Das Podewil lädt zum internationalen Mundharmonikafestival: Die Zunge schwingt frei

Im Alter von fünfzehn Jahren verspürt der Mensch in der Regel das Bedürfnis, das Gitarrenspiel zu lernen. Bevor weitere fünf Jahre vergangen sind, ist das Instrument dann wieder verhökert - meist aufgrund der Einsicht, daß aus dem jugendlichen Hoffnungsträger kein Clapton mehr werden wird. Mit einer Mundharmonika würde das nicht passieren.Warum will niemand mehr Mundharmonika spielen lernen? Es gibt immerhin kaum weltbekannte Virtuosen auf diesem Gebiet, so daß der Anfänger keine Komplexe entwickeln kann. Bob Dylan, der gern mit der Mundharmonika in der Hand und dem Blues im Herzen über die Bühne stolpert, wird man nicht ernsthaft nacheifern wollen.Es ist also an der Zeit, die Mundharmonika zu rehabilitieren. Immerhin ist sie das einzige Instrument, das mit Hilfe einer "freischwingenden Durchschlagzunge" funktioniert. Ein Klavier kann da nicht mithalten. Dort ist ein g ein g, während die Mundharmonika das Verwaschene zum Stilprinzip erklärt.Igor Flach liebt sein Instrument, weil es, wie er sagt, so "dirty" klingt. "Eine E-Gitarre ist bloß schnell und laut, eine Mundharmonika ist vielseitig und für alle Stile verwendbar", meint er. Igor Flach ist gelernter Uhrmacher, mittlerweile aber unterrichtet er sein Instrument in Workshops und an Volkshochschulen. Oder er spielt mal am offenen Grab eines alten Mannes, der noch die Glanzzeiten der Mundharmonika kennengelernt hat.An diese Zeiten will jetzt das Podewil mit dem "1. Internationalen Mundharmonikafestival Berlin" anknüpfen. Eine Woche lang sollen Besucher sehen, hören und fühlen, was man mit einer Mundharmonika alles anstellen kann. Igor Flach wird da sein, um für die freischwingende Durchschlagzunge zu werben und Anfängern Unterricht zu erteilen. Er sei selbst sehr gespannt und aufgeregt, sagt Flach: Nicht ohne massive - auch finanzielle - Köder hat das Podewil einige Altmeister des Harmonikaspiels gewinnen können.Der Amerikaner Andy Just etwa, der das klassische Bluesschema des Instruments aufbricht und Rock- und Jazzelemente ins Mundharmonikaspiel integriert, wird am Donnerstag im Podewil gastieren. Orientalische Untertöne, aber auch virtuoses Spiel mit Obertönen bietet am Freitag Roland Van Straaten in seinem einstündigen Konzert-Solo.Und nicht zuletzt soll eine alte Berliner Tradition wieder aufleben: Das Mundharmonika-Spiel im Ensemble. Während es bis Anfang der sechziger Jahre Dutzende von Mundharmonika-Vereinen gab, darunter das legendäre Stern-Orchester, treffen sich heute noch zwei Ensembles zum Spiel: Das Orchester "Hohnerklang" und das Tanzorchester "Melodia" stellen sich heute und morgen vor.Wer schon immer die Wahrheit über die Mundharmonika im geteilten Deutschland wissen wollte, kann sich an die begleitende Ausstellung halten, die sich der Geschichte des einstigen Arme-Leute-Instruments widmet. "Spiel mir das Lied vom Tod", soviel ist anzunehmen, wird ganz und gar nicht das Motto des Festivals sein - dazu sind alle Beteiligten zu enthusiastisch. Daß eine Mundharmonika aber auch schon mal Leben retten kann, zeigt ein bizarres Stück in der Ausstellung: Dort ist eine Mundharmonika zu sehen, die im Zweiten Weltkrieg unversehens als Kugelfang diente. Daniela Pogade "Zungenschlag" im Podewil, bis 13. September. Tel. 24 74 97 77. +++