Neun Monate blieb die alte Singakademie Maxim-Gorki-Theater unweit der Autobahn Unter den Linden geschlossen. 10,2 Millionen Mark sind verbaut worden, was auf den ersten Blick kaum zu sehen, aber sofort zu riechen ist. Es gibt jetzt eine Klimaanlage und es zieht frische Luft an der Nase vorbei. Das ist eine wichtige Neuerung an diesem Haus, denn dicke Luft und magere Kunst machen müde, und immerzu Komödien machen dumpf, und wenn es jetzt nicht mehr mieft, halten sich ermüdete Zuschauer besser wach. Die neuen Stühle bieten vielleicht etwas mehr Beinfreiheit als die alten, aber der Ellbogen des Nachbarn ist noch da, wo er nicht angenehm ist, womit gesagt sein soll, dass Theater eine soziale Kontaktstation sein könnte, wenn es nicht schon Teil der Spaßgesellschaft wäre.Prominenz kam zur Premiere. Stefan Heym saß in der zweiten Reihe. Berliner Provinzpolitiker waren auch da. Ihr Interesse am Sich-Zeigen, nebst Gattin, steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Engagement für den Erhalt des Berliner Theaterlebens.Äußerlich scheint, bis auf den Neubau der Toiletten und den genialen Durchbruch in die Kantine, wenig verändert. Der Intendant Bernd Wilms, der am Sonnabend seine letzte Spielzeit an diesem Haus eröffnete, zählte fast fünf Minuten lang auf, was an neuer Technik eingebaut worden ist, nannte unmerkbare Wort-Ungetüme, es wurde so gut wie alles erneuert, sogar "neue Dimmerschränke" wurden angeschafft.Was sind Dimmerschränke? Hoffentlich kann man damit nur die Lampen kleinstellen, nicht gleich ganze Theater dimmen. Das Maxim-Gorki-Theater stand schon mehrfach auf der Dimmliste des Senats, und nun funkelt und strahlt es tatsächlich neu und hoffnungsfroh. Senator Stölzl, er steht dem Osten bekanntlich reserviert gegenüber, wie man vis-à-vis am Exempel Staatsoper studieren kann, meinte, das Gorki funkele jetzt großartig "wie eine Moskauer Metrostation". Aber er erklärte: "Theater muss sein." Die Eröffnungspremiere fand hinter Maschendraht statt, der die gesamte Bühnenöffnung versperrte, von oben nach unten, von rechts nach links, nur zwei Gartentürchen zum Durchschlüpfen für den jungen Dichter Kostja Treplew. Ein Drahtgeflecht, wie man es von Karnickelställen in Kleingartenanlagen kennt, die Öffnungen gerade so groß, dass man eine Möhre durchstecken kann. Kunst findet im Stall, im Asyl, im Schutzraum, im Käfig statt, ist immer Experiment, ist Spiel, ist Spiel im Spiel, ist alter Inhalt und neue Form oder umgekehrt, ist Quatsch, Anmaßung und Glück und sollte gut gefüttert werden. Das könnte die Regisseurin Katharina Thalbach vielleicht gemeint haben, mit ihrer "Möwe"-Abbreviatur für den Prenzlauer Berg. Die Möwe, eine geschminkte Taube, die schrill gurrt. Diese Kunst kommt aus der Enge der großen Stadt. Was immer die Thalbach anfasst, es wird berlinisch, das ist Qualität und Beschränktheit. Es steht zu vermuten, Regine Hildebrandt, wenn sie inszenieren würde, würde vermutlich ganz ähnlich inszenieren, volkstümlich.Soldatenlieder, Liebeslieder, Wyssotzki und anderes plärren aus alten Kassettenrekordern die russische Weise von Liebesleid und Traurigkeit. Nützt nichts, die Charaktere, die Thalbach zeichnet, wohnen auf den Hinterhöfen innerhalb des S-Bahn-Rings. Dass sie auch glaubhaft dargestellt werden, dafür sorgt die alte Schauspielergarde, die hier schon immer spielt: Strehle, Hosfeld, Lennartz, Baumann, Anschütz, und Ursula Werner als Arkadina natürlich. Das alte Osttheater, es ist etwas mumifiziert.Das Bühnenbild von Momme Röhrbein