Es ist schwer zu sagen, wann genau sich das Los der Oranienburger Straße entschied. Vielleicht, als vor einem Jahr an der Ecke Tucholskystraße das "Streckers" öffnete, ein Erlebnis-Restaurant im Kolonialstil. Wahrscheinlich schon früher, als das "Mendelssohn" vor der Tür die Speisekarte aufhängte, auf der "German food" steht, und darunter: "Altfränkische Rinderroulade - Old frankonian beef".Irgendwann war jedenfalls klar, dass ihr Ruf der Oranienburger Straße zum Verhängnis geworden war. Immer mehr Touristen kamen, um die Synagoge zu sehen, die Tacheles-Ruine, und den Charme der, wie man hörte, so verrückten Nach-Wende-Zeit. Der jedoch hatte sich längst zurückgezogen hinter die Fenster der wenigen Lokale, die in den ersten Jahren entstanden und immer noch da waren: Die "Assel", die "Verkehrsberuhigte Ostzone", das "Obst und Gemüse", ganz hinten an der Linienstraße.Jetzt verliert die Straße auch noch ihre berühmteste Bastion gegen die Einheits-Gastronomie. Das "Obst und Gemüse" öffnet heute zum letzten Mal. Ein klassischer Fall: Der zehn Jahre alte Mietvertrag läuft aus, das Haus wird saniert. Der neue Eigentümer will durchaus eine Trinkstätte, aber eine schickere. Man habe zusammengesessen, sagt Udo Rehm, einer der drei Inhaber, einig wurde man nicht: "Der Besitzer will einfach ein anderes Niveau als wir." Und außerdem: "Ich habe keinen sehr engen Bezug mehr zu der Straße." Es sei doch alles "ein Brei" geworden in den vergangenen Jahren, austauschbar, langweilig. Ein paar mexikanische, ein paar indische Restaurants, Bars. Vor der Tür verschmelzen Tische und Stühle der einzelnen Lokale zu einer Trink- und Essmeile, und es ist den vorbeischlendernden Touristen wohl egal, wo sie sich hinsetzen.Die Touristen saßen auch vor dem "Obst und Gemüse", und auch drinnen, wo das Licht schummrig ist, das Leder der Bänke an der Wand durchgesessen, die Holztische zerkratzt. Aber hier landeten eben auch immer noch die anderen, die Studenten, die Nachbarn, die Künstler vom Tacheles gegenüber. Manche Gäste kamen, seit das Wirte-Trio, dem inzwischen auch der "Schleusenkrug" in Tiergarten gehört, vor genau zehn Jahren den ehemaligen Obst- und Gemüseladen mietete. Zwei Steinmetze und ein Künstler, die Lust aufs Kneipen-Machen hatten, aber keine Ahnung davon. Und die ebenso begeistert wie entsetzt waren, als schon kurz nach Eröffnung die Leute auf der Straße herumstanden, weil keiner mehr reinpasste, und lauwarmes Bier tranken, weil es noch keinen Kühlschrank gab.Solche Geschichten wird Udo Rehm in Zukunft in der Küche seiner Wohnung Gästen erzählen. Dort wird er das alte Obst- und Gemüse-Schild aus DDR-Zeiten aufstellen, das dem Laden den Namen gab. Zehn Jahre lang war es ein ironischer Verweis auf die Geschichte des Ortes. Jetzt erinnert es an eine andere Zeit, die auch vorbei ist.Foto: BERLINER ZEITUNG/KAY HERSCHELMANN Ein wenig melancholisch ist er schon, der Blick zurück: Udo Rehm vor seiner Kneipe "Obst und Gemüse", die er heute nach zehn Jahren schließen muss.