Als Musterbühne eines zeitgenössischen sozialistischen Theaters wurde heute vor 50 Jahren in Berlin im "Haus der sowjetischen Kultur", der ehemaligen Singakademie, das Maxim Gorki Theater installiert. Zum Intendanten war Maxim Vallentin berufen, der aus der sowjetischen Emigration kam, wo er sich dem Studium der Theatertheorie von Konstantin Stanislawski zugewandt hatte. Die Forderungen Stanislawskis nach "Wahrheit der Empfindung" und "Wahrheit der Bühne" sollten durch "gesellschaftliche Wahrheit" fundiert werden. Stanislawskis Psychotechnik stand in Gegensatz zur Schauspieltheorie Bertolt Brechts, wie sie im "Kleinen Organon für das Theater" entwickelt und im Berliner Ensemble seit 1949 angewandt wurde: sich bei der Darstellung einer Rolle nicht "einzufühlen" oder gar sich zu identifizieren, sondern sie durch gestische und sonstige Verfremdungsmittel auffällig zu "zeigen". Auf dem 5. Plenum des ZK der SED im März 1951 war Brechts Methodik dem "Formalismus" zugeordnet worden. Das Gorkitheater war eine Gegengründung zum Berliner Ensemble.In den fünfziger Jahren wurden die Inszenierungen der russischen und sowjetischen Stücke, aber auch die klassischer Stücke von einem Realismus geprägt, der sozialistisch genannt wurde, sich in den Erscheinungsformen vom alten bürgerlichen Theaters aber nicht sichtlich unterschied. Dem Auftrag, mit dem neuen Theater dem Publikum zu einem Verständnis für russische und sowjetische Dramatik zu verhelfen, war Vallentin zur Eröffnung des Maxim Gorki Theaters am 30.Oktober 1952 mit der Inszenierung von "Für die auf See" von Boris Lawrenjow nachgekommen. Das 1946 in Moskau uraufgeführte Stück beschäftigt sich mit dem moralischen Fehlverhalten des Kommandanten eines U-Boot-Jägers im Krieg, der aus Ehrgeiz und Rivalität eine Niederlage verursacht. Vallentins Inszenierung war auf die Erfüllung der Kategorien bedacht, die Friedrich Engels für den Realismus gesetzt hatte: "... außer der Treue des Details die getreue Wiedergabe typischer Charaktere unter typischen Umständen." Herausgekommen war eine darstellerische "Genremalerei", die im großen Tableau des sowjetischen Patriotismus aufgehoben wurde.Dieser Stil sollte die Aufführungen sowjetischer Stücke in den folgenden Jahren bestimmen. Auch die Gorki-Inszenierungen "Dostigajew und andere" (1954), "Nachtasyl" (1957) in der Regie von Vallentin, "Feinde" (1959) in der Regie von Hans Dieter Mäde, wirkten wie bemühte Kopien des Moskauer Künstlertheaters. Zur gleichen Zeit nahm das Berliner Ensemble mit seiner gegenläufigen Spielweise den Aufstieg in den Weltruhm.Zur Programmatik des Maxim Gorki Theaters sollten auch Werke der deutschen und internationalen Klassik gehören. Maxim Vallentin setzte 1955 Schillers "Räuber" in Szene und gab ihnen, wie zur gleichen Zeit Wolfgang Langhoff am Deutschen Theater in "Egmont", einen idealistischen Zug, indem er Karl, dargestellt von Albert Hetterle, dem späteren Intendanten aus der Wendezeit, zu einem zu früh gekommenen Revolutionär, die Räuberbande zu anarchischen Vorkämpfern von Volksfreiheit machte. So entsprach es der Aufforderung des Kulturministers Johannes R.Becher zur "Verteidigung der deutschen Kultur" bei Eröffnung des Kulturministeriums im März 1954. Als Auseinandersetzung mit dem Faschismus, als Vergangenheitsbewältigung waren Maxim Vallentins Inszenierungen von Friedrich Wolfs "Das Schiff auf der Donau" (1955) und von Bechers "Der Weg nach Füssen" (1956) gedacht.Dass dem sozialistischen Realismus durch "Weite und Vielfalt" (Brecht) besser