diesem relativ kleinen Land bis 1944 etwa 700 000 sowjetische Kriegsgefangene umgebracht und mehr als 500 000 Juden, 340 000 Bauern und 100 000 Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen. Diese Geschichte des einstigen Reichsernährungsministeriums schließt selbstverständlich nicht aus, genau dort ein Mahnmahl für die sechs Millionen ermordeter Juden zu errichten. Zumal es auch hier deutliche Beziehungen zu Herbert Backe und seinen Ministerialbeamten im Ernährungsministerium gibt. Hier wurden früh die besonderen Lebensmittelkarten für Juden erfunden, die schon bald zu Hungerrationen wurden. Immer wieder drängten die Fachleute aus dem Ernährungsministerium darauf, den ghettoisierten Juden die Lebensmittelzuteilungen faktisch zu streichen. Sie kalkulierten die "Endlösung der Judenfrage" in ihre regelmäßigen Krigsernährungsbilanzen ein, noch bevor die Opfer wirklich tot waren.Die Logik der SelektionAuch am prinzipiellen Antisemitismus des Herbert Backe, der sich 1948 nach einer Konfrontation mit Robert Kempner im Nürnberger Gefängnis erhängte, besteht kein Zweifel: "Judentum muß in Europa ausgerottet werden", schrieb er 1943 während eines Staatsbesuchs in Italien (offensichtlich für seine Art von Tischreden) auf die Rückseite einer Menükarte. Weiter steht dort: "Undankbare Arbeit übernommen ­ Judenproblem muß gelöst werden ­ genauso Osten. Wir müssen kommenden Geschlechtern die Arbeit erleichtern." Nach dem ausdrücklichen Willen der Bauherren soll das geplante Denkmal auf dem Gelände des einstigen Reichsernährungsministeriums allein den ermordeten Juden Europas gelten ­ nicht den damals sogenannten Zigeunern, die in Chelmno, Belgrad, Treblinka und Auschwitz im gleichen Gas wie die Juden starben, die in den besetzten Teilen der Sowjetunion in dieselben Massengräber sanken; auch nicht den deutschen Geisteskranken und Gebrechlichen, denen die ersten Gaskammern galten; auch nicht den sowjetischen Kommissaren, die gemeinsam mit allen erkennbaren jüdischen Soldaten der Roten Armee und allen Soldaten "mit asiatischem Einschlag" sofort nach der Gefangennahme der "Sonderbehandlung" anheimfielen. Das Denkmal gilt nicht den Millionen "slawischer Untermenschen", die vorsätzlich zu Tode gehungert, als "Banditen" erhängt, mit ihren Dörfern niedergebrannt oder in Zwangsarbeitslagern, so wörtlich: verschrottet wurden.Es gibt gute Argumente dafür, den Versuch zur schnellen und eben vollständigen Ausrottung aller elf Millionen europäischen Juden hervorzuheben. Er steht einzig da in der Hölle rassistischer Vernichtungspolitik, die im absoluten Bösen doch unterschiedliche Schrekken bereithielt und die für keine Gruppe so auswegslos war wie für die Juden. Selbst die Vernichtung der osteuropäischen Zigeuner beruhte am Ende auf Selektion, von 1942 an wurde befohlen, die seßhaften unter ihnen nicht besonders zu verfolgen. Dennoch bleibt die Frage, warum im Gedenken an die Politik des Massenmords jene "rassischen" Kriterien gelten sollen, nach denen die deutschen Herren damals ihre Opfer differenzierten?Die Logik des GräberfeldesDie vier jetzt zur Diskussion gestellten Entwürfe sind insgesamt merkwürdig abstrakt, sie vermeiden das Wort. Vielleicht provozieren sie Fragen, Antworten geben sie nicht. Der vielfach favorisierte Vorschlag von Serra und Eisenman erinnert an ein Gräberfeld. An den jüdischen Friedhof in Prag, wird gesagt, genauso gut aber an den Piskarjow-Friedhof in Leningrad/St. Petersburg. Dort liegen mehr als 600 000 Opfer des deutschen Rassenkrieges begraben.