POTSDAM. Vor mehr als 100 Jahren wurde das Haus als Reichskriegsschule errichtet, jetzt bereitet es nur noch Sorgen: Der Potsdamer Landtag auf dem Brauhausberg ist schon lange zum Pflegefall geworden. "Wir haben den schäbigsten Landtag bundesweit", sagt Landtagspräsident Gunter Fritsch (SPD), der ab und an auch in anderen Landesparlamenten zu Gast ist. Beschweren will er sich nicht. Denn wenn alles gut geht, soll der Potsdamer Landtag 2012 in einen Neubau umziehen, der dem ehemaligen Stadtschloss nachempfunden ist. Am alten Landtag wird seit 17 Jahren nur noch geflickschustert.Die marode Kanalisation des Hauses bemerkt Fritsch nicht nur an den Fahrbahnabsenkungen im Innenhof. In seinem Büro im ersten Stock bekommt er auch andere Folgen zu spüren: "Manchmal muffelt es hoch. Dann muss ich die Fenster schließen." Das kann im Hochsommer genauso unangenehm sein wie im Winter. Denn die Temperatur in den Räumen, die seit 1902 von einer Niederdruckdampfheizung erwärmt werden, lässt sich zumeist - wie zu DDR-Zeiten - nur durch das Öffnen der Fenster regulieren.Ungeliebtes DomizilDie marode Substanz der um die Jahrhundertwende erbauten Kriegsschule ist für Fritsch nicht nur ein repräsentatives Problem. Mehr und mehr wird der Bau auch zum unkalkulierbaren Kostenrisiko. Vor 20 Jahren hatte das schon die SED-Bezirksleitung erkannt, die zu DDR-Zeiten im sogenannten Kreml residierte. Sie kam nicht mehr dazu, ihren Beschluss über die nötige Grundsanierung umzusetzen. Und als der neue Landtag 1991 auf dem Brauhausberg Quartier nahm, war das ungeliebte Domizil eigentlich nur als Übergangslösung gedacht. Aber erst zehn Jahre später, als der ehemalige Ministerpräsident Manfred Stolpe den Begriff von der "Bruchbude" prägte, gewannen die aus Furcht vor einer unpopulären Kostendebatte immer wieder aufgeschobenen Umzugspläne an Fahrt. 2005 folgte der Neubaubeschluss.Noch immer sind auf der der Innenstadt zugewandten Seite des längst gesperrten Landtagsturms die Umrisse des SED-Emblems mit dem Händedruck gut zu erkennen. Mehrfach drohte die baupolizeiliche Schließung des gesamten Landtags. Bei Sturm muss der Innenhof wegen herabfallender Dachziegel gesperrt werden. Im Keller stehen Rattenfallen, weil die dünne Betonschicht unter den Fliesen für die Nager kein Hindernis ist. Bei Stürzen auf der schmalen, steilen Stiege zu ihrem Fraktionssitzungsraum zogen sich CDU-Abgeordnete schon Verletzungen zu. Ständig gibt es Ärger mit dem Brandschutz. Ein Fluchtweg führt über den Dachboden - wo ein verstaubtes Schild auf "Das Wesen des demokratischen Zentralismus" hinweist.Rund 250 000 Euro pro Jahr hat das Land seit 1991 für die nötigsten Instandhaltungsarbeiten und die Gewährleistung des Parlamentsbetriebes ausgegeben. Im kommenden Jahr wird dieser Durchschnittswert wohl deutlich überschritten. Denn die Anfang der 90er-Jahre angeschaffte Tonanlage hält nicht mehr durch. Eine neue muss her. Mit sechsstelligen Ausgaben ist zu rechnen. "Die Erhaltung verschlingt immer mehr Geld", sagt Michael Ranft, der zuständige Abteilungsleiter im Landtag. Eine Grundsanierung lohne wegen des Umzugs aber einfach nicht mehr.Deswegen wird Andreas Behnicke, der für die Haustechnik zuständige Sachbearbeiter, auch diesen Winter wieder nervenaufreibende Stunden mit seiner antiken Niederdruckdampfheizung verbringen. Wenn etwas kaputtgeht, muss er sich mit eigens angefertigten Ersatzteilen behelfen. "Von solchen Anlagen soll es nur in Frankreich noch einige geben", sagt Behnicke. Dabei schwört er durchaus auf die Rohre von 1902. "Die halten am besten. Alles, was danach kam, mussten wir schon austauschen."------------------------------Foto: Verschnörkelter Durchgang unterm Dach: In das marode Haus werde nicht mehr Geld als notwendig gesteckt, sagt Landtagspräsident Gunter Fritsch.