wirkt, als habe man ursprünglich vorgehabt, doch wieder einmal Gorkis "Nachtasyl" zu spielen: Ein wechselnder Gruppenlagerplatz, wo es keine Natur gibt - sogar der Schriftsteller Trigorin, der lieber angelt als schreibt, angelt im Aquarium. Es häufen sich die Klappstühle, Klapptische, Klapphocker, Sonnenschirme und Samoware, und mit dem elfundneunzigsten Aufguss des Slapsticks "Schwierigkeiten beim Ausklappen eines Klappstuhls" beginnt Lehrer Medwedenko den ohnsorglichen Abend.Die Zuschauer sollten wissen, heute wird Komödie gespielt, und sonst nichts, deshalb formulierte der Übersetzer, Textkürzer, Vater, frühere Lebensgefährte Thomas Brasch ins Programmheft Gebrauchspoesie: "Tschechow/ Seine sechs Stücke sind KOMÖDIEN/ der Zensor aber hat das Wort gestrichen:/ So spielte man in jenem Land ANÖDIEN,/ wo Lachen war dem Selbstmitleid gewichen".Gegen ostdeutsche Larmoyanz wurde ein original Thüringer Bratwurstessen mit original Papptellern aus dem original Aldi in Stellung gebracht. Originale Düfte entstehen. Danke für die Klimaanlage! Das Regieteam erfuhr vielleicht mitten in den Proben von der Weisung des Intendanten: "Die ganze Spielzeit ist eine Komödien-Spielzeit", und so ist dem Team bewusst geworden, "Nachtasyl" wäre selbst unter Bernd Wilms nicht als Komödie zu präsentieren. So hat man sich entschieden, doch die Möwe zu versuchen, in drei bis fünf Ansätzen, ohne tragende Idee, die "Möwe", die zweifelsfrei eine Komödie ist. Und was für eine!Melancholie, eine verbreitete Betrachtungsweise von Tschechow, zuletzt bei Andrea Breth an der Schaubühne, wollte Thalbach nicht aufkommen lassen. Für Melancholie ist die Thalbach zu schnoddrig. Für Melancholie ist ihr Hinterhof zu laut. Die Thalbach probierte die Posse "alternde Schauspielerin" (Die Kugel Ursula Werner an der Ballettstange!), das traurige junge Dramatikerstück "Dichterselbstmord ohne Grund", das Stück "heutige Jugend" (Mascha als Gruftie), das Stück "Böse Kunst und schlechte Gesellschaft", am ehesten ist "Girlie liebt Bestsellerautor" geglückt.Anna Thalbach ist als Nina, Nina, tam kartina, eto traktor i mator einfach süß. Es ist die erste Lektion Schauspielunterrricht, wie sie da mit Walkman in dem weißen, steifen, hochragenden Röckchen an der Ballettstange auftaucht. So süß, das muss man einfach mögen! Doch dann: Die tragische Komponente, die anfangs verraten wurde, spielt die Darstellerin, plötzlich sich auf sich selbst besinnend, am Ende, als die Liebe zu dem Schriftsteller Trigorin gescheitert ist, quasi "zurück". Bravo. Wahrscheinlich fühlte die Darstellerin einfach, dass die "Möwe" eben doch ein tragisches Stück ist. Etwas über den Tod und weniger zum Totlachen.Der junge Einfühlungsdarsteller Oliver Boysen gibt Kostja eine einfühlende Verstiegenheit. Der Zeige-Schauspielerin Ursula Werner als Arkadina gehen die leiseren Töne ab, und Katharina Thalbach beginnt, sich mit Tschechow auseinander zu setzen.Die Möwe // Komödie von Anton Tschechow, übersetzt und bearbeitet von Thomas Brasch; Regie: Katharina Thalbach; Bühnenbild: Momme Röhrbein; Kostüme Angelika Rieck.Darsteller: Ursula Werner - Arkadina, Schauspielerin; Oliver Boysen - Treplew, ihr Sohn; Eckhart Strehle - Sorin, ihr Bruder; Anna Thalbach - Nina; Wolfgang Hosfeld - Verwalter; Karina Fallenstein - Mascha, Burghart Klaußner - Trigorin, Schriftsteller; Hilmar Baumann - Arzt; Ulrich Anschütz - Medwedenko, Glen Curtis - Jakow Weitere Vorstellungen: 3. , 4. , 5. , 19. , 29. November, jeweils 19. 30 Uhr, Besucherservice, Telefon: 20221129