gedient war, wurde im Maxim Gorki Theater erstmals durch die Inszenierung der Lysistrate-Bearbeitung "Unternehmen Ölzweig" von Ewan MacColl im Jahr 1957 anschaulich. Regie führte Joan Littlewood, die in ihrem Theatre Workshop Arbeitertheater nach der Methodik Stanislawskis gemacht, sich aber nach dem Erlebnis des Gastspiels des Berliner Ensembles 1954 in Paris der Methodik Brechts zugewandt hatte. In ihrer Inszenierung des antiken Stücks im Maxim Gorki Theater probierte sie spielerische Revueformen aus, die sie später bei der Inszenierung von "Oh! What a Lovely War!" vervollkommnete. In dieser Inszenierung war der erste Ansatz einer freien Anwendung unterschiedlicher Darstellungsweisen, wie sie seit den sechziger Jahren zunehmend das Maxim Gorki Theater kennzeichneten, zu finden.Musste auffallen, dass im Gorkitheater erst sechs Jahre nach seiner Gründung das erste DDR-Gegenwartsstück auf die Bühne kam, nämlich Hans Luckes "Kaution", so war die Aufführungen von Heiner Müllers "Der Lohndrücker" und Heiner und Inge Müllers "Die Korrektur" im September 1958 sensationell. Beide Stücke waren formal aus dem epischen Theater Brechts abgeleitet. Dass sie im Gorkitheater gespielt wurden, war der Aufgeschlossenheit des seit 1953 amtierenden Chefdramaturgen Gerhard Wolfram und dem Ehrgeiz des jungen Regisseurs Hans Dieter Mäde zu verdanken, die begriffen hatten, dass es mit der Beharrung auf einen normativen sozialistischen Realismus-Begriff keine Darstellung der neuen Realität mit ihren Konflikten geben konnte. Wenn nicht schon der 17.Juni 1953, so hatten spätestens die Ereignisse in Polen und Ungarn im Oktober 1956 klargemacht, dass sich die Widersprüche des Sozialismus weder durch Schönreden und Verdrängung noch durch Erlasse erledigen ließen. Brecht hatte in seinem letzten öffentlichen Auftritt auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongress im Januar 1956 empfohlen, kleine Truppen der Agitprop-Theater wiederzugründen, wie sie vor der Machtergreifung der Nazis erfolgreich waren.Bis zu diesem Zeitpunkt war über diese proletarischen Spieltruppen, die ihre künstlerische Aufhebung im politisch-revolutionären Berufstheater der Weimarer Republik erfuhren, das Verdikt des "Linksradikalismus" verhängt gewesen. Maxim Vallentin, der in der Weimarer Republik das "Rote Sprachrohr" leitete, hatte sich in der Sowjetunion von seiner Vergangenheit distanziert, als er sich 1938 "gegen die Verkünder einer "rein proletarischen Kultur" gewandt, sie als "falsche Propheten" verurteilt hatte, die durch die Schule Stanislawskis widerlegt würden. Wenn sich unter dem Druck der Ereignisse in Polen und Ungarn das Maxim Gorki Theater an die Spitze der Erneuerung des Agitprop-Theaters setzte, indem es Müllers "Lohndrücker" und die als Hörspiel verfasste "Korrektur" auf die Bühne brachte, so wirkte das wie eine Zurücknahme der Verfechtung der allein seligmachenden Stanislawski-Methodik. Es konnte darin aber auch eine Selbstbefreiung Maxim Vallentins aus der Verleugnung seiner eigenen künstlerischen Herkunft gesehen werden.Doch bald war mit der Erneuerung wieder Schluss. Das Experiment fand keine Fortsetzung. Heiner Müller wurde zwar als Dramaturg angestellt, aber durch die Kampagne gegen das "Didaktische Theater", 1959, ausgelöst durch die Kulturkommission des ZK der SED unter Leitung von Alfred Kurella, wurde allen weiteren Versuchen auf lange Zeit ein Ende bereitet.Foto: THEATER DER ZEIT/HARRY HIRSCHFELD 1956: Ibsens "Gespenster", Friedel Nowak (Fr. Alving), Hilmar Thate (Osvald).