Von Tag zu Tag wächst das Gerüst am Rathaus Schöneberg ein Stückchen höher. Es wird gebraucht für die Demontage eines Symbols: Am 18. Januar soll die Freiheitsglocke abgenommen werden.Fünfzig Jahre lang läutete das Geschenk der Amerikaner täglich zwölf Uhr mittags. Zu Zeiten des Kalten Krieges galt die Glocke als Symbol für Freiheit und Menschenwürde. Demnächst wird sie auf einen Tieflader verladen und ins bayerische Nördlingen verfrachtet. Dort wird sie von einem Fachmann repariert. Die Freiheitsglocke hat einen Riss, etwa einen Meter lang. Weil zu befürchten war, dass die Glocke bei weiterem Betrieb zerspringen könnte, ist sie seit August vergangenen Jahres verstummt. Karsten Stoppel, dessen Spandauer Firma die Kran- und Transportarbeiten ausführen wird, fiebert dem Moment entgegen, wenn die Freiheitsglocke am Kranhaken hängen wird. "Die Freiheitsglocke ist Geschichte pur. Es ist eine Ehre für uns, die Arbeiten ausführen zu können", sagt er. Und obendrein ist die ganze Aktion auch noch gute Werbung für das Unternehmen. Deshalb verzichtet der Juniorchef auf die 83 000 Mark, die seine Firma dem Bezirk normalerweise für das Verladen und den Transport berechnet hätte.Mauerwerk wird aufgeschnittenDabei erfordert es einigen Aufwand, die mehr als zehn Tonnen schwere Bronzeglocke aus dem Turm herauszubekommen. Denn mit ihrem Durchmesser von 2,50 Meter passt sie nicht durch die Öffnungen des Turms. Das Mauerwerk muss etwa einen Meter aufgeschnitten werden, damit die Glocke seitlich aus den Turmfenstern ins Freie gehoben werden kann. "Das ist schwierig, aber mit schwierigen Aktionen haben wir Erfahrung", sagt Stoppel. Schließlich hatte seine Firma auch schon den Rosinenbomber vom Deutschen Technikmuseum am Kran und hievte auch die Quadriga aufs Brandenburger Tor.Die Reparatur der Glocke wird der renommierte bayerische Glockenrestaurator Hans Lachenmeyer übernehmen. Die Schweißarbeiten dauern etwa 14 Stunden, zuvor muss ein Ofen um die Glocke herumgemauert werden, um sie auf etwa 400 Grad zu erhitzen. "Wenn die Hitze nicht völlig gleichmäßig verteilt ist, zerspringt die Glocke", sagt Lachenmeyer, der auch schon die Glocke des Kölner Dom repariert hat. "Wenn die Freiheitsglocke im Mai zurückkommt, werden die Berliner ihren Klang dafür kaum wieder erkennen", sagt Lachenmeyer. Denn wegen des Risses habe sie zuletzt "eher gescheppert als geläutet".Noch fehlen 200 000 MarkDas Verladen, der Transport und die Schweißarbeiten kosten etwa 400 000 Mark. Erst die Hälfte ist dem Bezirk durch Spenden und Sponsorengelder sicher. Dieter Hapel (CDU), Bürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, hofft daher auf weitere Spender. Den Rest müsse das Land bezahlen, sagt Hapel. "Die Freiheitsglocke ist ein Symbol für die ganze Stadt. Amerikaner und Berliner würden es kaum verstehen, wenn sich der Senat nicht beteiligen würde", sagt Hapel.Im Senat will man sich noch nicht zu einer möglichen Beteiligung äußern. Erst müsse eine schriftliche Anfrage des Bezirks vorliegen, sagte Petra Roland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Diese werde nicht lange auf sich warten lassen, sagt Bürgermeister Hapel: "Ich werde auf jeden Fall dran bleiben."Symbol mit Riss // 16 Millionen Amerikaner sammelten Geld, um die Freiheitsglocke den Berlinern zu schenken. Seit dem 24. Oktober 1950 wurde die zehn Tonnen schwere Glocke jeden Tag geläutet. Zu Zeiten des Kalten Krieges sollte sie ein Symbol für Freiheit und Menschenwürde sein.Im August 2000 empfahlen Gutachter, die Glocke nicht mehr zu läuten. Ein bereits 1972 entdeckter Riss hatte sich vergrößert, die Glocke drohte zu zerspringen. Im bayerischen Nördlingen soll der Riss nun mit einer speziellen Technik geschweißt werden.Am 18. Januar soll die Glocke abgenommen werden. Dazu muss das Mauerwerk zum Teil aufgeschnitten werden. Voraussichtlich vom 15. bis zum 22. Januar wird der John-F. - Kennedy-Platz wegen der Arbeiten zum Teil gesperrt. Im Mai soll die Glocke wieder montiert werden.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN (2) Vorbereitungen für die Demontage: Gerüstbauer Ralf Stange prüft die Verbindungen der Gerüststangen.Die Freiheitsglocke hängt 45 Meter hoch im Turm des Rathauses Schöneberg.