Der sich in Umfragen anbahnende politische Machtwechsel im Falle der für den Herbst angepeilten Neuwahlen fordert in unserer intellektuellen Öffentlichkeit den Willen zur Metaphysik heraus. Sie wittert immer noch die großen Bedeutungen. Dass Deutschland ein ganz normales westliches Land sein könnte, in dem eine Wahl zum schlichten Machtwechsel führt, weil eine Mehrheit der Wahlberechtigten jetzt wieder dem anderen Teil der politischen Klasse mehr zutraut, erscheint uns deutschen Intellektuellen wohl zu banal.Auf der Suche nach den untrüglichen Zeichen ist man sogar auf die Formel von der geistig-moralischen Wende gestoßen, die den fortschrittlichen Intellektuellen der Achtziger das Feuilleton-Gruseln lehrte. Den angenommenen Machtwechsel will man als Rückkehr des Konservativen deuten, als kulturellen Paukenschlag.Was aber ist heute in Deutschland konservativ? Gibt es tatsächlich noch eine direkte Verbindung zwischen politischen Mitte-Rechts-Kräften und ominösen gesellschaftlichen Werten, wie sie von den Mahnern und Warnern unterstellt wird? Sind jene Großkonservativen, die damals die Wende ausriefen, fundamentalistisch auftretende Damen wie die mittlerweile achtzigjährige Psychotherapeutin Christa Meves, nicht in bemerkenswerter Weise machtlos geblieben? Würde die CDU heute noch wegen des Paragrafen 218, der den Schwangerschaftsabbruch regelt, wie seinerzeit vor das Bundesverfassungsgericht ziehen? Hat sich die vollmundig angekündigte Wende nicht spätestens mit der CDU- Spendenaffäre und Kohls Ehrenwort-Verhalten erledigt?Das politische Problem besteht doch eher darin, dass sich die beiden Lager, Mitte-Rechts und Mitte-Links, viel zu wenig unterscheiden. Deshalb erscheint die Chance, durch einen Machtwechsel die überfälligen Reformen in die Wege zu leiten, so gering. Ihre Programme sind allesamt Teil des Sozialkorporatismus, der den Frieden zwischen den Interessengruppen auf Kosten des Staatshaushalts garantiert.Eine weiterhin dominierende linksliberale Meinungsbildung operiert mit längst überholten Begriffen. Die Hauptschwäche ihrer Protagonisten besteht wohl darin, dass sie sich über die eigene Grundversorgung kaum je Gedanken machen mussten. Die Söhne und Töchter eines Wohlstandskleinbürgertums eigneten sich mit und nach '68 die sozialen Parolen anhand fremder Erfahrungen an, Stichwort Dritte Welt, Stichwort Nord-Süd-Konflikt. Umso wichtiger wurde es, diese auf Umwegen gewonnenen Erkenntnisse zu hegen und zu hüten. Sie sind wie die Gläubigen, die ständig fürchten, durch Unaufmerksamkeit von der Lehre abfallen zu können.Die Haupterrungenschaften des Generationenkampfs von 1968 aber waren, man weiß es, emanzipatorischer Art. Es war die Freiheit von den Zwängen moralischer Konventionen, die man der Spießerrepublik abgetrotzt hatte. Das ist alles so weit in Ordnung und auch wenig spektakulär, wären nicht als drittes Element die großen Hysterien hinzugekommen, der kapitulative Pazifismus, der die Wehrhaftigkeit des eigenen demokratischen Staatswesens in Frage stellte und die Ökologie, die man zur Weltuntergangsabwendung aufwertete. Supergau und Klimakatastrophe wurden zu säkularisierten Bildern der Apokalypse, für jedermann fassbar. Die neuen Konkretionen der Gefahr forderten den Einzelnen nicht nur heraus, sie vermittelten ihm auch ein stringentes Verantwortungsgefühl. Die Aktionen der Achtziger wurden stets von großen Emotionen getragen.Wenn man sich auch längst nicht mehr vor einer Atomanlage ankettet und auch nicht mehr vor einer amerikanischen Raketenbasis kampiert, die Denkfiguren dieser Jahre wirken munter