Zu den reizvollsten Quellengattungen der historischen Forschung zählen die Stenogramme interner Gespräche zwischen Spitzenpolitikern - wann hat man schließlich sonst Gelegenheit, gewissermaßen mit am Tisch zu sitzen, wenn Strategien entwickelt und Pläne geschmiedet werden? Umso spannender wird es, wenn dabei Vorhaben beraten werden, über deren Hintergründe die Welt seit langem rätselt. Insofern ist dem am Deutschen Historischen Institut in Moskau forschenden Matthias Uhl ein besonders schöner Fund geglückt: Im Russischen Staatsarchiv für Zeitgeschichte hat er das Stenogramm eines Gespräches entdeckt, in dem sich der SED-Vorsitzende Walter Ulbricht und der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow über den bevorstehenden Mauerbau unterhielten.Das Gesprächsprotokoll ist ein faszinierendes Dokument, auch wenn man sich sensationelle Enthüllungen nicht erwarten darf - der grundsätzliche Beschluss, Berlin durch eine Mauer zu teilen, war schon einige Wochen zuvor gefasst worden, bevor sich Ulbricht und Chruschtschow Anfang August 1961 vor der Warschauer-Pakt-Tagung in Moskau trafen. Nur der genaue Termin und die Details der Abschottung standen noch nicht fest. Die Bedeutung dieses Dokumentes liegt daher auch weniger darin, nun endlich eine Fußnote mit einer konkreten Aktensignatur füllen zu können, sondern in dem weitgehend ungefilterten Einblick in die Umgangsformen auf höchster politischer Ebene. Es war somit durchaus sinnvoll, dass der Text nicht zuerst in einer Fachzeitschrift publiziert wurde, sondern als szenische Lesung am Maxim-Gorki-Theater im Rahmen des Berliner Geschichtsforums am vergangenen Wochenende. Die Theaterbühne war der passende Rahmen, weil auch die vertraulichen Begegnungen sowjetischer und ausländischer Parteiführer stets einer Inszenierung mit festgelegten Rollen folgten: Hier der väterliche Freund, der aufgrund seiner Erfahrung Ratschläge erteilt, dort der demütige Gefolgsmann, der erkennen lässt, dass ihm das Machtgefälle trotz aller Gleichheitsfloskeln wohl bewusst ist.Verfaulte KartoffelnDie Aufzeichnung des Chruschtschow-Ulbricht-Gesprächs zeigt jedoch auch, wie der SED-Chef immer wieder aus dieser Inszenierung ausbrach und den Herrn der sozialistischen Welt mit seinen Forderungen unter Druck setzte. Schon Monate vor seinem Moskaubesuch hatte Ulbricht dem sowjetischen Staatschef immer wieder mit seinem Vorhaben in den Ohren gelegen, das "Schlupfloch Westberlin" durch die Absperrung der Sektorengrenzen zwischen den beiden Stadthälften zu stopfen. Obwohl Chruschtschow bereits Anfang Juli 1961 diesem Plan prinzipiell zugestimmt hatte, machte er jetzt, am 1. August, deutlich, wie wenig er davon hielt: "Wenn Ihr die Grenze schließt, dann werden die Schwierigkeiten nicht verschwinden", blaffte er Ulbricht an, als dieser wieder von der desolaten Versorgungslage in der DDR berichtete und von der dadurch verursachten Fluchtwelle in den Westen. Deutlich war dem KPdSU-Chef der Ärger anzumerken, dass die ostdeutschen Freunde den Mund zu voll genommen hatten, als sie der Bevölkerung kurz zuvor Hoffnungen auf einen höheren Lebensstandard gemacht hatten: "Als ich vor zwei Jahren an eurem Parteitag teilgenommen habe, war alles in Ordnung. Was ist denn da passiert? Ihr wolltet doch die BRD bis 1961/62 überholen".Ulbricht schob die Schuld für die Versorgungsmängel sogleich den sozialistischen "Bruderstaaten" zu, die ihre Rechnungen nicht bezahlt hätten, weshalb nun die Devisen fehlten, um in Westdeutschland beispielsweise Schuhe zu kaufen. Für polnische Steinkohle müsse Ost-Berlin sogar mehr als den Weltmarktpreis zahlen. Selbst die Sowjetunion, so klagte Ulbricht, verhalte sich unkooperativ: "Wir haben für euch ein Schiff gebaut und mussten für 20 000 Technik in Westdeutschland einkaufen. Eure Außenhandelsorgane stellten als Bedingung, dass der Schiffsmotor aus Westdeutschland stammt", obwohl man ein gleichwertiges Produkt auch im sozialistischen Lager hätte kaufen können. Diese Klage ließ Chruschtschow kalt: "Wenn das für euch ungünstig ist, dann nehmt solche Aufträge nicht an. Sucht euch andere, die euch nicht zwingen, den Westen in Anspruch zu nehmen."Hemdsärmlig gab er dem SED-Chef dennoch eine kleine Nachhilfestunde in Verhandlungsführung mit kapitalistischen Staaten und berichtete von Handelsberatungen mit Großbritannien. "Sie haben uns gefragt, was sie bei uns kaufen sollen. Wir haben