Das Renaissance-Theater zeigt Tom Topors "Der Prozeß der Claudia D.": Unter falschem Verdacht

Irrenhäuser haben derzeit Konjunktur auf Berliner Bühnen: Von Schillers moralischer Anstalt" zur ge~dß~4ileli Anstalt. Kurz nachdem Frank Castorf an der Volksbühne genüßlich die pathologischen Seiten des deutschen Gemüts vorgeführt hat, ist nun auch im Renaissance Theater ein Ausflug in die Psychiatrie zu erleben. Dabei geht es, dem Geist des Hauses entsprechend, wesentlich gesitteter zu als am Rosa-Luxemburg-Platz. Gerhard Klingenberg hat einen aus den USA importieren Gerichtsreißer inszeniert: "Der Prozeß der Claudia D.".Tom Topors gekonnt konstruiertes Gegenwartsstück folgt bewährten Rezepten: Von Sophokles bis Kleist ist der Gerichtssaal ein beliebter Schauplatz dramatischer Auseinandersetzungen. Hier kämpft eine junge Frau (Ursela Monn) darum, nicht in die Psychiatrie. eingewiesen zu wer4en. Vertrackt wird das durch einen Totschlag in Notwehr, den sie auf dem Gewissen hat: die Psychiatrie wurde sie von der Mordanklage retten.Ihre Eltern, der Staatsanwalt und der arrogante Psychiater (Peter Matic) wollen ihre Einweisung, nur sie tobt dagegen an. Der Fall scheint klar: Die Dame wirkt nicht sonderlich zurechnungsfähig -- sie ist eine aggressive Nervensäge, die dem Richter und dem Staatsanwalt über den Mund fährt und den Psychiater mit Verve beschimpft. Aber natürlich ist der Fall überhaupt nicht klar, sonst wäre er kein Theaterstück wert. Nach und nach verkehren sich die Rollen -- wie es sich in diesem Genre gehört. Die Angeklagte wird zur Anklägerin, die braven Bürger entpuppen sich (wen wundert s) als die wahren Monstren. Geschickt greift Tom Topor ein brisantes Thema auf: Den sexuellen Kindesmißbrauch, hier verübt vom Stiefvater, einem selbstgefälligen Biedermann in Anzug und Krawatte (Gerhard Friedrich).Klingenberg hat das spannend und metiersicher in Szene gesetzt. Er umschifft fast immer die Klippen der Sentimentalität. Er zeigt das Drama, ohne falsches Pathos aufkommen zu lassen und weiß, wo er die Pointen setzen muß. Am Ende herzlicher Beifall im Renaissance-Theater.