Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, Zeit für einen ersten Ausblick auf die Trends 2006. Das nächste große Ding auf den deutschen Pop-Bühnen heißt Visual Kei und kommt aus Japan. Dabei handelt es sich um eine Art flott gezupften Hardrock mit ungewöhnlich vielen Rhythmus- und Harmoniewechseln sowie - was das Wesentliche ist - deutlichen Anleihen bei der Bildsprache der neueren japanischen Manga und des älteren westlichen Glamrock. Zu den Besonderheiten des Visual Kei zählt jedenfalls der Umstand, dass er von Männern gesungen wird, die sich wie Frauen kleiden; während das Publikum vor allem aus Frauen besteht, die sich wie Männer kleiden, die sich wie Frauen kleiden.In seiner Heimat erfreut sich das Genre (auf deutsch bedeutet der Name in etwa "visuelles System") bereits seit den Achtzigerjahren großer Beliebtheit. Ursprünglich hat es sich unter dem Einfluss bunt kostümierter westlicher Bands wie Mötley Crue oder Kiss entwickelt; aber auch David Bowie und Iggy Pop, die eine Weile ja gern in Frauenkleidern die Bühne betraten, haben eine wesentliche Rolle gespielt. Die Faszination für Cross-dressing und Travestie hat in Japan aber auch ältere Wurzeln. Sie lässt sich bis in die Vorkriegszeit zurückverfolgen, in die legendären Revuetheater in Takarazuka, wo die Männerrollen durchweg mit Frauen besetzt waren - woraus wiederum nach dem Krieg die erblühenden japanischen Comics ihre Bildersprache bezogen. Bis heute spielen verweiblichte Knaben, Travestie und homosexuelle Beziehungen in den Manga eine zentrale Rolle.Im Gefolge des Manga-Booms hat nun auch der Visual Kei das deutsche Pop-Publikum erreicht. Aus einer in Internetforen und auf Manga-Treffen seit einigen Jahren schon enthusiastisch gepflegten, von der breiteren Öffentichkeit aber weithin unentdeckten Subkultur bewegt sich das Genre derzeit auf den Mainstream der Hitparaden und Teenie-Magazine zu. War die Musik bisher nur in Form teurer Import-CDs zu erhalten, beginnen deutsche Plattenfirmen seit einigen Monaten, sie für den deutschen Markt zu lizenzieren. Als im Frühjahr die wichtigsten Gruppen des Genres erstmals in Deutschland auftraten - Dir en grey in Berlin und Moi dix mois in München -, waren das die erstaunlichsten Pop-Großereignisse, die man sich vorstellen kann: mit Tausenden entfesselter Teenager, die zum Teil tagelang vor den Konzerthallen campierten, um ihre Idole zu treffen, und - wie bei Dir en grey in der Columbiahalle - reihenweise in Ohnmacht fielen, als sie endlich die Bühne betraten.Die prägende Gestalt der Szene ist Mana, der Gitarrist der Band Moi dix mois; er ist es auch, der das Spiel mit der geschlechtlichen Identität am weitesten treibt. In seiner ersten Band Malice Mizer kam Mana Ende der Neunzigerjahre erstmals mit Korkenzieherlocken und in weit wallenden Rüschenkleidern auf die Bühne. Mit Moi dix mois hat er seinen "Gothic Lolita"-Stil - samt Spitzenblusen, Bändern, künstlichen Blumen und Plateauschuhen - nicht nur zum persönlichen Erkennungszeichen ausgebaut. Seit dem Jahr 2001 vermarktet er ihn auch in einer eigenen Modelinie namens Moi-même-moitié.Manas Kundschaft sind dabei vor allem Mädchen und junge Frauen - das ist in Japan nicht anders als nun in Deutschland, wie man beim Besuch der entsprechenden Konzerte oder von Manga-Conventions feststellen kann. Die Szene verfügt über eigene Fashion-Magazine wie etwa die "Gothic Lolita Bible", in denen die neuesten Kollektionen vorgestellt werden; darin kann man auch Manga lesen, die Gothic Lolitas gefallen, außerdem gibt es Schnittbögen und Schminktipps.Mit dem Gothic-Stil, wie er in Deutschland seit dem Postpunk der späten Siebziger existiert, haben die Gothic Lolitas nur teilweise zu tun; jene unter ihnen, die sich gothic-gerecht ausschließlich in strenges Schwarz kleiden, bilden als Elegant Gothic Aristocrats lediglich eine Gothic-Lolita-Untergruppe. Daneben gibt es zum Beispiel die Elegant Gothic Lolitas, die schwarz-weiße Kleidchen tragen und damit vor allem niedlich aussehen möchten; aber auch Babydoll Lolitas, Country Lolitas oder Industrial Lolitas (Punklolis).Dass es gerade minderjährige Mädchen sind, die sich für Moi dix mois oder Dir en grey begeistern, erstaunt auch die Vertreter der Plattenfirmen, die diese Bands in Deutschland vertreiben. "Für die ist der Sound ja eigentlich viel zu hart", meint etwa Florian Fink, der Produktmanager der Firma Brainstorm, die - bisher vor allem auf Heavy Metal, Punk und Gothic spezialisiert - in einem neu gegründeten Imprint namens Gan-Shin jetzt japanische Bands wie Dir en grey zu hiesigen Hörern bringen will. Doch im Visual Kei ist das Visuelle eben wichtiger als die Musik: Inzwischen hat sogar die Bravo das Thema entdeckt und in ausführlichen Artikeln darüber berichtet.Die älteren Anhänger des Genres sehen diese Entwicklung keineswegs mit Vergnügen. Bislang war der Visual Kei die perfekte Jugendkultur - so rätselhaft und exotisch, dass Erwachsene sie garantiert nicht verstehen. Inzwischen schmücken sich sogar Kinder-Bands wie Tokio Hotel mit der Japan-Ästhetik: als diese kürzlich in der Columbiahalle spielten, demonstrierte eine erzürnte Gruppe von Gothic Lolitas davor gegen den Ausverkauf ihrer Kunst.------------------------------Japanische Musik für deutsche HörerVisual Kei (ausgesprochen "visual kee") nennt sich eine aus Japan kommende Art des Hardrock, die vor allem durch ihre theatralischen Inszenierungen besticht - und durch die Tatsache, dass die männlichen Sänger sich als Frauen kleiden.In Deutschland erhält man japanische Popmusik bisher vor allem in Importläden, in Berlin etwa bei Neotokyo, Schönhauser Allee 188, Mitte. Dort bekommt man auch die dazugehörigen Pop- und Modemagazine wie die "Gothic Lolita Bible" (in japanischer Sprache).Dir en grey und andere wichtige J-Rock-Bands werden neuerdings aber auch von deutschen Plattenfirmen lizenziert. Bei Gan-Shin/ Brainstorm/Universal sind soeben die Alben "Withering to Death" von Dir en grey, "666" von Hyde und "Kuchiki No Tou" von Mucc erschienen.Moi dix mois haben ihr neues Album "Nocturnal Opera" in Deutschland bei Trisol/Soulfood herausgebracht. Sehr interessant ist auch ihre DVD "Invite to Immorality", u.a. mit einem Mitschnitt des Münchener Konzerts.------------------------------Foto: Mana, Gitarrist von Moi dix mois und Erfinder des Gothic-Lolita-Stils, zeigt in der aktuellen "Gothic Lolita Bible" seine Herbstkollektion.