Die Postkarte ist ganz schön arm dran. Zumindest, wenn man nackte Zahlen sprechen lässt. 1990 wurden in Deutschland 550 Millionen Postkarten verschickt. 2010 waren es nur noch 170 Millionen. Aus den Ferien schickt jeder dritte Deutsche lieber eine E-Mail oder eine SMS. Trotzdem ist Joachim Kallinich überzeugt, dass die Postkarte nicht aussterben wird. Und das muss er auch sein, schließlich hat er dem kleinen Medium mit den bunten Bildchen nun eigens eine Ausstellung gewidmet.Die Sonderschau "Grüße aus ..." im Museum für Kommunikation zeichnet ab heute mit vielen postalischen Beispielen die Geschichte des Phänomens Ansichtskarte nach und zeigt, warum Menschen auch heute noch Karten schreiben."Sie sind Ausdruck besonderer Wertschätzung. Man nimmt sich Zeit, ein Motiv auszusuchen und über den Text nachzudenken. Die Botschaft ist, ich habe an dich gedacht", sagt Kurator Kallinich, der früher Leiter des Museums an der Leipziger Straße war und heute als Honorarprofessor an der Humboldt-Universität unterrichtet.Seine Ethnologie-Studentinnen haben sich für die Ausstellung durch die 250000 Karten umfassende Sammlung des Museumsdepots gewühlt und zu verschiedenen Themen - Scherzkarten, Trinkpost aus Bierpalästen, Feldpost oder Kuriositäten - kleine Stationen erstellt. Angefangen hat alles mit einer Idee Heinrich von Stephans, seinerzeit Generalpostdirektor des Deutschen Reichs und Gründer des Postmuseums, dem Vorgänger des Museums für Kommunikation. Er veröffentlichte 1865 eine Denkschrift zur Einführung der Postkarte. Damals stieß sie allerdings auf wenig Gegenliebe. Als unmoralisch und beleidigend wurde es empfunden, Nachrichten ohne Umschlag und für jedermann lesbar zu verschicken. Es verstieß gegen das Postgeheimnis.Und so war es vier Jahre später die österreichische Post, die sogenannte "Correspondenzkarten" einführte. Billiger und schneller als Briefe, wurden sie schnell zum Erfolgsmodell und Massenmedium. Von Bildern konnte anfangs auf den kleinen sepiafarbenen Kärtchen allerdings noch keine Rede sein. Sie wurden erst 1885 zugelassen. Auch die heute übliche Einteilung mit der geteilten Adressseite, auf der die linke Seite für Mitteilungen frei bleibt, gibt es erst seit 1905. Bis dahin musste der Text auf der Bildseite der Ansichtskarten untergebracht werden. Dafür konnte man sich damals morgens per Karte für den Abend zum Essen verabreden, so oft wurde die Post ausgeliefert.Die Ausstellung zeigt auch die Feldpost der Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, die millionenfach zwischen Heimat und Front verschickt wurde. "Bei ihr kam es nicht so sehr auf den Inhalt an, sondern auf ein Lebenszeichen", sagt Kallinich. "Bin gesund und munter. Sonst nichts Neues", heißt es auf der Karte eines deutschen Soldaten an seine Eltern. Als historische Dokumente können die Motive herhalten - häufig heroisierende Soldatendarstellungen oder Bilder von durch die Alliierten zerstörten Gebieten.Banale InhalteHeute, sagt Kallinich, werden die meisten Postkarten zu Weihnachten, Ostern und aus dem Urlaub verschickt. Die Inhalte - "Wetter ist schön, Essen schmeckt, Hotel ok" - kommen oft recht banal daher. Und doch zeigt die Ausstellung mit ihren 150 Karten, Texttafeln und Pinnwänden voller Grüße aus Bali und Bad Wilsnack ein Stück deutsche Alltagskultur. Über die Liebe der Deutschen zum Postkarten-Schreiben wurde immer gern gespottet. 1899 lästerte der britische "Standard", der "reisende Teutone" betrachte es als feierliche Pflicht, von jeder Station seiner Reise eine Postkarte zu schicken, als befände er sich auf Schnitzeljagd. Der Schriftsteller Thomas Theodor Heine bemerkte bissig, bei einem Zugunglück würde der Franzose mit einer Frau anbandeln, der Engländer Zeitung lesen und der Deutsche, der würde Ansichtskarten schreiben.Interessant war für die Ausstellungsmacher auch die Art, wie Empfänger mit Karten umgehen. Ein 67-jähriger Pensionär fackelt nicht lang und gibt zu Protokoll: "Lesen, anschauen, Briefmarke runter und in den Papierkorb". Andere sammeln die Karten liebevoll in Schatullen oder Alben. Die Lieblingsstücke des 71-jährigen Kurators sind die in einem Glaskasten ausgestellten Kuriositäten. So hat jemand seine Urlaubsgrüße aus Togo per Kokosnuss verschickt - frankiert versteht sich.-----------------------"Grüße aus ...": Bis 14. August, Leipziger Straße 16, Di 9-20, Mi-Fr 9-17, Sa/So 10-18 Uhr, Eintritt 3, erm. 1,50 Euro------------------------------Foto (4): Ob erotisch oder mit zotigen Witzen - Postkarten sind beliebtes Sammelobjekt. Verschickt werden aber immer weniger.

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