WARSCHAU. Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass die "Kartoffelaffäre" zwischen Deutschland und Polen ausbrach. Damals fühlten sich Polens Präsident Lech Kaczynski und sein Bruder Jaroslaw von einer Satire in der deutschen "tageszeitung" beleidigt. Die hatte am 26. Juni 2006 einen Artikel unter der Überschrift "Polens neue Kartoffel" veröffentlicht und sich darin über die Zwillingsbrüder an der Spitze Polens lustig gemacht. Jetzt sorgt das polnische Wochenmagazin "Wprost" für einen neuen Skandal. Das nationalkonservative Blatt zeigt auf seinem jüngsten Titel nach dem EU-Gipfel in einer Fotomontage Bundeskanzlerin Angela Merkel als "Stiefmutter Europas" mit nackten Brüsten, an denen Jaroslaw und Lech Kaczynski saugen. "Merkel hat versucht, uns Polen wie kleine Kinder zu behandeln," erklärte "Wprost"-Chefredakteur Stanislaw Janecki das Titelbild, "willenlos und abhängig von der Mutter."Politiker, Journalisten und auch Leser des Blattes in Polen reagierten empört. "Wprost" ist für seine anti-deutsche Tendenz und Neigung zu starker Polemik bekannt. Schon vor vier Jahren hatte das Magazin mit einem Titelbild Aufsehen erregt, das die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, in Nazi-Uniform zeigte, auf dem Rücken des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder reitend. Der deutsche "Spiegel" hatte in Anspielung darauf vergangene Woche auf seinem Titel die Brüder Kaczynski gezeigt, auf Merkels Rücken reitend."Eine Unverschämtheit"Die Fotomontage auf dem "Wprost"-Titel von dieser Woche sei "eine Unverschämtheit", sagte der Senator Stefan Niesiolowski von der oppositionellen Bürgerplattform (PO) der polnischen Tageszeitung "Dziennik". Sie beleidige sowohl die deutsche Kanzlerin als auch die Brüder Kaczynski. Der Abgeordnete Tadeusz Cymanski von Premierminister Jaroslaw Kaczynskis nationalkonservativer Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) warf dem Blatt "unethisches und vulgäres Verhalten" vor. Der Chefredakteur des regierungskritischen Magazins "Polytika", Jerzy Baczynski, kritisierte, das sei keine Polemik, sondern "billige, minderwertige, widerliche Provokation". Der Ethikrat der polnischen Medien will sich mit dem "Wprost"-Titelbild befassen. Auch im Internet-Leserforum von "Wprost" hagelte es Kritik. "Totaler Mangel an Geschmack", kritisierte ein Leser.Von der polnischen Regierung gab es zunächst keinerlei Kommentar. Dabei hatte das polnische Präsidialamt beim Kartoffelstreit vor einem Jahr die taz mit dem NS-Propaganda-Blatt "Der Stürmer" verglichen und eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung verlangt.Auch der Beauftragte der polnischen Regierung für die deutsch-polnischen Beziehungen, Mariusz Muszynski, wollte das aktuelle "Wprost"-Titelblatt auf Anfrage der "Berliner Zeitung" nicht kommentieren. Er sei an dessen Gestaltung nicht beteiligt gewesen, ließ er mitteilen. Muszynski ist allerdings Mitverfasser des Artikels zu dem Merkel-Titelbild. Darin werden Deutschland "postkoloniale Reflexe" vorgeworfen. 60 Jahre nach Kriegsende seien die Deutschen immer noch nicht in der Lage, Polen partnerschaftlich zu behandeln. Die Deutschen seien Polens Anwalt gewesen, jetzt seien sie sein Ankläger geworden. Deutsche Politiker und Medien hätten einen "Frontalangriff" gegen Polen geführt, so der Artikel in "Wprost".Die Bundesregierung schweigtPolitiker von Union, SPD und FDP in Berlin nennen das "Wprost"-Titelbild nun schlicht geschmacklos, das Bundespresseamt aber lehnte eine Stellungnahme zu der Fotomontage ab. Während die deutsche Regierung versucht, die Wogen in den deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Gipfel zu glätten, stehen die Zeichen in Warschau weiter auf Sturm. Premierminister Kaczynski verglich am Dienstag die Bundesrepublik indirekt mit dem Deutschland der 30er-Jahre auf dem Weg zum Nationalsozialismus. "In Deutschland geschieht etwas sehr Ungutes", sagte Kaczynski im staatlichen Radio. "Wie in einer schon vergangenen Epoche, als die große Mehrheit der Europäer nicht den Mut hatte darüber zu sprechen, so ist es heute wieder."Kaczynski bezog sich auf polemische Kritik in der deutschen Presse an seiner Forderung, bei der künftigen Stimmengewichtung im Europäischen Rat auch Polens Tote aus dem Zweiten Weltkrieg zu berücksichtigen. Diese Forderung hatte im Vorfeld des Brüsseler Gipfels zur EU-Reform nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern großes Unverständnis und teils sarkastische Bemerkungen ausgelöst.Als polnischer Premier wende er sich warnend an die deutschen Behörden, sagte nun Kaczynski, solche Erklärungen nicht zu tolerieren. Denn das führe "zum Schlimmsten, zu Unglücken", die in Europa passieren könnten und auch die Deutschen betreffen würden. Kaczynski kritisierte, dass es im Ergebnis einer gezielten deutschen Politik in Europa nicht mehr korrekt sei, von den Opfern und den Schuldigen des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Dagegen sei es erlaubt, von "polnischen Konzentrationslagern" oder sogar einer Mitverantwortung Polens für den Holocaust zu reden. "Das ist eine absolut unglaubliche Situation, die von dem Postulat ausgeht, dass die Nazis überhaupt keine Nationalität hatten".------------------------------Foto: Das polnische Wochenmagazin "Wprost" mit seinem Skandaltitel

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.