BERLIN, 2. Juli. Die zweite Reihe haben sie bereits erobert. Die jüngeren SPD-Abgeordneten im Bundestag, die sich nach dem Regierungswechsel 1998 zum "Netzwerk Berlin" zusammengeschlossen hatten, stellen drei parlamentarische Staatssekretäre, führen zwei SPD-Landesverbände und leiten den einflussreichen Ausschuss für Wirtschaft und Arbeit. Sogar eine eigene Zeitschrift haben sie: Die 38 Netzwerk-Abgeordneten sind Herausgeber der "Berliner Republik" aus dem Vorwärts-Verlag.Doch das alles reicht ihnen nicht mehr. Die Netzwerker wollen beim SPD-Bundesparteitag im November in die erste Reihe aufsteigen. Ute Vogt, die baden-württembergische SPD-Chefin und Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, soll für die Parteispitze kandidieren. Die 38-Jährige will mit Unterstützung ihrer Kollegen einer der fünf Stellvertreter von SPD-Chef Gerhard Schröder werden. Der Kanzler dürfte die Kandidatur mit Wohlwollen begleiten, zumal Familienministerin Renate Schmidt, die einen der Stellvertreter-Posten bekleidet, ihren Rückzug angekündigt hat.Machthungrig und inhaltsarm Doch wollen die Netzwerker nicht nur für ihre gelungene Karriere-Planung bekannt werden. Sie beklagen sich ohnehin schon, dass sie in ihrer eigenen Partei als machthungrig und inhaltsarm gelten - praktisch als ein Verein für das gegenseitige Fortkommen. Bei einem Treffen in Berlin an diesem Wochenende wollen sie deshalb versuchen, gemeinsame politische Positionen zu entwickeln. Mit dabei sind auch mehrere jüngere SPD-Politiker aus den Bundesländern wie der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck und der Chef der Saar-SPD, Heiko Maas. "Wir können uns nicht nur darüber definieren, dass wir die Jüngeren sind", sagte ein Netzwerker. "Wenn wir keine inhaltlichen Gemeinsamkeiten haben, ist es zu leicht, uns gegeneinander auszuspielen. " Schon im Vorgriff auf dieses Treffen legten die 38 Abgeordneten jetzt ihre Vorschläge für eine grundsätzliche Reform der Sozialversicherungen vor. Auf 14 Seiten plädieren sie dafür, die soziale Absicherung künftig weitaus stärker über Steuern als über Beiträge zu bezahlen. Dafür wollen sie die Mehrwertsteuer um mehrere Punkte auf den europäischen Durchschnitt anheben und die Erbschaftsteuer erhöhen. "Wir wollen, dass alle Menschen sich ihren Platz in der Gesellschaft selbst erobern - beruflich und persönlich", heißt es in dem Papier. Die Stellung eines Menschen müsse erarbeitet und nicht ererbt werden.Die Renten- und die Krankenversicherung wollen die Netzwerker auf eine Bürgerversicherung umstellen. Für die Rentenversicherung schlagen sie vor, bei niedrigen Beiträgen alle Erwerbstätigen, auch Selbstständige, Beamte und Politiker, einzahlen zu lassen. Außerdem solle die zusätzliche kapitalgedeckte Rente, die mit der Riester-Reform eingeführt wurde, obligatorisch werden. "Um die Rente finanzierbar zu halten, werden die Umlagerente und die Kapitalrente zusammen höchstens die Kaufkraft der heutigen Rente erreichen können, und das auch nur bei guter wirtschaftlicher Entwicklung", heißt es in dem Papier. Wer im Alter über zusätzlichen finanziellen Spielraum verfügen wolle, müsse privat vorsorgen.Bei der Krankenversicherung plädieren die jungen Abgeordneten dafür, alle Menschen zur gesetzlichen Krankenversicherung zu verpflichten, unabhängig vom Einkommen und der Berufszugehörigkeit. Auch Einkünfte aus Vermietung und Kapital sollten beitragspflichtig werden.Wer arm und pflegebedürftig ist, soll nach den Vorschlägen des Netzwerks künftig aus Steuermitteln versorgt werden. Auch die versicherungsfremden Ausgaben für die Arbeitslosen müssten über Steuern finanziert werden. Der Faktor Arbeit müsse entlastet werden, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen.Interessengruppen innerhalb der SPD // Das Netzwerk Berlin mit seinen 38 Mitgliedern ist der kleinste Interessenverband innerhalb der SPD-Fraktion. Er ist entstanden, weil die jüngeren Abgeordneten dort gemeinsam ihre Interessen vertreten wollen. 251 Abgeordnete zählt die Fraktion insgesamt.Der Seeheimer Kreis ist die Organisation des rechten Parteiflügels. Etwa ein Drittel der Abgeordneten zählen zu ihm, vor allem aber gehören viele Regierungsmitglieder zu den Seeheimern. So wird beispielsweise Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zu diesem Parteiflügel gezählt.Die Parlamentarische Linke (PL) in der SPD besteht aus etwa 60 Abgeordneten; ihr Sprecher ist Fraktionsvize Michael Müller. Die PL machte ihren Einfluss besonders in der Debatte über die Sozialreformen der Agenda 2010 geltend. "Die Seeheimer stellen die Regierung, die PL beherrscht die Fraktion", heißt es in der SPD.AP/THOMAS KIENZLE Die baden-württembergische SPD-Vorsitzende Ute Vogt, Mitglied des "Netzwerks Berlin", will für die Parteispitze kandidieren.