Es ist der größte Fall, den Wladimir Solowjow in seiner zwanzigjährigen Laufbahn je bearbeitet hat. "Ich hatte einfach Glück", sagt der freundliche Mann im grauen Funktionärseinreiher. Wladimir Solowjow sitzt in einem mit brüchigem Mobiliar ausgestatteten bescheidenen Zimmer in der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation. Seit vier Jahren ist der russische Untersuchungsrichter einem mehrfachen Mord auf der Spur, dem Mord an der Familie des Zaren Nikolaus II.Doch es waren weniger die Täter oder der Tathergang, die die Gemüter in jüngerer Zeit erhitzten. Viel brennender interessierte - vor allem die Mitglieder des russischen Adels, die Royalisten und die Journalisten der Regenbogenpresse aller Länder - die Frage, wo sich die sterblichen Überreste der Getöteten befinden und wer aus der Familie des letzten russischen Zaren möglicherweise noch lebt. Wladimir Solowjow hat, mit Hilfe Dutzender russischer und ausländischer Spezialisten, Antworten gefunden. "Ich persönlich bin davon überzeugt, daß die Gebeine, die wir in der Nähe von Jekaterinburg gefunden haben, von der Familie des Zaren Nikolaus II. stammen. Die Beweislage ist eindeutig."Es begann an einem sonnigen Junitag des Jahres 1991. Im tristen Warteraum eines nicht weniger tristen Verwaltungsgebäudes in Jekaterinburg sitzt Alexander Awdonin. Geduldig wartet der etwas versponnen wirkende Heimatforscher, bis er vorgelassen wird. Dann eröffnet er den Verwaltungsbeamten sein Geheimnis: Er wisse, wo die Gebeine der letzten Zarenfamilie bestattet wurden.In der Gebietsverwaltung ist man zunächst wenig enthusiasmiert. Die Zeit ist reich an Phantasten und Möchtegernforschern. Doch nach sechs Jahren Glasnost kann man den Hinweis von Heimatforscher Awdonin nicht mehr so einfach ignorieren. Nachforschungen werden angestellt. Selbst Boris Jelzin im fernen Moskau, der sich gerade anschickt, erster Präsident Rußlands zu werden, wird konsultiert.Jelzin hatte während seiner Amtszeit als Erster Sekretär des Gebietskomitees der KPdSU in Swerdlowsk - inzwischen in Jekaterinburg zurückbenannt - ein historisches Gebäude schleifen lassen. Im Hause des Ingenieurs Ipatjew in Jekaterinburg waren in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 elf Personen erschossen worden: Nach vorliegenden Archivdokumenten der Zar Nikolaus II., dessen Gemahlin Alexandra, die vier Töchter Olga, Tatjana, Anastasia und Maria, der Sohn Alexej, der Familienarzt Botkin sowie drei Bedienstete. Wer den Befehl dazu gegeben hat, darüber sagen die Archive nichts. Untersuchungsrichter Solowjow glaubt, daß es damals nur einer persönlichen Absprache von Mitgliedern des Uraler Sowjets mit Lenins Regierung bedurft hat.Zarentreue Russen vergaßen die Bluttat nie. Immer wieder wurden von unbekannter Hand Blumen am Todeshaus in Jekaterinburg niedergelegt. Das verärgerte die Parteiführung in Moskau ganz besonders, als der 60. Jahrestag der Oktoberrevolution nahte. In einem Telegramm des Politbüros wurde Jelzin aufgefordert zu verhindern, daß das Ipatjew-Haus zu einer monarchistischen Pilgerstätte wird. "Der Swerdlowsker Parteichef reagierte in seiner bekannten Manier eines Bauarbeiters", erinnert sich der Jekaterinburger Journalist Jewgeni Kolesjew. "Eines nachts, kurz vor dem Jubiläum im Herbst 1977, ließ er das Haus einfach sprengen. Die erstaunten Swerdlowsker sahen am nächsten Morgen an der Stelle eine Straße."Doch auch Jelzins Handstreich, den er später in seiner Autobiographie bereute, konnte die Erinnerung nicht vernichten. Hobbyforscher und bestallte Wissenschaftler versuchten, Licht in das Dunkel der Ereignisse vom Juli 1918 zu bringen. Unbestritten war lediglich, daß die Familie im Ipatjew-Haus ermordet worden war. Das geschah damals in aller Eile und Heimlichkeit, denn weißgardistische Truppen rückten heran. Die Moskauer Führung unter Lenin wollte jedoch auf keinen Fall zulassen, daß die Zarenfamilie von den Revolutionsgegnern befreit wird, und das Erschießungskommando trat in Aktion.Das britische Königshaus reagierte entsetzt. König Georg V. schwor, Englands Monarchie werde keinen Fuß in das Land der Zarenmörder setzen, solange die noch an der Macht seien. In das Entsetzen mischte sich indes das Gefühl der Schuld. Aus Furcht vor inneren Unruhen hatte Georg V. 1917 den Vorschlag Kerenskis abgelehnt, Nikolaus und Familie aufzunehmen.Nach vollbrachter Tat wurden die Leichen bei Nacht und Nebel beiseite geschafft. Jahrzehntelang wußte niemand, wohin. Erst der zähe Alexander Awdonin konnte, gestützt auf nach und nach zugängliche Parteiarchive, das Geheimnis lüften. Aufgrund seiner