Im April 1967, vor 33 Jahren, schwor Wolfgang Dorow, als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) "Koran" dem Ministerium für Staatssicherheit "beim Kampf gegen den staatsmonopolistischen Kapitalismus unter Einsatz meines Lebens" zu helfen und "jede übertragene Aufgabe mit Erfolg ab(zu)schließen, bis es nur noch eine Gesellschaftsordnung auf der Welt gibt, den Kommunismus". Sein Leben hat Wolfgang Dorow zwar nicht hingeben müssen, auch wenn das mit dem Kommunismus nicht geklappt hat. Dafür gibt der ehemalige IM "Koran" jetzt aber seine Gaststätte auf, die er mit Duldung der Stasi 1988 übernommen hatte: An diesem Wochenende schließt der 60-Jährige sein "Haus Stilbruch" in der Karower Bahnhofstraße. Um die gastronomische Attraktion, die der "Stilbruch" bis zuletzt dank Dorows Geschick zweifelsohne war, werden nicht nur treue Stammgäste trauern, sondern wohl auch so mancher ehemalige Stasi-Offizier. Stirbt mit dem "Haus Stilbruch" doch auch eine der letzten Erinnerungen an den einst so allmächtigen Mielke-Apparat.Im September 1987 war die umgebaute Villa am S-Bahnhof Berlin-Karow eröffnet worden. Ihr damaliger Besitzer Bernd Keller hatte Millionen investiert, um ein Edel-Restaurant zu eröffnen, wie es Ost-Berlin und die gesamte DDR noch nicht gesehen hatte. Finanziert hatte den Ausbau der maroden Villa unter anderem die Stasi, für die "Stilbruch"-Chef Bernd Keller als IM "Escofir" bereits seit 1982 arbeitete. Von dem attraktiven Restaurant versprach sich die Stasi einen Zustrom westlicher Diplomaten und Geschäftsleute, denen IMs in zwangloser Atmosphäre "operativ verwertbare Informationen" entlocken sollten. Doch Keller, der zuvor eine kleine aber feine Gaststätte gleichen Namens in der Pankower Florastraße betrieb, hatte sich mit dem Millionenprojekt "Stilbruch" übernommen. Als die Schulden stiegen, stellte die Stasi interne Ermittlungen an und stieß auf einen Korruptionssumpf aus Stasi-Offizieren, Ostberliner Rechtsanwälten und selbständigen Kleinunternehmern. Im Oktober 1988 wurde das Restaurant geschlossen und dem HO-Gaststättenbetrieb übergeben, Keller kam in Haft.Ein neuer Pächter musste nun her für das Stasi-Restaurant, ein zuverlässiger Genosse, der die Kreise der Geheimdienstler, die nach wie vor im "Stilbruch" verkehrten, nicht störte. Die Wahl fiel auf Wolfgang Dorow alias IM "Koran", der bis dahin als Barmixer in Ostberliner Interhotels gearbeitet und zahllose Gäste, Kollegen und Freunde bespitzelt hatte, darunter auch Mitarbeiter ausländischer Botschaften und der Ständigen Vertretung.Dorows IM-Akte, die bis ins Jahr 1989 reicht, füllt elf Aktenordner. Über deren Inhalt will er heute nicht mehr reden, erklärt der "Stilbruch"-Wirt auf Anfrage. In den Ordnern sind Hunderte von Berichten über Menschen abgeheftet, die Dorow als Vertrauensperson betrachteten. Die Stasi schätzte ihren "Koran" dann auch als "wertvollen IM", dessen Arbeit unter anderem "zu Festnahmen feindlich tätiger Personen" geführt habe. Dorows Fleiß zahlte sich für ihn aus: In der IM-Akte liegen Quittungen über Geldprämien der Stasi ebenso wie die Urkunde zur "Medaille für treue Dienste" in Silber, die Dorow 1980 auf Befehl Mielkes erhielt. In den zehn Jahren seit der Wende hat Wolfgang Dorow erfolglos versucht, das Grundstück, auf dem der "Stilbruch" steht, von der Oberfinanzdirektion zu kaufen. Die OFD habe zu viel Geld verlangt, klagt er. Damit hat der ehemalige IM "Koran" auch sein letztes Gefecht mit dem "staatsmonopolistischen Kapitalismus" verloren. Nach der Niederlage an der unsichtbaren Front scheiterte er nun an der Bürokraten-Front. Für die Menschen, die ihm einst vertrauten und die er an die Stasi verriet, mag das eine späte Genugtuung sein."Die Arbeit des IM führte zu Festnahmen feindlicher Personen. " Aus der IM-Akte "Koran"