Das Neue Deutschland kämpft seit Jahren gegen sinkende Auflagen. Nun bittet die Zeitung ihre Leser um Hilfe - ein Redaktionsbesuch: Auf zum nächsten Gefecht

BERLIN. Die Türen beim Neuen Deutschland sind grellgrün lackiert. Trotzdem wirkt der langgestreckte Gang so farblos wie der PVC-Belag. Eines der Türschilder verheißt Geheimnisvolles: "Ort der Visionen" steht darauf. Hinter der Tür fällt der Blick auf einen massiven Tisch. Er ist aus demselben Holz wie die Schrankwand, durch die eine weitere Tür zu jenem Zimmer führt, der früher der Ruheraum von Günter Schabowski war. Was heute "Ort der Visionen" heißt, war bis 1985 sein Büro, das Büro des Chefredakteurs des Neuen Deutschland. Damals verkaufte das ND 1,1 Millionen Exemplare.Sieben Männer und eine Frau sitzen um den Tisch auf ausladenden Stühlen, die mit ihren Holzlehnen und dem dicken Polsterbezug aus farblosem Cordstoff den Charme jener Zeit versprühen, in denen das Neue Deutschland nach der Jungen Welt die zweitgrößte Zeitung der DDR war. Es ist halb elf. Die Redaktionskonferenz beginnt.Das ND, es existiert. Noch. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist die Auflage des einstigen Zentralorgans der SED auf 40 600 Exemplare geschrumpft. Nur 2 000 davon werden im Westen der Republik gelesen. Vergangenen Sonnabend rief die Redaktion in einer Anzeige im eigenen Blatt um Hilfe. Sie braucht neue Abonnenten, sonst ist die Existenz des ND bedroht. Im Durchschnitt ist der ND-Leser 65 Jahre. Alter, Krankheit und Tod raffen die Abonnenten dahin. 2008 rutschte der Verlag mit minus 400 000 Euro in die roten Zahlen.Die acht Redakteure - einer mit wallendem Vollbart, zwei sächselnd, einige mit Sandalen an den bloßen Füßen, alle sehr leger gekleidet - besprechen am "Ort der Visionäre" die Themen der nächsten Ausgabe. Es geht darum, dass die Abwrackprämie im Osten weniger genutzt wurde als im Westen, und darum, dass aus dem Westen DDR-Kunst in den Osten zurückgeschickt wird. Man müsse sich das nur mal umgekehrt vorstellen, sagt der Mann mit dem Bart, Feuilletonchef Hans-Dieter Schütt, wenn also ein Baselitz oder ein Immendorff im Osten gewesen und an die BRD zurückgeschickt würde .An der Wand rechts hängt die Titelseite der ersten Ausgabe vom 23. April 1946. KPD und SPD haben sich zur SED vereint, informiert die Schlagzeile, darunter Fotos von Karl Marx und Friedrich Engels. Gegenüber dem Fenster hängt ein riesiges Foto des Schauspielers Peter Sodann. Der Mann, der kürzlich für das höchste Amt im Staat kandidiert hat, sitzt in einem blau-weiß gestreiften Strandkorb und liest das Neue Deutschland. Es war ein Geschenk an die Redaktion zum 60. Geburtstag der Zeitung.Lässt man den Raum auf sich wirken und blickt durch das Fenster auf die Straße der Pariser Kommune, glaubt man, gleich müsste an einem Hubschrauber hängend eine Lenin-Büste vorbeigleiten oder wenigstens eine riesige, rot-weiße Coca-Cola-Werbung an einem der Plattenbauten gegenüber ausgerollt werden. So wie bei "Good bye, Lenin!", dem Film von Wolfgang Becker, der genau hier, in dieser Gegend gedreht wurde. Da sollte es die Hauptfigur des Films auch nicht mitbekommen, dass die DDR längst untergegangen ist.Jürgen Reents ist ein blasser Sechzigjähriger mit altersmilden Falten um die Augen und gutmütigem Lächeln. Seit mehr als zehn Jahren ist der Westdeutsche Chefredakteur des Neuen Deutschland. Anfangs hatte er Visionen, heute