geantwortet: Sucht es euch doch selbst. Wenn Ihr bei uns nichts zu kaufen findet, dann wir bei euch auch nicht."Mit der gleichen Ruppigkeit kommentierte der sowjetische Staatschef Ulbrichts Klagen über die schlechte Lebensmittelversorgung in der DDR. Vor allem die Ausrede, wegen des schlechten Wetters sei ein Großteil der Kartoffelernte verfault, wollte Chruschtschow nicht gelten lassen. "Die Deutschen sind doch Meister in der Lagerung von Kartoffeln", beschied er, schwenkte dann aber gleich darauf auf sein Lieblingsthema ein, den Maisanbau, mit dem sich alle Engpässe beheben ließen. In der Sowjetunion sei der Mais selbst in einem ausgesprochen kalten Jahr fünf Meter hoch gewachsen: "Das liegt alles an der Pflege." Als Ulbricht entgegnete, dass Mais in der DDR nicht gedeihe, polterte Chruschtschow los: "Da kann ich Ihnen nicht zustimmen. Beim Mais bin ich Fachmann, Sie dagegen akzeptiere ich nicht als solchen."Chruschtschow hatte auch einen Vorschlag, wie sich der dramatische Facharbeitermangel in der DDR mildern ließe, der wegen der Republikflucht entstanden war. "Denken Sie doch mal nach, sollten wir euch vielleicht Ingenieure von uns schicken?" regte er an und stellte einen Vorteil besonders heraus: "Die laufen nicht weg." Ulbricht gab sich schüchtern: "Ich habe mich einfach nicht entschließen können, Ihnen diese Frage zu stellen", entgegnete er, als Chruschtschow später erneut auf seinen Vorschlag zurückkam, "überflüssige Arbeitskräfte" aus der Sowjetunion in die DDR zu schicken. Das ganze könne man als Jugendaustausch tarnen, regte der sowjetische Staatschef an. "Bei dem Austausch gebt ihr uns einen, und wir euch hundert."Doch Ulbricht zeigte sich wenig begeistert. Ihm passte die ganze Richtung nicht, die dieses Gespräch genommen hatte - schließlich war er nicht daran interessiert, wie sich der Mauerbau vielleicht doch noch abwenden ließe. Er wollte endlich Nägel mit Köpfen machen. Auch Chruschtschow fiel schließlich auf, dass sein Gesprächspartner immer einsilbiger wurde: "Warum schweigen Sie? Sie wollen wohl nicht über dieses Thema reden?" Nein, das wollte Ulbricht nicht. Da aber die indirekte Methode, Chruschtschow zum Jagen zu tragen, offensichtlich nicht fruchtete, wechselte er nun abrupt das Thema. Damit es sich der sowjetische Staatschef am Ende nicht doch wieder anders überlegte und seine prinzipielle Zusage zum Mauerbau zurückzog, setzte ihm Ulbricht die Pistole auf die Brust: "Jetzt zur Schließung der Grenze. Welcher Termin ist der beste? Was machen wir in dieser Frage?"Listige FinteFür den SED-Chef war es ausgemacht, dass die Grenze geschlossen werden musste - aus seiner Sicht waren lediglich noch die Details zu klären. Unverkennbar hatte sich Ulbricht zu diesem Thema weitaus mehr Gedanken gemacht als Chruschtschow. Listig schlug der SED-Chef nun vor, die DDR-Bevölkerung aufzufordern "bis zur Normalisierung der Lage von Reisen nach Berlin abzusehen" und darüber hinaus den Autobusverkehr in die Hauptstadt einzustellen. "Aber die Leute werden fragen, weshalb sie nicht in Ihre eigene Hauptstadt fahren dürfen", fügte Ulbricht hinzu, "das muss man erklären."Das konnte nicht ganz ernst gemeint sein, denn damit hätte nicht nur die SED-Führung eingestanden, dass ihnen die Leute wegliefen - auch der sowjetische große Bruder hätte sein Gesicht verloren. Prompt erwiderte Chruschtschow daher: "Das darf man nicht zulassen, sie müssen die Möglichkeit haben, in Ihre Hauptstadt zu fahren." Damit blieb der Bau der Mauer als angeblicher Schutzwall gegen die Wühlarbeit des Westen die einzige Lösung. "Technisch können wir das in zwei Wochen vorbereiten", beschied Ulbricht - und erhielt nun vom KPdSU-Vorsitzenden endlich die Vollmacht, den Zeitplan zum Mauerbau zu bestimmen: "Führt das durch, wann Ihr wollt, wir können uns jederzeit darauf einrichten." Das klang beinahe etwas erschöpft.------------------------------"Als ich vor zwei Jahren an eurem Parteitag teilgenommen habe, war alles in Ordnung. Was ist denn da passiert? Ihr wolltet doch die BRD bis 1961/62 überholen!" Nikita Chruschtschow------------------------------Foto: So harmonisch verlief die Begegnung nicht immer: Chruschtschow: "Selbst in schlechten Jahren wird der Mais bei mir 5 Meter hoch". Ulbricht: "Aber bei uns wächst er nicht." Chruschtschow: "Da kann ich Ihnen nicht zustimmen. Beim Mais bin ich Fachmann, Sie dagegen akzeptiere ich nicht als solchen."