Das Staatliche Museum Schwerin zeigt Werke von Sigmar Polke: Gelächter über die Freiheit der Kunst

Es heißt, die tägliche Erinnerungspostkarte der Museumsdirektorin (stets mit DDR-Motiv) an Sigmar Polke habe die Ausstellung zustande gebracht. Nun hängen drei Dutzend Polke-Bilder in den schönen Gründerzeitsälen des Schweriner Museums - dicht bei den alten Niederländern. Barocke Opulenz kontra banale 60er-bis-90er-Jahre-Alltäglichkeit.In diesen Sälen gab es voriges Jahr eine Duchamp-Schau. Hier wird ersichtlich, was die beiden, Duchamp und Polke, trennt: Wo Duchamp dauernd auf dem Grat zwischen Kunst und Alltag herumspielte, faßt Polke der Historie sarkastisch an den Kopf. Da liest sich sein Werkausschnitt weitgehend wie die Kritik an der Moderne. Geschichte hat Polke immer interessiert, seit den 70er, 80er Jahren ist es die politische Situation in Europa. Die Ängste der Menschen werden Bildthema wie die deutsche Teilung, das Monster Berliner Mauer, deren "Hochstände" er malt. Auch der 200. Jahrestag der Französischen Revolution zog ein in seine Bilder, stellte Fragen nach der Konsequenz. "A Versailles, a Versailles" entstand. Und dann sorgten der Mauerfall, die östlichen "Wir sind das Volk"-Rufe für neue Bildkommentare."Transit" nennt der Maler seine Ausstellung, die ihm die Nord/LB als Zugabe zum Kunstpreis der Bank ausrichtete. Ein Wort, in dem vieles anklingt. Für Polke bedeutet es vor allem Durchgang, Prozeß. Sigmar Polke, 55, gebürtiger Schlesier, ist selbst Produkt eines Prozesses - Transitmensch zwischen Ost und West. Er floh 1953 aus der DDR nach Düsseldorf, studierte an der dortigen Kunstakademie und gründete 1963 zusammen mit dem ebenfalls "abgehauenen" Künstlerfreund Gerhard Richter und mit Konrad Lueg die Gruppe "Kapitalistischer Realismus". Man setzt sich provokant auseinander mit dem deutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit.Was immer dem spießigen Bürger West aus Politik und Werbeindustrie versprochen und suggeriert wird, den dreien ist es bildwürdig. Analog der amerikanischen Pop-art waren Polke vor allem die Konsum-Klischees interessant. Er malte die Tagträume der heilen Kleinbürgerwelt. Sie beschäftigen ihn bis heute. Ausgeprägt ist sein Interesse an Ereignissen; die reflektiert er mit sarkastischer Lust. In der fünfteiligen Arbeit "Problem Europa" von 1980 etwa verwandelt sich Polkes in den Spiegel grinsender US-Präsident Ronald Reagan in den Kontinent Europa.Mitte der 80er Jahre macht der Maler sein Atelier zu einer Alchimistenküche. Er entdeckt seine Lust am Experimentieren mit Silberchlorid, Meteoritenstaub, Lacken und Alkohol. Bilder aus dieser Zeit sind von kühner Farbigkeit. Animierend ist die Teilnahme an der Biennale Venedig 1986. Polke will Farben, die ihr Aussehen je nach Feuchtigkeit ändern. Bald beginnt er, auf bunten Dekostoffen und transparenten Folien zu malen. Der zeitgeistige Minimalismus wird nachgerade in Kitsch aufgelöst, und das Geometrische des logisch-rationalen Denkens konterkariert Polke durch dekorative Motive.Form ist bei ihm nie absolut, ständig spielt der Zufall mit, auch Kalkül. Ereignis und Figur, Abstraktion und Dekoration mischen sich, Bildkonvention wird unernst hinterfragt. Auf einem "Frauen"-Bild, 1988, sieht man nur noch ein irritierendes Raster: rote Punkte, weiße Flecken, geht man nur weit genug weg, wird das Ganze ein Gruppen-Bild. Die Unschärfen der Übergänge im Gemälde verwirren, bald hängt im Blickfeld nur noch eine schwarze Linie.Es sind immer die Brüche, dazu die seltsamen Materialkonstellationen, die Polkes Bildern ihren lapidaren Sarkasmus geben. Meist malt er auf Stoffen, die für Hausgebrauch oder Konfektion gedacht sind. Da taucht auf gewaltigem Bildgrund plötzlich in einem patchworkähnlichen Geflecht von Handtüchern Dürers "Feldhase" auf, um im Herzchenmuster daneben zu verschwinden. Da bemalt Polke ein Tuch mit Mercedes-Stern oder eine russische Kampfuniform. Er übermalt einen VEB-Tisch mit der Story von Honeckers Asche in einer Urne, stehend in einer Schrankwand in Chile.Alles ist Ironie, zugleich Distanz. Bei Polke darf man sich nach dem ersten Schreck ausschütten vor Lachen über den Slogan von der Freiheit der Kunst. Polke denkt und empfindet politisch, aber er moralisiert nicht - er betreibt die bloße Aufreihung politischer Klischees. So holt er Zeitgeschehen in die Kunst.Zur Vernissage in Schwerin bringt er druckfrische Rasterbilder mit, schwarzweiß, nach Zeitungsvorlagen bis zur Unkenntlichkeit kopiert. Da und dort dicke Kleckse, die von unsauberer Fotoreproduktion stammen. Polke hat keinen Siebdruck benutzt, wie einst Lichtenstein. Er schmierte mit fetter Farbe op-artige Gitter über das ganze Raster von Fakten. Dazwischen groß und häßlich: "Druckfehler". So heißen die Blätter, und Polke sieht sie als die Krönung der modernen Kommunikation.Staatliches Museum Schwerin, bis 8.12.,Di 10-20/ Mi-So 10-17 Uhr. +++