Er war Mitbegründer der modernen Kinderheilkunde, engagierter Retter der Neugeborenen und Säuglinge, eine Stütze der Mütter. Mit Recht wurden ihm, der 1877 in Kairo geboren worden war und in Heidelberg Medizin studiert hatte, eine Fülle von Ehrungen zuerkannt. Besonders in Jena, wo er im Auftrag der Carl-Zeiss-Stiftung seit 1917 die Universitätskinderklinik aufgebaut hatte. Er leitete sie bis zu seinem Tod 1953; Jena verlieh ihm 1947 die Ehrenbürgerschaft, die DDR bald schon den Nationalpreis. Für die Zeitgenossen, die sein Wirken und Auftreten heute noch bezeugen können, bleibt er ein Wohltäter der Menschheit.Wahr ist auch, was die "Kommission der Friedrich-Schiller-Universität Jena zur Untersuchung der Beteiligung Prof. Dr. Jussuf Ibrahims an der Vernichtung ,lebensunwerten Lebens während der NS-Zeit" in diesen Tagen veröffentlichte. Das Gremium war im Januar aus sechs Hochschullehrern gebildet worden, hatte über Wochen Dokumente und Aussagen geprüft, neben lange bekannten neue Quellen erschlossen und schließlich einen mehr als 50 Seiten starken, auf 222 Quellenhinweise gestützten Bericht einstimmig verabschiedet. Eine nüchterne, glasklare Expertise, die zu einem unzweideutigen Ergebnis führt: "Professor Dr. Jussuf Ibrahim hat die Praxis der nationalsozialistischen Vernichtung ,lebensunwerten Lebens frühzeitig gekannt und dennoch schwerstgeschädigte Kinder der gezielten Tötung überantwortet. " Er hat sich an diesem Vernichtungsprogramm "wissentlich und freiwillig beteiligt". (Vgl. den Zwischenbericht im Feuilleton dieser Zeitung vom 27. 1. 2000. )Die Bürger von Jena hatten es sich nicht leicht gemacht. In Hunderten von Presseartikeln und Leserbriefen waren die Argumente aufeinander geprallt. Die Diskussion spaltete die politischen Parteien und die öffentliche Meinung. Am Ende aber hat die Stadt gewonnen. Sie hat mit einer über Jahrzehnte gepflegten Lüge gebrochen. Das könnte ihr helfen, den vielen anderen Lügen zu Leibe zu rücken, die sich noch immer mit der nationalsozialistischen Volksdiktatur in Thüringen verbinden.Bis zuletzt hatte das erbeselige Schäferhunde-Milieu der PDS Ibrahim verteidigt und den von 1917 bis 1953 amtierenden Direktor der Universitätskinderklinik gegen den angeblich "westlichen Angriff auf die alte Funktionselite der DDR" in Schutz genommen. Exemplarisch dafür steht das "Neue Deutschland". Dort verteidigte Peter Liebers (Jena) am 14. April, nachdem die Fakten kaum mehr zu bestreiten waren, sein sozialistisch veredeltes Idol: "Die Hilflosigkeit der Ärzte gegenüber den Kranken, denen sie nicht helfen konnten, führte zu derartigen Überlegungen, die in ihrem Ursprung dem heutigen Streit um Sterbehilfe für Krebspatienten im Endstadium ihrer Krankheit vergleichbar sind. Vieles spricht dafür, dass der Ibrahim vorgeworfene Fall gerade in diesen Grenzbereich medizinischen Handelns fällt. " Inzwischen sind schon sieben Fälle dokumentiert, in denen Ibrahim an der Ermordung behinderter Kinder in unterschiedlicher Weise beteiligt war. Diese Patienten wurden ermordet, weil sie nicht, wie Liebers glauben machen will, in irgendeinem "Endstadium" unsäglichen Qualen ausgesetzt gewesen waren, sondern weil ihre Lebenserwartung hoch war, weil sie der Volksgemeinschaft - der Solidargemeinschaft, würde man heute sagen - und auch ihren nächsten Angehörigen "zur Last" fielen, dauernder Pflege bedurften und niemals leistungs- oder auch nur arbeitsfähig sein würden. Darin lag der Grund. Er findet auch in den beiden erhaltenen handschriftlichen Begleitbriefen mit denen Ibrahim zwei Kinder in die weit über Thüringen hinaus berüchtigte Mordanstalt Stadtroda einwies: "Sehr geehrter Herr Kollege! S. Sch. aus E. , jetzt 12 1/2 Mon. alt, leidet an Microcephalia vera. Ein Erbmoment ist nicht bekannt. Eine normale Entwicklung wird sich nicht erreichen lassen. Euthan. wäre durchaus zu rechtfertigen und im Sinne der Mutter. Vielleicht nehmen Sie sich des Falles an? Mit besten Empfehl. u. Heil Hitler! Ergebenst Dr. Ibrahim. " Diese Geschichte hat es in sich. Die Mordärzte in Stadtroda und die drei von Hitler fest engagierten Gutachter, hielten diese Patientin noch für zu jung, um schon eine Entscheidung über Leben und Tod zu treffen.Interessant sind auch