BERLIN. Gleich zehn Parteien haben sich am Sonntag den Einzug ins neue spanische Parlament gesichert. Selbst eine so winzige Gruppe wie die Wahlliste NaBai aus Navarra, die landesweit ganze 0,28 Prozent der Stimmen verbuchte, darf eine Abgeordnete nach Madrid entsenden. Spaniens Wahlsystem - ein Muster, wie auch politische Minderheiten umfassend am demokratischen Prozess beteiligt werden können? Ach, wenn es doch so wäre.Beginnen wir mit dem demokratischen Grundsatz, dass jede Stimme gleich viel zählen sollte. Den beiden großen Parteien - Sozialisten (PSOE) und Konservativen (PP) - genügten am Sonntag im Durchschnitt jeweils rund 66 000 Stimmen, um ein Mandat zu erringen. Die baskischen Nationalisten von der PNV kamen sogar mit gut 50 000 aus, die anderen Regionalparteien - CiU und ERC aus Katalonien, BNG aus Galicien, CC von den Kanaren und NaBai - mussten maximal 105 000 Wählerstimmen pro Mandat aufbringen. Anders die beiden anderen gesamtspanischen Parteien, die es schließlich ins Parlament schafften: Der neuen Zentrumspartei UPyD wurden ihre gut 300 000 Stimmen mit einem einzigen Mandat vergolten, die Vereinte Linke (IU) kam mit fast einer Million Stimmen auf ganze zwei Sitze. Woher dieses Missverhältnis in einem Land, in dem doch formell das Verhältniswahlrecht gilt?Ein Grund besteht darin, dass in Spanien die Mandate in jeder der 52 Provinzen separat vergeben werden, und zwar - wie bei den Berliner Bezirksverordneten-Wahlen - nach dem Hondtschen Zählverfahren, das große Parteien bevorzugt. Unter diesen Umständen haben kleine Parteien von Vornherein nur in den größten Städten, die sehr viele Abgeordnete stellen, eine Chance. Alle anderen Stimmen für sie verfallen. Nur wenige ihrer Anhänger widerstehen da der Versuchung, gleich bei jener der beiden großen Parteien ihr Kreuz zu machen, die ihnen als das kleinere Übel erscheint.Ein zweiter Grund liegt darin, dass die kleinen, ländlichen Provinzen mehr, die Metropolen hingegen weniger Abgeordnete wählen dürfen, als ihnen nach der Bevölkerungszahl zustünde. So zählt Kastilien-León weniger als halb so viele Einwohner wie Madrid, dennoch stehen der Region fast ebenso viele Mandate zu wie der Hauptstadt. Das trifft die PP gar nicht und die PSOE wenig, die Kleinen aber benachteiligt es zusätzlich.Einen effektiven Schutz bietet das spanische Wahlsystem lediglich den Regionalparteien in ihren Hochburgen. Im nationalen Maßstab aber werden sie zunehmend zu einem reinen Zierelement. Der Trend jedoch geht zu einem kaum verhüllten Zwei-Parteien-System.------------------------------Grafik: Wie viele Stimmen benötigten die Parteien pro Mandat?