Das Theater des Westens und sein künftiger Intendant Elmar Ottenthal: Gagen unter dem Höchstsatz

Nein, sagt die Stimme im Sekretariat des Generalintendanten der Aachener Bühnen, der Herr Ottenthal sei nicht zu sprechen. Nicht am Mittwoch, nicht am Donnerstag und auch am Freitag nur vielleicht. "Aber wenn Sie aus Berlin sind, versuchen Sie es doch dort. Da wird er wohl sein. Sie sind näher dran." Die Auskunft klingt ein klein wenig spitz. Das Aachener Theater war mit seinem Intendanten sehr zufrieden, und die Nachricht vom bevorstehenden Umzug in die Hauptstadt kam für die meisten Mitarbeiter überraschend. Elmar Ottenthal (47) hatte mit der Stadt über eine Vertragsverlängerung bis zum Jahr 2004 verhandelt, jetzt wird man ab der nächsten Spielzeit einen neuen Mann an der Theaterspitze brauchen. Elmar Ottenthal kommt nach Berlin, um Helmut Baumann am Theater des Westens abzulösen. Helmut Baumann verläßt das Haus nach 15 Jahren, das er bravourös zur ersten deutschen Musicalbühne geführt hat, bevor er in den letzten beiden Jahren eher glücklos agierte. Zuletzt war die Kommunikation zwischen Baumann und dem Kultursenator Peter Radunski erheblich gestört. Der TdW-Chef hat in seiner Amtszeit stets das Ansinnen von Subventionskürzungen energisch zurückgewiesen. Als er glaubte, die Zuwendungen für sein Haus würden nicht reichen, verlängerte er seinen Vertrag nicht mehr. Als Elmar Ottenthal das Theater in Aachen 1992 übernahm, akzeptierte er gleich in der ersten Spielzeit Etatkürzungen von fünf Prozent. Zwei Jahre später sorgte er für Schlagzeilen, weil er einen Überschuß von mehr als drei Millionen Mark erwirtschaftet hatte. Die deutsche Theaterwelt staunte. Etatabweichungen in Millionenhöhe sind manchen Bühnen, gerade in Berlin, gut vertraut, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen. An einem Drei-Sparten-Haus wie in Aachen, das einen Spielplan mit Oper, Operette, Theater, Ballett, Musical und Kindertheater unter einem Dach bietet, sind Sparbeträge dieser Größenordnung noch bemerkenswerter. Insbesondere wenn der Gesamtetat bei 33 Millionen Mark liegt (1998), wovon 27 Millionen Mark Subventionen sind. Darüber hinaus wird über Ottenthal geschrieben, daß er sich selbst Regie-Gagen "beträchtlich unter dem erlaubten Höchstsatz" gestatte, weniger als 20 000 Mark. Solche Nachrichten müssen Radunski und seiner den Mangel verwaltenden Behörde die Freudentränen in die Augen jagen. Hier ist der Mann, der zeigen kann, wie man es anstellt mit dem Sparen. Wird er es zeigen?Das Theater des Westens soll für die kommende Spielzeit 20 Millionen Mark Subventionen bekommen, zwei Millionen Mark weniger als in diesem Jahr. Es gab Jahre mit 25 Millionen, manchmal legte die Geschäftsführung etwas auf die Seite für schlechte Zeiten, aber das ist eine haushaltstechnisch gewagte Methode. Und zum Schluß war auch nichts mehr da fürs Sparbuch. Die letzten Bilanzen klingen nicht gut. Trotz des En-suite-Spiels und nur drei bis vier Premieren pro Jahr häuften sich die fertigen Musical-Importe, die dem Ansehen des Hauses schadeten. Zuletzt, muß man betonen, denn vorher war es anders, da glänzte das TdW mit großartigen Inszenierungen ("La Cage aux Folles", "Cabaret", "My Fair Lady") und vor allem mit den hauseigenen Revuen. In den 80er Jahren, als den West-Berlinern nur an diesem Haus unterhaltendes Musiktheater geboten wurde, schrieb es Auslastungszahlen von 95 Prozent. Die haben sich inzwischen halbiert. Trotzdem wurde das TdW immer nach strengen ökonomischen Prämissen geführt. Es hat eine effiziente Verwaltung und ein überschaubares 200köpfiges Ensemble, es hat schon vor Jahren auf einen eigenen Chor verzichtet, auch auf ein eigenes Ballett und eigene Werkstätten. Ein Gros