In der Ursprungsbedeutung bezeichnete die englische Vokabel "vintage" den Prozess der Weinlese, verschob sich semantisch dann aber in Richtung Jahrgang. Bei edlen Spirituosen, Champagner und Zigarren, die normalerweise ohne Jahresbezeichnung auskommen, steht Vintage für die Ernte eines besonders herausragenden Jahres, die deshalb in Reinform verarbeitet wird. Der allgemeine Sprachgebrauch machte daraus ein Synonym für "alt", "selten" und "original", weshalb Vintage Prints in der Fotografie die vom Künstler selbst vorgenommenen Abzüge eines Negativs meinen, während unter Vintage Cars zumeist Oldtimer aus den 1920er-Jahren verstanden werden. Im Bereich der Mode wurde darunter lange Zeit ein gehobenes Second-Hand-Segment gefasst, bis das Marketing sich des Begriffs annahm, so dass mittlerweile auch nagelneue Jeans und Streetwear-Teile, die mittels Sandstrahl-Behandlung auf gebraucht getrimmt werden, unter dem Label Vintage laufen.Um die Verwirrung, perfekt zu machen, heißt alles, was früher Retro war, heute Vintage. Nicht nur bei Adidas, Puma und Nike steigen die Designer in die Archive, um sich von Turnschuhen vergangener Dekaden inspirieren zu lassen, auch die Modemacher der Haute Couture "wühlen durch die Entwürfe der Vergangenheit, um Ansatzpunkte für die Mode der Zukunft zu entdecken", so kürzlich das SZ-Magazin.Als Fanal für die Vintage-Welle gilt Julia Roberts' Auftritt bei den Oscars 2001 in einem Valentino-Kleid von 1982. Seither warten nicht nur die großen Häuser auf mit originalgetreu nachgeschneiderten Vintage-Kollektionen - auch fast in der Versenkung verschwundene Labels wie Lanvin, Rochas oder Givenchy werden von jungen Designern mit Rückgriff auf das gestalterisches Erbe reanimiert. Fast hat es den Anschein, als würde das traditionell eine Saison lang währende Kurzzeitgedächtnis der Mode gegen ein Langzeitgedächtnis getauscht, bei dem - wie bei alten Autos, Uhren und Whiskys - Kennerschaft, Sammelleidenschaft und Nostalgie aufeinander treffen. Antizipiert hatte das wohl als erster der große Minimalist unter den Modemachern, Helmut Lang, der seine zeitlosen Alltags-Outfits mit Angaben wie "produced in 1997" versehen ließ. Seit Lang sich letztes Jahr mit dem Mutterhaus Prada überwarf und die Produktion eingestellt wurde, erzielen rare Stücke auf Ebay Höchstpreise.Was uns zurück bringt zur Geburt des Prinzips Vintage aus dem Geist des Weines, das auf übersättigten Märkten eine vielversprechende Art der Verknappung darstellt und ergo auf immer mehr Konsumgüter ausgedehnt wird. Bei Manufactum erfahren wir etwa über die Herstellung von "Seifen aus Aleppo", dass diese nach der "Verkostung" (sic!) durch den "Siedemeister" "im Halbschatten offener Gewölbe neun Monate lang" ruhen müssen, "während derer sie 92 % ihres Gewichtes verlieren und ihre Farbe von Grün zu Gelbbraun wechseln." Im Segment hochpreisiger Schokoladen hat es sich etabliert, neben dem exakten Kakaogehalt auch das Terroir auszuweisen. Von Hachez gibt es neben einer "Premier Cru" eine Tafel "Cocoa de Maracaibo" mit exakt "55,5% Cacao". Leysieffer versieht seine "Noir Intense" mit Jahrgangszahlen und der Begründung: "Dunkle Schokolade mit hohem Kakaoanteil gewinnt mit den Jahren an Reife, Aroma und Geschmack." So ähnlich auch beim Parfüm: Givenchy bringt seine Düfte "Organza", "Amarige" und "Very Irresistable" zusätzlich als limitierte Vintage-Editionen heraus, die ihren Charakter durch die Blütenernte einer Region und eines Jahrgangs erhalten. Bei "Amarige" sind das wilde Mimosen aus der Region Grasse, für die 2005 als ein besonders gutes Jahr gilt. Calvin Klein verzichtet auf diese Rationalisierung und variiert sein "CK One Summer" einfach so von Saison zu Saison. War der erste Duft 2004 noch zitronig, fällt der 2006er meloniger mit leichter Grapefruitnote aus. Auch die Flacons verändern ihr Aussehen und appellieren schon dadurch an den Sammlerinstinkt.Damit allerdings dürfte das Vermarktungsspektrum nach dem Vorbild Wein noch kaum ausgereizt, mögliche Anwendungsfelder der Verknappung durch Jahrgang und Region noch keineswegs ausgeschöpft sein. Erst wenn bei Aldi das erste Exemplar "Feuriger Texaseintopf Grand Cru 2007" mit "Gualtemaltekischen Kidneybohnen, Apellation d'Origine Contrôlée" auftauchen, wissen wir, dass das Prinzip Vintage seinen Zenit erreicht hat.