Angaben wurde am 11. Juni 1991 in der Nähe des Fleckens Porossenkow Log eine Grabstätte entdeckt. "In einer Tiefe von 40 bis 110 Zentimetern wurden die Überreste von neun Menschen gefunden", berichtet Wladimir Solowjow. Die Todesursache war eindeutig: äußere Gewaltanwendung. Experten des gerichtsmedizinischen Instituts der UdSSR gruben die Gebeine in dreitägiger, mühseliger Arbeit aus. Ihre Zuordnung dauerte Monate. Solowjow erklärt das Durcheinander der Gebeine mit dem "Dilettantismus" der Täter. "Sie wußten nicht, wie man rein technisch Leichen beseitigt."Handelte es sich tatsächlich um die Zarenfamilie, oder waren es Opfer eines "gewöhnlichen" Kriminalfalles, wie es sie tausendfach gegeben hatte? Im August 1993 wurde ein offizielles Untersuchungsverfahren eingeleitet. Nun konnte Solowjow Unterstützung in vollem Umfang mobilisieren. Neben Experten aus Rußland wurden auch Wissenschaftler aus den USA, Großbritannien und der Ukraine hinzugezogen. Ein Gelehrtenstreit hob an, der mehrere Jahre dauerte und heute noch nicht beendet ist.Solowjow selbst grub sich derweil durch Archive in Moskau, St. Petersburg, Krasnogorsk, Tobolsk. "Ich habe mir praktisch alle Fotos noch einmal angesehen, die mit der Zarenfamilie verbunden sind." In Zarskoje Selo bei St. Petersburg studierte Solowjow die Kleidung der Familie, "vom Hochzeitsgewand des Zaren bis zu den Hauskleidern der Töchter". Skelettgröße und Maße der Kleidung stimmten überein.Parallel dazu versuchte Sergej Nikitin, ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der plastischen Rekonstruktion, aus den Schädelresten Gesichter zu formen.Nikitin gelang Erstaunliches. Die auf der Grundlage der Schädelformen rekonstruierten Gesichter von Nikolaus, Alexandra und den Töchtern Olga, Tatjana und Anastasia sind von verblüffender Ähnlichkeit. Für Nikitin ist es keine Frage: Die eine, bisher nicht aufgefundene Zarentochter heißt Maria.Genau diesen Beweis hat die genetische Analyse des gerichtsmedizinischen Instituts im englischen Aldermaston indes nicht beibringen können. "Wir in Rußland sind davon überzeugt, daß Anastasia unter den Toten ist, die amerikanischen Experten glauben das nicht", umreißt Wladimir Solowjow den noch ungeklärten Streitpunkt. Dennoch bleibt die Arbeit der englischen Wissenschaftler - "absolutes Spitzenniveau", sagt Solowjow - das Rückgrat der gesamten Untersuchung.Bereits im Juli 1993 hatte Janet Tompson, Generaldirektorin des gerichtsmedizinischen Dienstes des britischen Innenministeriums, eine Erklärung abgegeben, die letzte Zweifel an der Identität der sterblichen Überreste beseitigen sollte. Nach einer aufwendigen molekularen Untersuchung seien die Knochenreste mit Sicherheit identifiziert, die neun Monate zuvor aus Jekaterinburg nach Großbritannien gesandt worden waren. Die Analyse erlaube "praktisch ohne Zweifel" festzustellen, daß fünf der neun Skelette, die im Juli 1991 in der Umgebung von Jekaterinburg entdeckt worden waren, von Nikolaus II., seiner Gattin Alexandra und drei ihrer Töchter stammten. Die anderen Überreste könnten dem Arzt der Familie Romanow, Botkin, und drei Bediensteten zugeordnet werden. Dies sei mit mindestens 99prozentiger Sicherheit festgestellt worden, erklärte Tompson.Dazu hätten die englischen Wissenschaftler die Desoxyribonukleinsäure (DNS - Träger der Erbmasse) aus Eiweißmolekülen untersucht, die aus den Knochen extrahiert worden waren. Damit konnte zweifelsfrei Geschlecht und Verwandtschaftszugehörigkeit zwischen zwei Erwachsenen und drei Kindern bestimmt werden.Anschließend wurden die Träger der Erbmasse aus den sterblichen Resten mit der DNS dreier noch lebender Verwandter der Romanows verglichen. Dabei handelte es sich um Nachkommen von Nikolaus und Alexandra aus der mütterlichen Linie, da die Erbinformationen nicht über die väterliche Linie weitergegeben werden. Auch Prinz Philipp, der Gatte der englischen Königin, gab fünf Kubikzentimeter seines adligen Blutes. Er ist ein Großneffe des hingemordeten Nikolaus. Die Ähnlichkeiten ihrer DNS ließen die Wissenschaftler zu dem Schluß kommen, daß es sich tatsächlich um die Zarenfamilie handelt.Dieser Tage werden sich nun Amerikaner, Russen und auch Deutsche treffen, um endgültig die Namen der Töchter zu bestimmen, die zusammen mit ihren Eltern verscharrt wurden. In spätestens drei Monaten, vermutet Untersuchungsrichter Solowjow, werde der "aufregendste Fall, den ich je hatte", zu den Akten gelegt.Nicht endgültig geklärt ist bislang das Schicksal von Zarewitsch Alexej und der vierten Zarentochter. Stoff für Spekulationen gibt es also auch weiterhin. +++