Nach dem Willen des Kunstbeirats sollte auch ein Bild von Bernhard Heisig den neuen Reichstag zieren. Gedacht war, dieses Werk nicht etwa in den großen Eingangshallen des Hohen Hauses zu aufzuhängen, sondern abseits in den Obergeschossen, dem Publikum wie der elektronischen Öffentlichkeit verschlossen. Darin artikulierte sich eine peinliche, unwürdige Halbherzigkeit. Die Malerei aus den Zeiten der DDR, die sich so anders entwickelt hatte als die westdeutsche, sollte zwar nicht ganz verbannt, aber doch unsichtbar werden. Die Werke von Werner Tübke oder Wolfgang Mattheuer hatte die Kommission des Bundestages wegen angeblicher "Regimenähe" von vornherein ausgeschlossen, ein Vorwurf, der bald auch gegen Heisig erhoben wurde, weniger aus dem etablierten Kunstmilieu der alten Bundesrepublik als aus dissidentischen, beleidigten oder einfach erfolglosen Kreisen der einstigen DDR.Dagegen konnte man Heisig mit einiger Gelassenheit verteidigen. Nun aber wird ein neuer Vorwurf laut, gegen den man sich aus Gründen demokratischer Selbstachtung stellen muß. Es geht um das unbestrittene Faktum, daß Heisig 1943 im Alter von 18 Jahren Soldat der SS-Panzerdivision "Hitler Jugend" wurde. Er nahm an der Ardennenoffensive teil, wurde 1945 zur Verteidigung seiner Heimatstadt Breslau, die zur "Reichsfestung" erklärt wurde, kommandiert und geriet als Kriegsversehrter in sowjetische Gefangenschaft. Dazu bekannte er sich seit den siebziger Jahren in seinem Werk, seit 1989 ersetzte er die biographische Formulierung "am Kriegsdienst teilgenommen" durch den klaren Hinweis auf die Waffen-SS. Vorher war eine solche Deutlichkeit unerwünscht.Bernhard Heisig hat das Dritte Reich nicht als Erwachsener gewollt und bejubelt, er wurde als Kind davon geprägt. Aus guten Gründen hat niemand beispielsweise Hans-Dietrich Genscher je einen Vorwurf daraus gemacht, daß er 1944 der NSDAP beitrat. Schon die Alliierten, jedenfalls die westlichen, unterschieden 1945 Kriegsgefangene, die 1919 oder später geboren waren, von den älteren.Jürgen Girgensohn, der 1924 geborene sozialdemokratische Bildungsminister Nordrhein-Westfalens der siebziger Jahre, ist ein Jahr älter als Heisig. Auch er hatte sich zur Waffen-SS gemeldet und war dort zum Rottenführer aufgestiegen. "Ich bin Nationalsozialist gewesen", bekannte er 1991, "vom Anfang meines Eintritts in das Jungvolk 1934 bis man kann beinahe sagen über den Krieg hinaus." Im nachhinein zeigte sich Girgensohn froh, daß er 1945 nicht nach Hause entlassen, sondern im britischen Umerziehungslager Fallingbostel interniert wurde, das für seine Altersjahrgänge eingerichtet worden war. Dort konnte er an geschichtlichen und philosophischen Kursen teilnehmen, die ein jüdischer Captain leitete.Heisigs Lebensweg im Osten Deutschlands nahm einen anderen, schwereren Verlauf. Wie viele seiner Generationsgenossen brauchte auch er fast 25 Jahre, um das Erlebte zu thematisieren: Erst in den Jahren nach 1978 schuf er die Gemälde "Ardennenschlacht", "Der Kriegsfreiwillige", "Der Zauberling", "Die Festung" und erst ganz spät das Bild des alten Mannes mit dem gelben Stern: "Aber Gott sieht zu, Herr Offizier ". Die Bilder enthalten keine simple Schuldzuweisung. Sie verzichten auf jede einfache Botschaft. In ihnen wollte sich der Maler, wie er selbst sagte, "über die Bewußtseinslage klarwerden, in der ich mich damals mit vielen meiner Generation befand".Genau solche Bilder gehören in den künftigen Deutschen Bundestag, und zwar in die Eingangshalle. Aber eine solche Biographie habe dort nichts zu suchen, erregt sich der kulturpolitische Sprecher der Berliner CDU, Uwe Lehmann-Brauns, und setzt hinzu: "Wollen Sie etwa einem Gast aus Israel erklären, dieses Bild wurde von einem ehemaligen Mann der Waffen-SS gemalt?!" Doch, genau das wollen und müssen wir um der Ehrlichkeit willen einem israelischen Gast erklären: Hier hängt das Gemälde eines Mannes, der sich irrte, der für eine Generation deutscher Jugendlicher steht, die "die Gnade der späten Geburt" knapp verfehlte. Hier hängt das Gemälde eines Mannes, der sich zu diesem Irrtum bekannt und ein Leben lang daran gearbeitet hat, sich und anderen darüber Rechenschaft abzulegen.