Es gibt Leute, die schneiden Zahnpastatuben auf, um die Reste herauszukratzen. Sie duschen nur zu zweit und im Dunkeln, und sie essen die Kakerlaken in ihrer Wohnung lieber auf, als Geld für den Kammerjäger auszugeben. Bei Hanneke van Veen und Rob van Eeden stoßen diese Leute nicht bloß auf Verständnis. In Kursen und Büchern bringen die 51jährige und der 48jährige ihrem geneigten Publikum bei, wie man ein richtiger "Geizhals" wird. Es sei denn, das Publikum weiß es schon. Dann verschafft das Outen Erleichterung, denn schließlich ist Geiz eine geächtete Eigenschaft und findet hauptsächlich im Geheimen statt."Unsere Kurse", sagt Rob, "erinnern mich an die Sexualreform-Seminare in den 70ern. Die Leute lachen viel und sind unheimlich erleichtert, daß andere genauso sind wie sie. Und es ist ihnen bis zum Schluß wahnsinnig peinlich." Rob und Hanneke sind seit 24 Jahren ein Paar. Immer schon konnte Hanneke besser mit dem Geld haushalten. "Bei mir blieb nie etwas übrig, egal, wieviel ich verdient habe", sagt Rob. Regelmäßig pumpte er seine Gefährtin an. Hanneke war es irgendwann leid. "Es war sehr schwierig, kein Geld mehr zu geben, weil Rob dachte, das sei Liebesentzug. Aber ich fand nicht, daß das was mit Liebe zu tun hätte", sagt sie.Eher mit Erwachsensein, sind sich die beiden heute einig. "Leute, die nicht auf ihre Ausgaben achten, verdrängen etwas", sagt Rob. Obgleich er inzwischen für sich selber sorgen kann ­ "das ist für mich eine große Erleichterung", sagt Hanneke ­ blieb seine Frau ihm einen Schritt voraus. Sie war es, die vor sechs Jahen die Frage aufwarf, ob sie alles, was sie konsumierten, auch tatsächlich brauchten. "Ich konnte den Konsum überhaupt nicht mehr genießen", sagt Hanneke.Ein halbes Jahr lang suchten die beiden ihre "persönliche Untergrenze". Sie schafften das Auto ab, zogen in eine kleinere Wohnung, stiegen auf Gebrauchtmöbel und Secondhandkleidung um. Sie verzichteten auf Restaurantbesuche, stellten die Heizung niedriger ein und lernten, kaputte Gegenstände selbst zu reparieren. "Das hat uns gut gefallen", sagt Rob. Dann stieß Hanneke auf einen Zeitungsartikel über eine US-Amerikanerin, die eine Zeitschrift mit Spar-Tips herausgab. Im April 1992 brachten Rob und Hanneke in den Niederlanden die erste Ausgabe des "Vrekkenkrant", der "Zeitschrift für Geizhälse" heraus.Seither präsentieren sich die beiden der Öffentlichkeit als "geizigstes Ehepaar der Niederlande". Im Fernsehen wie auf der selbstgebauten häuslichen Couch erzählen sie, wie sie mit dem Pfennig fuchsen. Wenn ihnen kalt ist, werfen sie sich selbstgefertigte "Wohnmäntel" über. Einen Hackbraten verlängern sie mit altem Brot, das sie nicht wegwerfen. Hanneke schneidet kaputte Strumpfhosen zurecht, und Rob tritt Klopapierrollen platt, damit sie sich nicht so leicht abwickeln lassen. Für Essen und den sonstigen täglichen Bedarf geben sie pro Person nur noch drei bis vier Mark aus. Kleidung haben sie, bis auf Schuhe, schon seit Jahren nicht mehr neu gekauft. "Früher", sagt Rob, "bin ich mit meinen 3 000 bis 4 000 Mark im Monat nicht ausgekommen. Heute lebe ich von 1 000 Mark."Ihre extreme Sparsamkeit, darauf bestehen die beiden, sei keine Verhaltensstörung, sondern diene einem rationalen Zweck: Durch Sparsamkeit gelinge es ihnen, ihre Ausgaben so weit zu reduzieren und so viel Geld zurückzulegen, daß sie bereits im nächsten Jahr, weit vor dem Rentenalter, aufhören könnten zu arbeiten. Hanneke ist Psychotherapeutin, der Betriebswirt Rob hat Existenzgründer beraten. Beide haben ihre Berufe bereits jetzt aufgegeben, weil das Leben als öffentlicher Geizhals nicht nur Geld, sondern auch viel Arbeit bringt.Denn das Publikum ist von Rob und Hanneke fasziniert. Tausende Holländer kaufen die Zeitschrift, die Rob und Hanneke sechsmal jährlich herausgeben, Zehntausende die vier Bücher, die die beiden inzwischen auf den Markt gebracht haben. Hanneke arbeitet zur Zeit an einem fünften, das vom Essen handeln soll. Hunderte Briefe erreichen Rob und Hanneke jeden Monat. Darin heißt es immer wieder: "Endlich berichtet mal jemand über uns." Überdurchschnittlich oft, sagt Rob, schreiben Frauen, vor allem Hausfrauen. Sie bitten um Ratschläge oder schreiben sich Geizschrullen von der Seele, die sie vor ihrer Familie verbergen. "Wir haben ein Tabu gebrochen", sagt Rob. Überrascht hat Rob und Hanneke, daß ihnen viele Menschen mit geringem Einkommen geschrieben haben, die ohnehin jede Mark zweimal umdrehen müssen. Die hätten ihre Tips dankbar aufgenommen. Manchem