weiter, die Apokalypse zieht immer noch regelmäßig am geistigen Horizont herauf. Während die politischen Parolen suggerieren, dass zwei Lager einander gegenüberstehen, das des Fortschritts und das des Rückschritts, haben sich die Wertvorstellungen längst in alle Richtungen begeben. Spätestens eine Debatte wie jene über die Genforschung, speziell die Stammzellenproblematik, zeigt, dass die Ablehnungsfront quer durch die Parteien verläuft. Der christlich-konservativ begründete Widerstand gegen eine liberale, forschungsfreundliche Gesetzgebung fand bei SPD und Grünen nicht weniger Befürworter als in der CDU, wie das Stammzellengesetz von 2002 beweist. Was aber die individuellen Grundrechte betrifft: War es nicht die noch amtierende rot-grüne Regierung, die vor kurzem das Bankgeheimnis aushöhlte und dabei den Datenschutz buchstäblich ignorierte?Andererseits ist der Begriff der persönlichen Freiheit allgemein anerkannt. Das lässt sich an der Akzeptanz von Minderheiten feststellen. Das Privatleben schwuler Exponenten des volkstümlichen Entertainments wie Patrick Lindner wird von der Regenbogenpresse in ähnlicher Weise ausgebreitet wie das der heterosexuellen, schwule Politiker sind in der CDU sogar häufiger anzutreffen als in der SPD. Es gibt einen weitreichenden, von der Mitte der Gesellschaft getragenen Konsens in der Frage der Pluralität von Lebensformen. Die Urbanisation des Lebensgefühls ist erfreulich weit fortgeschritten. Womit wir mittlerweile mehr zu kämpfen haben, ist die Verinnerlichung des politisch Korrekten auf Kosten der eigenen Interessen. Zu beklagen ist unsere geringe Bereitschaft uns gegen die Gefahren des von außen kommenden religiösen Fundamentalismus zur Wehr zu setzen.Wir leben heute in einer postmoralischen Gesellschaft, in der die Diffamierung von Lebenshaltungen gegenstandslos geworden ist. Was hat es noch mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun, wenn man konservativ als reaktionär einstuft und progressiv als revolutionär brandmarkt, als umstürzlerisch? An die Stelle der militanten Zuspitzungen des 20. Jahrhunderts ist längst das Spiel von Bewahrung und Veränderung getreten. In seiner öffentlichen Darstellung wechseln die Gesten der Empörung und der Gelassenheit einander ab.Auch die postmoralische Gesellschaft hat ihre Bühne. Auf ihr herrscht meist der Boulevard, jedenfalls in den Augen einer mit den banalen Erscheinungsformen der offenen Gesellschaft unzufriedenen Partei der Metaphysiker, denen immer noch das raunende Bergwerk der Utopie zu fehlen scheint. Ein auf Steuerschätzungen reduzierter politischer Diskurs und die zahllosen, das Infotainment bedienenden Experten-Vorschläge meistzitierter Wirtschaftswissenschaftler wie Hans-Werner Sinn oder Bert Rürup irritieren diese Partei mehr als nötig.Es gibt keinen Anlass zur Dramatisierung, vielmehr sollte die Sorge dem Problem gelten, dass vielleicht keine der künftigen Regierungen in der Lage sein wird, den Haushalt endlich zu sanieren. Und das nicht, weil sie konservativ wäre und zu wenig dem Fortschritt verpflichtet, sondern zu sehr dem Konsensdenken und dem Korporatismusmodell verhaftet, die Deutschland lähmen.------------------------------Richard Wagner, geboren 1952 im Banat/Rumänien, ist Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien sein Roman "Habseligkeiten" (Aufbau, 2004).------------------------------Die Denkfiguren der Achtziger- jahre wirken noch munter weiter.------------------------------Foto : Die Kanzler kommen und gehen - in der postmoralischen Gesellschaft nimmt das Leben seinen normalen Lauf.