staunt er immer wieder, wie trotz Mangelwirtschaft täglich eine Zeitung entsteht - voller Texte, aber fast ohne Anzeigen.Geschäftsführer Olaf Koppe dröselt die Einnahmequellen auf: Nur etwa acht Prozent der elf Millionen Euro Umsatz pro Jahr kommen aus dem Anzeigengeschäft. Zwei Prozent beträgt der Anteil aus Nebengeschäften mit Büchern über Stalin oder Leserreisen nach Masuren. Der ganze Rest der Einnahmen stammt aus den Verkäufen von gerade einmal 1 800 Exemplaren am Kiosk und aus 37 000 Abonnements. Und die werden immer weniger.Reents wirkt erstaunlich gelassen, so wie er an seinem Schreibtisch sitzt, hin und wieder eine Zigarette anzündet und sagt, er sei sich sicher, dass der Hilferuf von vergangener Woche wirken werde. Der Mann war der führende Kopf im Kommunistischen Bund, saß später für die Grünen im Bundestag, wurde dann Sprecher der PDS und auf Drängen von Gregor Gysi Mitglied der Partei. Heute wirkt Reents wie ein müde gewordener Revolutionär. Parteimitglied ist er immer noch, was sich nicht unbedingt mit dem Beruf des Journalisten verträgt.Andererseits macht das Neue Deutschland keinen Hehl aus seiner Nähe zur Linkspartei. Zwar ist die Rede von einer möglichen Mitarbeiterbeteiligung oder einer genossenschaftlichen Organisation wie bei der linken Tageszeitung taz. Derzeit gehört das ND aber noch zur Hälfte über eine Treuhandgesellschaft der Linkspartei. Die andere Hälfte hält eine Beteiligungsgesellschaft, die der Linken nahe steht: Communio, unter anderem aktiv im kommunalen Wohnungsbau.Das Neue Deutschland ist den Lesern als Halt und Erinnerung an alte Werte geblieben, so wie die Verbindung zur Partei, die nun Die Linke heißt und aus vielen Strömungen besteht. Nicht nur Reents war früher bei der PDS, auch Hanno Harnisch, bis vor kurzem Feuilletonchef. Lothar Bisky ist Herausgeber des ND. Von der Zeitung zur Partei kam wiederum Dietmar Bartsch, heute Bundesgeschäftsführer der Linken. Er erinnert sich mit Grauen daran, wie schwer es war, als ND-Geschäftsführer Anzeigen für das Blatt zu akquirieren. Geringe Auflage, alte Leser, Verbreitung fast ausschließlich im Osten: Wer will in so einem Medium werben?Reents redet viel von Unabhängigkeit, davon, dass die Partei keinen Einfluss nehme auf das Neue Deutschland. Als Parteizeitung will Reents sein Blatt nicht verstanden wissen. Wohl aber, das räumt er ein, bestehe die ND-Klientel weit überwiegend aus Anhängern der Linkspartei. Die wird stärker, wie die jüngsten und auch die prognostizierten Wahlergebnisse zeigen. Warum also wächst die Auflage des ND nicht ebenfalls?Geschäftsführer Olaf Koppe nimmt Reents eine weitere Zigarette aus der Schachtel, zündet sie an und erklärt, dass es nun mal etwas anderes ist, ob jemand sein Kreuz bei der Wahl macht oder monatlich 25 Euro für ein Zeitungsabonnement zahlen soll. Da ist es auch kein Trost, dass die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ im Osten Deutschlands noch weniger Abonnenten haben als das ND. Auflage macht dort die Super Illu, Quote der MDR. Ihr Rezept: Ostalgie statt Politik.Bartsch schwärmt, dass sich das ND zum Beispiel bei der Auslandsberichterstattung sehr wohl mit jeder anderen Zeitung messen lassen könne. Reents sagt, die Leser interessierten sich vor allem für die Dritte Welt und Osteuropa. Er sagt auch, Russland sei für viele Leser immer noch die Sowjetunion, der große Bruder, und was Putin mache, sei erst einmal