Im Oktober 1944 erhielt der Flieger Otto Hasse in Paris einen Brief aus Berlin, der ihm den Ausschluss aus der Reichsfilmkammer mitteilte und eine "spätere Begnadigung bei Frontbewährung" in Aussicht stellte. In der Ausstellung zum 100. Geburtstag von O. E. Hasse im Schwulen Museum ist das Original zu sehen: "Durch Feldurteil des Feldgerichts des Kommandierenden Generals und Befehlshabers im Feldluftgau Westfrankreich vom 27. 8. 1944 - 1 St. L. 1726/44 - sind Sie wegen widernatürlicher Unzucht mit einer Gefängnisstrafe von 3 Monaten bestraft worden, weil Sie am 30. 1. 1943 im Stadtbahnzug Berlin - Spandau sich an einen Unteroffizier heranmachten, Ihren Finger in dessen Hosenschlitz steckten. Dieses Verhalten verstöhst in jeder Beziehung gegen Ihre Pflichten als Kulturschaffender und zeigt, dass Ihnen die erforderliche Zuverlässigkeit mangelt, die gemäss § 10 der Ersten Durchführungsordnung zum Reichskulturkammergesetz Voraussetzung für die Mitgliedschaft in dieser Kammer ist. " Aufbewahrt ist das Schreiben im Bundesarchiv.Man hatte sich mit dem Ausschluss des populären Schauspielers Zeit gelassen, zwischen der "Tat" und der Strafe lagen anderthalb Jahre, denn O. E. Hasse war im deutschen Film ein deutscher Frauenheld. In Landserfilmen war er kaum zu finden, den tapferen Soldaten der Wehrmacht hatte man ihn nicht spielen lassen, denn Hasse war aus Theatern in München und Prag abgeschoben worden, seine Veranlagung nicht unbekannt geblieben.Den Wehrmachtshelden durfte O. E. Hasse erst in der frühen Bundesrepublik zeigen, so oft, dass er klagte, kaum noch anderes spielen zu dürfen. Er war z. B. der Abwehrchef "Canaris" und "Der Arzt von Stalingrad", im Theater "Des Teufels General" von Zuckmayer. Wegen seiner Homosexualität hatte er in den fünfziger Jahren wieder Prozesse hinzunehmen.1959 offenbarte die "Film-Revue", eine Illustrierte, in einer Reportage über ihn den Nachkriegsgeist. Drei Journalistinnen besuchten den "Kaiser aus der Wangenheimstraße", Hasse wohnte gutbürgerlich in Zehlendorf. Die Damen schrieben "Künstlertum muß sich nicht mit zigeunerhafter Nachlässigkeit paaren. Hasse zieht sich die Schuhe aus, ehe er das Sofa betritt, um einen neuerworbenen Marc Chagall zu hängen. " Und "schlicht, von fast spartanischer Einfachheit" sei das Schlafzimmer. Es war die Zeit, als der Schauspieler Jan Hendriks und der Regisseur Alfred Weidenmann, mit denen O. E. Hasse 1955 in dem Film "Alibi" (unser Foto) zusammenarbeitete, wegen Vergehens gegen den § 175 verurteilt worden sind, womit ihre Karrieren beendet waren.Otto Eduard Hasse wurde heute vor 100 Jahren in der Nähe von Posen geboren. In die Rubrik Staatsangehörigkeit trug er bei den Nazis "Preuße" ein. Sein überragendes darstellerisches Talent machte ihn von 1945 bis zu seinem Tod 1978 zu einem der profiliertesten Schauspieler deutscher Zunge. Er liegt auf dem Waldfriedhof Dahlem.Ein Kapitaler Spätentwickler, Schwules Museum, Mehringdamm 61, KreuzbergFILMMUSEUM BERLIN/DEUTSCHE KINEMATHEK O. E. Hasse und Jan Hendriks in dem Film "Alibi", BRD 1955