einige Veröffentlichungen Ibrahims aus dieser Zeit. 1942 schrieb er in einem Handbuchartikel zur Therapie der Meningitis tuberculosa: "Es ist wohl meist richtiger von einer Verlängerung des Lebens mit allen Mittel abzusehen. " Über Spina bifida schreibt er im selben Buch: "Wo schwere Lähmungen vorhanden sind, erweist man dem Kind keinen Dienst, wenn man alles tut, das Leben zu verlängern. " Wie viele seiner Fachkollegen sah auch Ibrahim schon 1934 "Rassendispositionen der Juden für ganz bestimmte Nervenleiden".Zu DDR-Zeiten weigerten sich Volk und Führung in seltener Eintracht, sich diesen Tatsachen zu stellen. Sie pflegten die Legende, die ihnen nützlich schien. Nachdem die Universitätskinderklinik in Jena 1985 in Westdeutschland ins Gerede gekommen war - mit Quellen übrigens, die auch aus DDR-Archiven stammten - nahm sich die Ostberliner Generalstaatsanwaltschaft des Falles an. Handschriftlich vermerkte der bearbeitende Staatsanwalt Lothar Reuter: "Die Sache ist brisant, da Prof. Jussuf als fortschrittl. , hum. Arzt in Jena gewürdigt wurde. " Er gelte als "Schwarm der thür. Mütter". Deshalb wurde die Untersuchung bald wieder eingestellt und die Abteilung Internationale Verbindungen beim Generalstaatsanwalt der DDR (das war der stets freundliche Günther Wieland) "informiert, keine Auskunft zu erteilen, um eine Diskriminierung der DDR zu vermeiden". Auch Susanne Zimmermann in Jena, die sich nun als besonders quellenkundige Angehörige der Ibrahim-Kommission erwiesen hat, schickte 1987 einen Brief aus West-Berlin zum Thema "Kinder-,Euthanasie in Stadtroda" an den "sehr geehrten Genossen Staatsanwalt" weiter, da solche Anfragen, "ja wohl nicht mehr in den Kompetenzbereich eines Medizinhistorikers fallen". Gleichzeitig begann sie ihre eigenen Forschungen, vermied die öffentliche Nennung des Namens Ibrahim und musste im Sommer 1987 erleben, wie ihr die Urkundenstelle des Rates des Kreises Stadtroda die Einsicht in die Sterberegister verweigerte: "Es gäbe Anweisung von oben, Auskünfte über die ehemaligen Insassen der Stadtrodaer Kinderabteilung zu verwehren. " Eine solche Anordnung gab es seit den sechziger Jahren. Damals hatte das MfS unter der Bezeichnung "Operativvorgang Ausmerzer" Untersuchungen über Stadtroda begonnen, weil zuvor ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Göttingen gegen den ehemaligen Direktor Gerhard Kloos eingeleitet worden war. Der lebte in Göttingen, aber die Leiterin der einstigen Kindermordabteilung in Stadtroda, Margarete (Fortsetzung auf Seite 14) Hielscher, war in Stadtroda noch immer im Amt. Ebenso einige Pfleger und der stellvertretende Leiter der Anstalt, Hans Schenk. Vor allem aber Rosemarie Albrecht. Sie war zur Dekanin der Medizinischen Fakultät Jena aufgestiegen. Unter ihrer Verantwortung waren auf der Frauenabteilung in Stadtroda etwa 50 Patientinnen gewaltsam ums Leben gekommen. Das Ermittlungsverfahren wurde 1965 mit dieser Begründung geschlossen: "Die Aufdeckung der vermutlichen Euthanasieverbrechen in Stadtroda bedeutet, dass nach Einschätzung der BV (MfS-Bezirksverwaltung Gera) die national anerkannte und international bekannte Dr. Albrecht in das Verfahren einbezogen werden muss. " Und weiter: "Da Beschuldigte aus der DDR in höheren Positionen des Gesundheitswesens stehen, könnte bei der Auswertung ein unseren gesellschaftlichen Verhältnissen widersprechendes Ergebnis erreicht werden. Aus diesem Grund wird vorgeschlagen, die Bearbeitung des Vorgangs mit einer Sperrablage im Archiv des MfS abzuschließen. " Der Bericht der Ibrahim-Kommission kann gegen drei Mark bei der Friedrich-Schiller-Universität (Öffentlichkeitsarbeit, Fürstengraben 1, D-07743 Jena) bestellt oder (ohne Fußnoten) unter der Internet-Adresse gelesen werden: www. verwaltung. uni-jena. de/oeff/ibrahimDie Stadt Jena hat gewonnen. Sie hat mit einer über Jahrzehnte gepflegten Lüge gebrochen.ARD-MAGAZIN "KONTRASTE" Stefanie W. im Kinderwagen, geboren 1936. Im Herbst 1941 wurde sie nach Stadtroda verlegt. Dort starb sie, wie andere Mädchen dieses Sammeltransports auch, wenige Tage später an "Lungenödem". Verantwortlich war die Ärztin Rosemarie Albrecht, die in den sechziger Jahren zur Dekanin der Medizinischen Fakultät Jena aufstieg.