nicht schlecht. Man dürfe aber nicht die Meinungen, die in den Leserbriefen wiedergegeben werde, mit der Meinung aller Leser verwechseln. Das Spektrum der Leserschaft sei vielfältiger. Alte Leute haben eben Zeit. Manche schicken täglich Leserbriefe.Grau wirkt das Neue Deutschland, die Fotos zeigen alte Männer, in den Artikeln wird mit Vorliebe über Trümmer, Gewalt, Kriege oder Vergangenes geschrieben, wobei DDR und BRD die wohl am häufigsten benutzten Abkürzungen sind. Wer soll das lesen - und warum? Reents sagt, das Neue Deutschland versteht sich, so steht es im Untertitel, als "sozialistische Zeitung", die gut informiere, vor allem über linke Themen und linke Politik. "Es richtet den Blick von unten nach oben", sagt Reents. Er meint damit, dass das ND nicht nur über, sondern auch gegen soziale Ungerechtigkeit schreibt - und dies für Leser, die sich als deren Opfer sehen.Das Gebäude wie das Grundstück, in dem die Redaktion nicht einmal eine ganze Etage für sich braucht, gehören mehrheitlich dem Verlag. Der Rest ist fremdvermietet. Verlag und Redaktion, zu DDR-Zeiten 500 Mitarbeiter, zählen heute nur noch 90 Mitarbeiter. Vierzig davon sind Textredakteure. Sie alle arbeiten für weniger als sechzig Prozent des Tariflohns. Im Kommentar gegen die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse in Deutschland ist davon keine Rede.Jakob Augstein, der Sohn des Spiegel-Gründers, hat vor einem Jahr die in Berlin erscheinende "Ost-West-Wochenzeitung" Freitag gekauft. Sie soll die Lücke füllen, die es seiner Ansicht nach in der deutschen Medienlandschaft gibt: eine linksliberale, publizistische Stimme. Zeit und Spiegel folgten dem politischen Mainstream, sagt Augstein. Die permanent ums Überleben kämpfenden Titel Junge Welt und Jungle World würden im öffentlichen Diskurs nicht wahrgenommen - folglich sei neben der täglichen taz genug Platz für den wöchentlichen Freitag, der online wie gedruckt ein Forum zur Debatte sei. Der Erfolg dieses Projektes ist bisher durchaus noch ausbaufähig, gibt Augstein zu. Über das Neue Deutschland sagt er, es sei ein geschichtskontaminiertes Blatt, belastet durch das Erbe der SED.Ja, sagt Reents, die Vergangenheit, die Nähe zur Linkspartei und der Titel seien hohe Hürden, die vom Griff zum ND abhalten. Hätten Jüngere die Hemmschwelle jedoch erst einmal überwunden und das Blatt gelesen, dann würden sie schnell merken, wie sehr sich die Zeitung gewandelt habe. Zudem gebe es eigens für sie redaktionelle Angebote: die Seite "Außer Parlamentarisches" etwa oder die Rubrik "Plattenbau" - auch wenn die dort benutzte, mit Anglizismen durchsetzte Sprache angestammte Leser gleich wieder animiert, einen Leserbrief aufzusetzen.Koppe pflichtet bei: Das Potenzial für neue Abonnenten sei da. Er sieht es vor allem in jenen Jungen, die sich in der Linkspartei organisieren und sich ein linkes, gerechtes, friedliches Deutschland wünschen. Am Ende des Gesprächs lehnt sich Reents zurück, spricht gedehnt die Worte "Neues" und "Deutschland". Er hält die Nase in die Luft, als atme er einen betörenden Duft ein. Dann sagt der Chefredakteur: "Da schwingt Sehnsucht mit, in diesen beiden Worten."------------------------------Geringe Auflage, alte Leser, Verbreitung fast nur im Osten: Wer will in so einem Medium werben?Foto: Selige Zeiten: Pflichtlektüre des Neuen Deutschlands beim XI. Parteitag der SED 1986 im Berliner Palast der Republik.