BERLIN, im Juni. Die Leiche im Reichrieglerhof, einem Hotel oberhalb von Bozen, ist zunächst nicht zu erkennen. Eine hellgrüne Tischdecke bedeckt Rumpf und Gesicht des Toten, der hinter dem Receptionstresen in einer riesigen Blutlache liegt. Als die Beamten der Digos, Italiens politischer Polizei, die Tischdecke anheben, erkennen sie den Toten: Es ist Christian Waldner, Landtagsabgeordneter des Lega-Nord-nahen "Bündnis 98".Schon drei Tage nach dem Fund der Leiche im Februar 1997 verhaftet die Staatsanwaltschaft den vermeintlichen Täter: Peter Paul Rainer, ein enger Freund Waldners, hatte zuvor gestanden, den Politiker mit fünf Schüssen in Kopf und Oberkörper getötet zu haben. Das Motiv: Der Politiker habe ihn wegen eines gefälschten Maturazeugnisses erpressen wollen.Das Gericht in Bozen verurteilt Rainer ein halbes Jahr später wegen Mordes zu 22 Jahren und sechs Monaten Haft, obwohl der Angeklagte zu Beginn des Prozesses sein Geständnis widerrufen hatte. Er habe unter psychischem Druck die Tat gestanden, sei aber unschuldig, so Rainer. Ab Montag wird der Fall ein zweites Mal aufgerollt: Das Oberlandesgericht in Trient verhandelt über die Revision des Verurteilten, der sich als Opfer eines politischen Komplotts sieht.Politischer Mord?Also doch kein Mord aus persönlichen Beweggründen, sondern ein politisches Verbrechen? In Südtirol blühen erneut die Verschwörungstheorien. Denn der ermordete Politiker Christian Waldner hatte sich seit Jahren dem politischen Ziel eines unabhängigen Einzelstaates Tirol verschrieben. Dazu gründete Waldner Anfang der 90er Jahre in Südtirol die Partei der "Freiheitlichen", einen Ableger der österreichischen FPÖ des Jörg Haider. Allerdings überwarf sich Waldner 1995 mit den "Freiheitlichen" und verließ die Partei. Danach näherte er sich der Separatistenbewegung "Lega Nord" von Umberto Bossi an.Kein Wunder, daß Waldner, sein Freund Rainer und deren Gesinnungsgenossen stets im Visier der Geheimdienste aus Italien und Österreich standen. Im Reichrieglerhof, wo Waldner sein Büro hatte, wurden Wanzen installiert. Informanten des militärischen Geheimdienstes in Italien, SISMI, und des österreichischen Heeresnachrichtenamtes wurden auf die Sezessionisten angesetzt, V-Leute sollten die Szene militarisieren und kriminalisieren. Die Rolle der Geheimdienste spielte in den Ermittlungen zum Waldner-Mord aber nie eine Rolle. Ebensowenig wie das Gerücht, im Panzerschrank des Getöteten habe sich vor der Tat viel Geld befunden, das spurlos verschwunden ist. Ungeprüft blieb auch die Aussage Waldners wenige Tage vor seinem Tod, er habe brisantes Material über die Freiheitlichen und die FPÖ, das er zu veröffentlichen gedenke.In dem neuen Prozeß werden ab heute neben diesen Aspekten aber auch die krassen Fehler der Staatsanwaltschaft eine Rolle spielen, die diese bei den Ermittlungen zugelassen hatte. Spuren wurden verwischt oder erst gar nicht gesichert, Zeugenaussagen blieben, wichen sie von der einmal festgelegten Tatversion ab, unbeachtet, vielversprechende Indizien ließ man ungeprüft. Hier sei eine Version passend zurechtgebogen worden, ist der Südtiroler Journalist Artur Oberhofer überzeugt.Oberhofer hat vor Monatsfrist ein 500seitiges Buch vorgelegt, das alle Indizien und Zeugenaussagen im Mordfall Waldner analysiert und politische Hintergründe und Zusammenhänge beleuchtet. Sein Fazit: Peter Paul Rainer kann nicht der Täter gewesen sein, der Mord an dem Politiker war ein Komplott, in das Geheimdienste sowie Waffenhändler aus Italien und Deutschland verwickelt sind. Das Gericht in Trient muß sich zunächst einmal mit der Frage beschäftigen, wann der Mord tatsächlich begangen wurde. Der im ersten Prozeß angenommenen Tatzeit 12 Uhr widersprechen sowohl Zeugenaussagen als auch Gerichtsmediziner. So gibt es eine Handvoll Zeugen, die das Opfer noch am Nachmittag des Mordtages gesehen oder gehört haben wollen. Für die Zeit danach hat der Verurteilte jedoch ein wasserdichtes Alibi.Zeugen aus DeutschlandZwei der Zeugen, die Rainer entlasten könnten, aber nie gehört wurden, leben möglicherweise in Deutschland. So soll am Nachmittag des Mordtages ein Mercedes Cabrio mit deutschem Kennzeichen auf dem Parkplatz vor dem Tatort gestanden haben. Ein Zeuge, der die Insassen einen Mann und eine Frau beschreiben konnte, hatte sich von dem Kennzeichen jedoch nur die Buchstabenkombination RH-WH gemerkt.Danach stammt der Wagen aus dem Landkreis Roth in Westfranken. Allerdings gingen die italienischen Ermittler nie dieser Spur nach. Anders der Journalist Artur Oberhofer, der in einem Anzeigenblatt in Roth um eine Kontaktaufnahme des geheimnisvollen Mercedes-Fahrers bat. Nach einigen Wochen bekam Oberhofer tatsächlich Antwort: Ein anonymer Schreiber bestätigte, daß er am Mordtag mit Waldner gesprochen habe. "Haben Sie aber Verständnis dafür, daß wir in die Sache nicht hineingezogen werden möchten", heißt es am Ende des Schreibens.Der Wunsch wird möglicherweise nicht erfüllt werden. Der Verteidiger Rainers im Berufungsverfahren, Rechtsanwalt Roland Riz, hat inzwischen einen formellen Antrag gestellt, den fraglichen Halter des Mercedes im Landkreis Roth zu identifizieren. So schwer dürfte es nicht werden: Nur 16 Mercedes sind dort mit der fraglichen Buchstabenkombination registriert.