BERLIN, 16. Mai. Tage wie diese hat Walther Tröger schätzen gelernt. Kurz bevor sich der 71 Jahre alte Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) auf eine kraftzehrende, zweiwöchige Weltreise nach Quebec (Weltkongress "Sport für alle") und Rio de Janeiro (Generalversammlung der NOK) begibt, handelte er in Berlin routiniert eine NOK-Präsidiumssitzung ab. Sicher, es wird derzeit viel diskutiert im deutschen Sport, etwa über die Finanzierung der nationalen Dopingagentur Nada oder über die Inhaftierung von Werner Langenbahn, dem Präsidenten der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) - doch Trögers Mannschaft hatte am Dienstag im Olympischen Institut am Kleinen Wannsee relativ leichtes Spiel. Wichtigster Punkt der Tagesordnung war die erste von vier Nominierungsrunden des Teams für die bevorstehenden Olympischen Sommerspiele in Sydney. "Es handelte sich ausschließlich um klare Fälle", sagte Tröger später vor der Presse, bevor sein Büroleiter Heiner Henze, der NOK-Generalsekretär, die Namen der 56 Athleten aus acht Sportarten verlas.Schümann zum sechsten MalDer dreimalige Segel-Olympiasieger Jochen Schümann aus Berlin, der im bayerischen Penzberg lebt, ist der Prominenteste aus der ersten Gruppe der Sydney-Flieger. Schümann erlebt seine sechsten Olympischen Spiele, womit er mit den Reitersfreunden Reiner Klimke und Hans-Günther Winkler gleichzieht. Deutschland wird in Sydney mit etwa 450 Athleten vertreten sein, 1996 in Atlanta waren es 476. In den 28 Sportarten fehlt man nur im Baseball, Basketball, Softball und im Wasserball. Das NOK nominierte, rein formal, auch die Teams im Hockey (je 16 Männer und Frauen), Fußball (18 Frauen), Handball (15 Männer) und Volleyball (11 Frauen), über deren Zusammensetzung die Fachverbände entscheiden.Natürlich wurde es wieder bemüht, das ominöse Wort von der "Endkampfchance", die jeder nominierte Sportler nachweisen müsse. "Die Quotenregelung des IOC ist weitgehend mit dem identisch, was wir als Endkampfchance definieren", sagte Tröger. Also einen Platz im Finale der besten acht. "Ich mache das Spiel nicht mehr mit, dass ich vorher mit Medaillen kalkuliere, aber wir müssen natürlich Medaillen abrechnen gegenüber der öffentlichen Hand."So genannte Härtefälle wird man erst bei späteren Treffen diskutieren. Denkbar ist etwa, dass sich prominente Leichtathleten zwar als national Beste erweisen, jedoch knapp die Normen verfehlen. Den Olympiasiegerinnen Heike Henkel und Heike Drechsler könnte das vielleicht so ergehen. Tröger will "Härtefalldiskussionen" bereits im Vorfeld mit dem Bereich Leistungssport (BL) des Deutschen Sportbundes (DSB) und den Fachverbänden führen. "Wenn sie sich nicht klären lassen, wird es Kampfabstimmungen im NOK-Präsidium geben."Wie immer seit 1992 stehen dem NOK auch Dispute über Doping- oder Stasiverstrickungen von Olympiadelegierten bevor. Das Thema Stasi wird abgehakt, indem das NOK die Namen seiner Sydneyfahrer an die Gauck-Behörde mit der Bitte um Überprüfung weiterleitet. Zum Thema Doping wurde vor Jahren festgelegt, dass kein Sportler oder Betreuer nominiert wird, dem im laufenden Olympiazyklus Dopingvergehen nachgewiesen wurden. Der Fall Dieter Baumann, der am Donnerstag mit dem Termin vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main seinen nächsten Höhepunkt erlebt, wird also noch ausführlich zu debattieren sein.Für ehemalige DDR-Trainer, die wegen des Dopings an Minderjährigen Strafbefehle akzeptierten, "gibt es im Grundsatz das Verbot, in unsere Olympiamannschaft zu kommen", formulierte Tröger. Dies bereitet zum Beispiel dem Deutschen Leichtathletikverband (DLV) Probleme. DLV-Präsident Helmut Digel und sein Leistungssportchef Rüdiger Nickel, der bei der Staatsanwaltschaft Ermittlungsakten eingesehen hat, konnten auf Anfrage nicht sagen, wie viele der hauptamtlichen DLV-Trainer bislang Geldbußen gezahlt haben, die zur Einstellung der Verfahren führten. Digel legte Wert auf die Feststellung, dass der DLV in solchen Fällen arbeitsrechtlich nicht vorgehen könne, weil die Betreffenden "nicht rechtskräftig verurteilt sind".In der Anklageschrift zum Prozess gegen Manfred Ewald werden u. a. die für den DLV tätigen Trainer Werner Goldmann, Maria Ritschel, Erich Drechsler, Wolfgang Heinig, Klaus Schneider und Lutz Kühl des Dopings beschuldigt. Bernd Schubert, Leitender Bundestrainer Leistungssport des DLV, darf nach einem Gerichtsurteil seit 1991 als "ausgewiesener Fachdoper" bezeichnet werden. Die australischen Medien wollen Schubert in Sydney einen ähnlich heißen Empfang bereiten wie 1998 zur Schwimm-WM in Perth dem Trainer Winfried Leopold. Für Digel sind die öffentlichen Diskussionen um Schubert "absolut inakzeptabel". Der DLV, so Digel, lasse indes "jeden einzelnen Fall seiner Trainer nochmals prüfen".Infos zum Team für Sydney: www.nok.deOLYMIATEAM FÜR SYDNEY Die Nominierungstermine des NOK // Am 6. Juli in Frankfurt am Main: Badminton, Judo, Kanurennsport, Segeln, Rad (Bahn, Mountainbike), Moderner Fünfkampf, Fechten, Trampolin, Schwimmen - sowie Ärzte und Physiotherapeuten.Am 3. August in Frankfurt a. M. : Handball, Hockey, Leichtathletik, Rad (Straße), Schießen, Reiten, Rudern, Taekwondo, Turnen, Rhyth. Sportgymnastik, Tennis, Volleyball/Beachvolleyball. Offizielle.Am 22. August, erneut in der Zentrale des NOK: Fußball (Frauen), Reiten (Military), Gewichtheben - sowie einige Nachzügler (z. B. aus der Leichtathletik) und zudem die so genannten Härtefälle.IMAGO Ronny Weller erlebt in Sydney seine vierten Sommerspiele. Gold, Silber und Bronze hat er schon erkämpft.

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