Die Oranienstraße war am Freitagvormittag frisch gefegt, auf der Skalitzer Straße glänzten nur kleine Glasscherben im Sonnenlicht. Es war weitgehend ruhig geblieben an diesem 1. Mai. Von den Ausschreitungen am späten Donnerstagabend, bei denen Flaschen und Steine flogen und die Polizei weit über 100 Personen festnahm, war am Tag danach kaum mehr etwas zu sehen. Es hatten keine Autos gebrannt, Scheiben waren nicht eingeworfen worden. "Keine Probleme" habe er gehabt, sagte Sinan Akyol, vor dessen Café "Mama Z. & Söhne" in der Oranienstraße das Myfest gefeiert wurde. "Besser als letztes Jahr" sei es gewesen, sagte Ramazan Özdemir vom Imbiss an der Oranien-/ Ecke Skalitzer Straße - wo Donnerstagnacht die Flaschen flogen.Wieder einmal ist der 1. Mai nicht friedlich gewesen, aber friedlicher zumindest als in den Vorjahren. Und wieder einmal gilt das Myfest als Hauptgrund. Dass es das Straßenfest der Anwohner im nächsten Jahr wieder geben wird, ist aber nicht sicher. "Ich habe mich heute Nacht mal gefragt, für wen ich das eigentlich mache", sagte Myfest-Organisatorin Silke Fischer am Freitag der Berliner Zeitung.Kampf um die StellplätzeSie ist über das Verhalten einiger Gewerbetreibender verärgert, die beim Myfest Essen und Getränke verkaufen. "Die Händler kämpfen um jeden Quadratmeter", sagte Silke Fischer. Zum Teil werde dabei verbal oder sogar mit Messern gedroht. "Es geht um viel Kohle." Beim Verkauf von Glasflaschen und Alkohol hätten sich einige Händler unverantwortlich verhalten, am Ende des Festes ihren Müll einfach auf die Straße geworfen, erzählte die Myfest-Macherin. "Da sind für nächstes Jahr ein paar Fragen offen. Ich bin nicht bereit, für ein Riesenbesäufnis dieses Ding aufzuziehen", sagte Fischer.Die negativen Erfahrungen sind für die Organisatoren bitter. Es sind aber auch einige positive Neuerungen zu vermelden. "Zum ersten Mal war die Bühne in der Naunynstraße kein Ausgangspunkt für Krawalle", sagte Fischer. 160 Jugendliche seien als Ordner in die Organisation der Hiphop-Bühne eingebunden worden. Die Musiker auf den insgesamt 17 Bühnen hätten sich über das schönste Myfest überhaupt gefreut. Mit 950 Freiwilligen waren so viele Helfer wie noch nie beteiligt. Und 35 Flaschensammler hätten für eine Aufwandsentschädigung von jeweils 150 Euro 24 500 Glasflaschen gesammelt.Dass ausgerechnet zwei der Flaschen-Container auf der Skalitzer Straße umgekippt und die Flaschen von Randalierern am Abend massenweise zu Wurfgeschossen umfunktioniert wurden, sei nicht Sache des Myfestes, sagte Fischer: "Wenn die Container verriegelt gewesen wären, hätten niemals drei Punks die umkippen können, dafür waren die viel zu schwer." Ob die Container falsch aufgestellt wurden, müsse das Bezirksamt klären.Über den Container und das Verhalten der Händler werde man am Montag sprechen, sagte Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne). Fischers Kritik am diesjährigen Myfest teilte er aber nicht. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass es ein Riesenbesäufnis war."Friedliche TänzerLobend äußerte sich am Tag danach auch die Polizei über das Fest. "Es hat einen wichtigen Beitrag für den friedlichen Verlauf des Tages geleistet", sagte Polizeipräsident Dieter Glietsch. Ähnliche Kommentare kamen aus der Politik: Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann lobte den "friedlichsten Mai seit 21 Jahren", FDP-Innenexperte Björn Jotzo freute sich über spätnachts tanzende Myfest-Teilnehmer, nur der CDU-Innenpolitiker Frank Henkel warnte davor, die Gewalt zu "bagatellisieren".Einig waren sich Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und Polizeichef Glietsch in ihrer positiven Bilanz zur Walpurgisnacht und zum 1. Mai. Dass Einsatzkonzept der Polizei habe an beiden Tagen gut gegriffen. "Die Zahl der Festgenommenen zeigt, dass das Konzept der ausgestreckten Hand funktioniert", sagte Körting. "Und manchmal zieht die Hand einen auch rüber", fügte er mit Blick auf die festgenommenen Gewalttäter hinzu. Die Krawallvorfälle trübten die Gesamtbilanz nicht, sagte Körting. "Ich bin jedoch realistisch genug zu sagen, dass der Spuk noch nicht vorüber ist. Es gibt in Berlin ein Potenzial junger Leute, die wissen wollen, was geht." (mit jan.)------------------------------Krawall-BilanzIn der Walpurgisnacht wurden 24 mutmaßliche Randalierer festgenommen. Wegen der Beteiligung an Angriffen gegen Polizisten erließ das Amtsgericht Tiergarten gegen neun der Festgenommenen Haftbefehle. Im vergangenen Jahr gab es noch 119 Festnahmen.Die Haftbefehle betrafen sechs Heranwachsende im Alter von 18 bis 20 Jahren sowie drei Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Sie wurden gegen Auflagen von der Untersuchungshaft verschont. Ein Jugendlicher wurde in ein Heim eingewiesen.Am 1. Mai nahm die Polizei 138 Personen fest. Im Vorjahr waren es nur 115. Gegen die Festgenommenen wird unter anderem wegen schweren Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung ermittelt. In 92 Fällen wurde am Freitag geprüft, ob die vorläufig festgenommenen Personen dem Gericht zum Erlass eines Haftbefehls vorzuführen sind. Die Vorführungen dauerten bis zum Abend an.Von den Festgenommenen des 1. Mai sind 24 wegen Gewalttaten registriert. Acht von ihnen sind wegen früherer politisch motivierter Delikte registriert.Bei Sachbeschädigungen verzeichnet die Polizei am 1. Mai einen Rückgang. Registrierten die Ermittler im vorigen Jahr noch 24 Fälle, so waren es in diesem Jahr nur noch neun.Im Einsatz war die Polizei in der Walpurgisnacht mit 3 000 Mann, am 1. Mai mit 4 700 Mann.Verletzt wurden in der Walpurgisnacht 13 Beamte, einer davon schwer (2007: 15), am 1. Mai 90 Polizisten (2007: 115). Weitere Fälle werden in den nächsten Tagen wahrscheinlich nachgemeldet.------------------------------Foto (2) :Saubermänner: Als die müden Mai-Revolutionäre noch schliefen, putzte die BSR schon am frühen Freitagmorgen Kreuzberg wieder blitzblank.Flüchten musste Poli- zeichef Dieter Glietsch vor Steinwürfen. Er wollte sich wie jedes Jahr am 1. Mai vor Ort umsehen. Als Reporter ihn fotografierten, entdeckten ihn aggressive Demonstranten. Er habe zum ersten Mal gemerkt, wie wichtig seine Bodyguards seien, sagte er am Tag danach.