bundestrainer Heiner Brand. Auch am Wochenende, bei der EM für Vereinsmannschaften, musste Michael Jahns viele Hände schütteln. Im Halbfinale gegen das spanische Team Ademar Leon (32:26) warf er vier Tore und packte in der Abwehr kräftig zu. Beim 25:26 im Endspiel gegen Champions-League-Sieger FC Barcelona kam der junge Rückraumspieler allerdings nur sporadisch zum Einsatz und blieb ohne Treffer.Seinem neuen Ruhm dürfte das kaum Abbruch tun. Außerdem sprechen sie über Michael Jahns in Magdeburg nicht wie über andere begabte Spieler. Michael Jahns ist schlicht der "kleine Jahns", der Sohn vom großen Harry. Er muss sich ständig vergleichen lassen: Was kann der Kleine am Ball? Was konnte der Vater? Wer hat die dickeren Oberarme? Der Kleine oder der Vater? Eine vorläufige Antwort hat die Magdeburger Handballszene schon gefunden. Der Kleine mit der Körperlänge von 2,01 Meter ist zwar größer, aber schmaler als der Vater, der den stolzen Spitznamen "Eisen-Harry" trägt. Jetzt wird Michael Jahns "Alu-Harry" gerufen, was er "prinzipiell ganz witzig findet", obwohl man ihm nicht einmal den eigenen Vornamen gelassen hat."Na ja", sagt Michael Jahns, "manchmal geht mir dieses Theater schon auf die Nerven." Über allen Dingen schwebt der Vater, und das nicht erst seit dieser Saison. Von der C-Jugend bis zur A-Jugend trainierte Harry Jahns seinen Sohn. Sie flogen gemeinsam zur Hölle, spielten Handball, und fuhren wieder gemeinsam nach Hause. So ging das ein paar Mal in der Woche, fünf Jahre lang. "Ich glaube, Michael und ich haben das ganz gut geregelt", sagt Harry Jahns. "Im Training war ich der Trainer, im Auto aber schon wieder der Vater."Vorträge am KüchentischMutter Gisela allerdings, die selbst mal eine gute Handballspielerin war, mochte sich nicht an die strikte Trennung von Handball und Elternhaus halten. Alle Heimspiele ihres Sohnes verfolgte sie und hielt abends am Küchentisch gern kleine Vorträge, stellte wichtige Spielszenen sogar gestisch nach. "Mama, mach den Fernseher an und guck deine Sendung", hat Michael Jahns dann gesagt. "Irgendwann muss doch mal Feierabend sein mit Handball." In der letzten Zeit unterhält sich Michael Jahns wieder öfter mit seinem Vater über Sport. Es gibt viel zu besprechen nach den jüngsten Erfolgen in der Magdeburger Mannschaft. Bundestrainer Heiner Brand hat angekündigt, nach Olympia mit Michael Jahns zu planen, auch Magdeburgs Vereinscoach Alfred Gislason baut auf ihn: "Wenn Michael weiter an sich arbeitet, kann er ein Großer werden."Die Arbeit findet für Michael Jahns derzeit vornehmlich im Kraftraum statt. "Ich habe noch athletische Defizite", sagt er, "ich brauche Muckis." Auch wenn es nicht so schnell gehen sollte mit einem strammen Bizeps, nachhaltiger Ruhm ist Michael Jahns schon jetzt sicher. Als "Alu-Harry" wird er den Magdeburgern garantiert rostfrei im Gedächtnis bleiben.