PANKOW. Ein Mosaik auf dem Bürgersteig ist die einzige sichtbare Erinnerung. Die kleinen Pflasterstreifen ergeben die Worte "1885 Bioskop 1995". Sie erinnern daran, dass im Jahr 1885 in dem Haus an der Berliner Straße 27 der Kinopionier Max Skladanowsky zum ersten Mal die Bilder laufen ließ. Das Gebäude war damals noch ein Gartenlokal und hieß Feldschlösschen. Erst später wurde daraus das Kino Tivoli, das erste Berliner Kino. Als begeisterte Berliner Cineasten 1995 das Mosaik des Pankower Künstlers Manfred Butzmann in den Boden legten, hatten sie Hoffnung, dass das Kino Tivoli noch einmal zu neuer Blüte kommen könnte. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Vom Tivoli steht heute nur noch ein kläglicher Rest: Das Dach fehlt, die Fenster sind vernagelt, die Fassade ist mit Plakaten zugekleistert, der Putz bröckelt. Und auch das wird bald ganz verschwunden sein. Die Lebensmittelkette Lidl will das frühere Lichtspielhaus abreißen und auf dem Grundstück einen Supermarkt und 50 Parkplätze bauen. Die Lidl-Geschäftsführung wollte sich zu den Bauplänen nicht äußern. Der Bezirk hat dem Abriss und Neubau bereits zugestimmt. "Wir haben einfach keinen Betreiber gefunden", sagt Martin Federlein, CDU-Stadtrat für Stadtentwicklung.Zum hundertsten Jubiläum des Kinofilms sollte das Tivoli wieder eröffnet werden. Schicker und moderner als je zuvor. Fünf Säle mit 800 Plätzen sowie 180 weitere Plätze in einem Freilichtkino hinter dem Gebäude wollte die damalige Tivoli-Besitzerin, die Wilmersdorfer Vermögensberaterin Gabriele Schloß-Gräbert, bauen. Dazu einen Wintergarten, ein Café und einen Biergarten. Schloß-Gräbert hatte 1994 das Tivoli auf einer Auktion für 1,68 Millionen Mark (etwa 860 000 Euro) ersteigert. 300 000 Pankower setzten sich mit ihrer Unterschrift für den Wiederaufbau des Kinos ein, Regisseur Wim Wenders gründete den Verein "100 Jahre Cinematographie in Berlin e.V.", Prominente wie Volker Schlöndorff und Otto Sander unterstützten ihn. Doch aus den Umbauplänen wurde nichts. Gabriele Schloß-Gräbert fürchtete die Konkurrenz des damals in der Nähe geplanten Multiplex-Kinos "Colosseum" an der Schönhauser Allee und in der Alten Mälzerei an der Mühlenstraße. Dort sollte ein Multiplex mit 2 000 Plätzen entstehen. In der Alten Mälzerei gibt es bis heute kein Multiplex-Kino. Das bereits teilweise abgerissene Tivoli vergammelte weiter - zum Ärger der benachbarten Ladenbesitzer. Die hoffen jetzt, ein neuer Einkaufsmarkt bringe auch neue Kunden an diesen Abschnitt der Berliner Straße. "Es wird Zeit, dass diese Bauruine endlich abgerissen wird", sagt Angela Kowalewski vom Frisiersalon Vandell. Wenigstens mit einer Forderung konnte sich der Bezirk gegenüber Lidl durchsetzen. Im zweiten Stock des Hauses wird Lidl Räume zu günstigen Mieten an den Freien Träger Jugendaufbauwerk Ost vermieten. Jugendliche lernen dort, wie sie neue Medien nutzen können. Jugendstadträtin Christine Keil (PDS) sagt, die neue Einrichtung soll dann Tivoli-Klub heißen. "So erinnert wenigstens noch der Name an diesen historischen Standort", sagt sie.Boxende Kängurus // Mit Kurbelkasten und Projektor, dem so genannten Bioskop, ließ Max Skladanowsky 1895 im Gartenlokal Feldschlösschen die ersten Bilder laufen.Eine Menge ergötzte sich an boxenden Kängurus. Die Leute kamen in Scharen zur Berliner Straße. Bald zog Skladanowsky mit seinen Bildern in das Varietee Wintergarten.Kommerziellen Nutzen konnte Skladanowsky nicht aus seiner Erfindung ziehen. Er starb 1939 in bescheidenen Verhältnissen. Seit 1951 trägt eine Straße seinen Namen.BERLINER VERLAG Filmpionier Max Skladanowsky.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN 1995 gab es noch Hoffnung für das Tivoli. Ein großes Schild kündete vom Umbau des Kinos an der Berliner Straße.