gelänge es wenigstens, seine Schulden abzubauen, berichtet Rob. Er habe sogar Post von Lesern erhalten, die es schafften, von der Sozialhilfe noch etwas zurückzulegen.Gezielt hatten Rob und Hanneke eigentlich auf Mittelschichtler wie sich selbst, die von Konsum und Karriere übersättigt sind. Ihnen bietet die "Geiz"-Ideologie das perfekte Ausstiegsszenarium: Nach einigen Jahren politisch korrekten Konsumverzichts ­ nie vergißt vor allem Hanneke darauf hinzuweisen, daß vom Knapsen auch die Umwelt profitiert ­ reichen die Ersparnisse, wenn der niedrige Lebensstandard beibehalten wird.Keineswegs müsse man dafür zum sozial auffälligen Außenseiter werden, sagen Rob und Hanneke. "Seht her, wir sparen wie Idioten, aber wir sehen ganz normal und akzeptabel aus", lautet ihre Botschaft. Obwohl sie Wasser sparen, riechen sie nicht schlecht, und sie kauen nicht hungrig auf ihren Nägeln. Ihre Kleidung ist leger, aber gepflegt, und Rob findet sich sogar leicht übergewichtig, wie wohl die meisten 48jährigen.Ihre vier Bücher verkaufen sich auch in Deutschland zehntausendfach. Schlecht dagegen läuft das deutsche "Geizhals-Forum", eine Zeitschrift, die der 30jährige Finanzwirt Karsten Rossa aus Grevenbroich seit Mitte vergangenen Jahres herausgibt. Die Auflage beträgt gerade mal 200 Exemplare. "Die Deutschen sind vielleicht zu satt", sagt Rossa. "Vielleicht mache ich die Zeitschrift auch zu akademisch." Einen Schritt voraus sind ihm freundlich gesonnene Geizhälse, von denen er Tips zur Veröffentlichung erhält, ohne daß sie die Zeitschrift kaufen. "Davon hat man doch wirklich gar nichts. Das ist mir unbegreiflich", wundert er sich.Ein tiefergehendes Verständnis für Geizhälse gehört jedoch dazu, wenn man die Bewegung voranbringen will. Ohne Leidenschaft, allein mit rationalem Kalkül ist extreme Sparsamkeit kaum durchzuhalten. "Seien Sie kreativ, lassen Sie sich etwas einfallen!" fordern Hanneke und Rob in ihren Schriften. "Rechnen Sie mit jedem Pfennig!" Wenn sie statt Teebeuteln ein Tee-Ei benutzen, sparen sie zusammen in 40 Jahren mehr als 1 500 Mark, haben sie ausgerechnet."Es ist wie ein Sport", sagen die beiden. Ehrgeiz und Ausdauer sind gefordert. Manch einer ihrer Fans erlahmt allerdings und bestellt sämtliche 28 Ausgaben der "Geizhals"-Zeitschrift nach, um durch die Lektüre seine Motivation aufrecht zu erhalten. Schließlich erfordert das Extremsparen unter dem Strich mindestens genausoviel Einsatz wie die suchtähnliche Jagd nach Konsumgütern. Hanneke und Rob führen genau Buch über ihre Ausgaben. Kein Pfennig darf verschwendet werden. Ständig halten sie die Augen offen nach Schnäppchen. Wenn sie eine Radtour machen, halten sie an jeder Telefonzelle an, um nach vergessenen Telefonkarten zu suchen."Geiz und Verschwendung sind die beiden Seiten derselben Medaille", sagt der Psychoanalytiker Tomas Plänkers vom Sigmund-Freud-Institut dazu. Beides resultiere aus einer Störung in der frühkindlichen Analphase. "Die Fixierung auf Quantität statt Qualität bleibt." Im Prinzip sei in dieser Hinsicht unsere gesamte Gesellschaft gestört, sagt Plänkers.Die Auswüchse dieser Störungen schockieren zuweilen sogar die Enttabuisierer Rob und Hanneke selbst. Ein Ehepaar berichtete, es trage im Winter Ölanzüge über Wollkleidung und heize überhaupt nicht mehr. Eine Frau beichtete, sie ernähre sich ausschließlich von Taubenfutter. Das koste sie bloß fünfzig Mark im Jahr.So weit wollen es Rob und Hanneke nicht kommen lassen. Zu Beginn dieses Jahres gaben sie ihrer Zeitschrift den weniger provokanten Titel "Genug". Symptomatisch wohl für das Paar selbst, denn tatsächlich beginnt der Spar-Trend allmählich seine Erfinder zu langweilen. "Es ist keine Herausforderung mehr", sagt Rob. In den kommenden zwölf Monaten wollen die beiden Nachfolger heranziehen, die die Öffentlichkeitsarbeit, die Zeitschrift und die Kurse übernehmen.Rob und Hanneke wollen dann ein Jahr lang gar nichts tun. Und danach? Das wissen sie noch nicht. Für Hanneke, die sich auch für den Umweltschutz engagiert, wird es kein Problem sein, ohne berufliche Arbeit zu leben. Aber Rob wird nachdenklich. Erwerbsarbeit bringe ihm mehr als nur ein Einkommen, sagt er. Es bedeute ja auch, in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. "Geld verdienen", sagt Rob, "trägt dazu bei, daß ich mich wichtig fühle."Die Bücher von Hanneke van Veen und Rob van Eeden sind auf Deutsch im mvg-Verlag erschienen und kosten zwischen zehn und 17 Mark.

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