der Künstler wird stückbezogen auf Honorarbasis engagiert. In Aachen hat Ottenthal die Werkstätten ausgelagert, Umbaukosten vermieden, Personal abgebaut. Das ist am TdW bereits passiert. Ottenthal dürfte sich also weniger auf Einsparungen konzentrieren als auf eine bessere Auslastung des Hauses. Über das künstlerische Konzept des neuen Hausherrn war bis jetzt noch nichts zu erfahren. Man muß in der Vergangenheit nach Spuren suchen. Nach den aufsehenerregenden Sparerfolgen stellte die "FAZ" 1994 fest, daß in einem Monat nur drei verschiedene Stücke auf dem Aachener Spielplan standen und tadelte: "Es wurde so weit gesundgespart, daß von dem, was es traditionell auszeichnet, nämlich Ensemblegeist und Repertoirevielfalt, wenig geblieben ist." Ein strenges Urteil über ein Haus mit 280 Angestellten, das Sparten bedienen und auf Wirtschaftlichkeit achten muß. Im November 1998 bietet das 870-Plätze-Theater vier verschiedene Stücke, ein Gastspiel, ein Konzert, dazu ein üppiges Programm in den angeschlossenen Kammertheatern. Die Auslastung der Opernvorstellungen liegt bei 80 Prozent. Da wird kein Aachener meckern. Ein weiteres Mal wurde die überregionale Presse auf Ottenthal aufmerksam, als er an seiner Subventionsbühne das Musical "Gaudí" uraufführte, ein Stück von Eric Woolfson (Alan Persons Project) und Elmar Ottenthal, der auch Regie führte. Das Stück lief monatelang täglich vor ausverkauftem Haus und wurde anschließend noch als Open-End-Stück nach Alsdorf und Köln verkauft. Auch "Gambler" (1996, Mönchengladbach), "Catherine" (1997) und "Blood Red Roses" (1998) waren Uraufführungen, sie zählen zu den sehr wenigen deutschen Musicals überhaupt. Die Kritiken reichten von wohlwollender Betrachtung bis zu groben Verrissen, beim Aachener Publikum aber waren sie immer gefragt. Daß sich diese Inszenierungen allerdings auf einer Bühne in Berlin durchsetzen würden, wo bislang jeder Produzent in die Knie ging, ist sehr zweifelhaft. "Gaudí", ein Stück über den Architekten Antoni Gaudí, scheiterte schon in Köln. Dort meinten der Produzent und der Regisseur vor zwei Jahren dem Publikum eine abgespeckte Variante mit Musik vom Band anbieten zu können. Ottenthal verteidigte diese Version sogar: "Eine reine Qualitätsfrage. Lieber 100 Musiker der tschechischen Philharmonie auf Band als 20 im Graben." 60 bis 160 Mark Eintritt wurden dafür verlangt. Der Produzent erwartete eine Auslastung von 90 Prozent. Er hatte sich sehr verrechnet. Er mußte im Frühjahr dieses Jahres aufgeben und soll der Stadt Köln hohe Schulden hinterlassen haben.Damit freilich hatte Elmar Ottenthal nichts mehr zu tun. Er kennt keine Schulden. Im Aachener Theater, wo Betrübnis über den plötzlichen Weggang des Intendanten herrscht, sagt man ihm kein schlechtes Wort nach. Der strukturelle Umbau des Theaters ist ohne betriebsbedingte Entlassungen erfolgt. "Er ist ein guter Chef", sagt die Pressesprecherin. "Er hat Visionen von Theater und konnte die Belegschaft motivieren, die zu verwirklichen." Wenn bis zur Amtsübernahme in Berlin noch kein neuer Intendant gefunden wird, soll es Übergangslösungen geben. Im Theater des Westens herrscht kein Trübsinn, der scheidende Intendant Helmut Baumann verbreitet Optimismus: "Ottenthal kennt sich aus. Er kommt vom Bau und hat einen Durchblick. Er kennt die Strukturen eines Theaters und weiß, was ein Tarifvertrag ist." Der Rat der alten Leitung war offenbar gefragt. Immerhin war neben Peter Sauerbaum vom Berliner Ensemble auch Jürg Burth vom TdW für die Intendanz im Gespräch. Der Regisseur und Choreograph hat neben Baumann die besten Stücke am Haus inszeniert. Der bessere Manager ist fraglos Ottenthal. Der bessere Künstler vermutlich Burth. Aber der bleibt immerhin am Haus.