BERLIN, 20. Juli. Sonja Oberem hatte schon so ein komisches Gefühl, im Auto auf dem Weg zum Training. Paul-Heinz Wellmann, ihr Coach, hatte noch immer nicht angerufen - und er hätte es doch längst tun müssen, wenn es geklappt hätte, mit ihr und Athen. Oberem lag richtig mit ihrem Gefühl, dabei hätte sie sich so gern getäuscht. Als sie ankam, sagte Wellmann ihr, dass sie nicht mitfahren darf zu den Olympischen Spielen. Dass das Nationale Olympische Komitee (NOK) den Härtefallantrag des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) abgelehnt hat. Die zweimalige Siegerin des Athen-Marathons fehlt also beim Olympia-Marathon in Athen.Oberem klingt traurig, fast verbittert, sie sagt: "Die Bedingungen waren immer gegen mich." Da war zunächst ihre Verletzung, ein Ermüdungsbruch in der Leiste. Ein halbes Jahr lang konnte die Läuferin aus Leverkusen kaum trainieren, bis Anfang April. "Für Athen hatte ich eigentlich keine Ambitionen mehr", sagt sie. "Ich dachte, der Zug ist abgefahren." Doch dann entschloss sich die 31-Jährige zu kämpfen - sie weiß ja, wie das geht, als ehemalige Triathletin. Mitte Mai, beim Marathon in Wien, lief sie schon wieder 2:30:58 Stunden. Sie verpasste die Norm des DLV um 58 Sekunden - nach 42,195 Kilometern. "Allein durch die schlechten Bedingungen habe ich mit Sicherheit über eine Minute eingebüßt", sagt Oberem. Die Straßen waren nass vom Regen, der Wind wehte, es war wie im Herbst.Einen Monat später, beim Halbmarathon von Leverkusen, wurde Oberem wieder vom Wetter aufgehalten. "Es hat geschüttet wie aus Eimern. Die Strecke war so aufgeweicht, das war mehr ein Halbmarathon-Cross." Sonja Oberem rannte 1:14:17 Stunden - 17 Sekunden zu langsam für die Norm des DLV. 58 und 17 Sekunden, diese Differenzen sind Winzigkeiten für eine Marathon-Läuferin. Doch sie waren groß genug, um Oberems Athen-Pläne so tragisch zu durchkreuzen.Das NOK berief sich auf den Fakt, dass die Athletin die Norm nicht erfüllt hat - was nicht zu bestreiten ist. Richtig ist aber auch, dass Oberem in Griechenland fast so etwas wie ein Heimspiel gehabt hätte. Dreimal schon hat sie am Athen-Marathon teilgenommen, 2001 und 2002 hat sie gewonnen. Sie weiß auch, warum: "Die Bedingungen dort kommen mir entgegen, mit der Hitze und der schweren Strecke." All das wäre ihr vermutlich auch diesmal entgegengekommen. Einen Platz unter den ersten Zehn hätte Oberem sich zugetraut, DLV-Chefcoach Bernd Schubert sah sie gar unter den ersten Acht. Doch beweisen kann Sonja Oberem das nun nicht mehr."Wir sind zutiefst getroffen", sagt Paul-Heinz Wellmann, ihr Trainer. "Sonja war seit zehn Jahren bei allen Großereignissen für den Verband und die Nation da. Sie hat nicht, wie andere, auch mal verzichtet für lukrativere Events." Ein bisschen Dankbarkeit hätten der Coach und die Läuferin nun erwartet, ein kleines Entgegenkommen. Wellmann sagt: "Wir fragen uns: Soll man noch mal nachhaken beim NOK?" Doch er ahnt, das bringt nichts mehr, also lässt er es bleiben.Und Oberem? Ist am Dienstag nach Mallorca geflogen, ins Trainingslager, wie geplant. "Ich hab ja jetzt so lange trainiert, das will ich doch nicht ganz verpuffen lassen", sagt sie. Im Herbst will sie den nächsten Marathon laufen, irgendwo. Eigentlich hatte Oberem vorgehabt, in dieser Zeit schon nicht mehr aktiv zu sein. "Ich wollte Athen als Schlusspunkt meiner Karriere nehmen", sagt sie. "Tja."------------------------------Foto: Sonja Oberem, verbitterte Marathonläuferin------------------------------Foto: Verpasstes Reiseziel: das Olympiastadion von Athen.