Das Traberidol Hänschen Frömming feiert morgen 85. Geburtstag: Sein erster Derbysieger lief mit Seidenstrümpfen

Wenn der Berliner Steppke morgens vor die Haustür trat, blickte er direkt in das Rund der damaligen Radrennbahn Steglitz. Vor einem begeisterten Publikum eine Temporunde nach der anderen zu drehen, feuerte früh die Phantasie des jungen Johannes Wilhelm Arthur Frömming an. Sein Vater war ein erstklassiger Schrittmacher bei den Steherrennen, aber er verunglückte bereits im Sommer 1910, als der Sohn erst wenige Wochen als war.Der kleine Johannes wuchs beim Großvater auf, der als Fuhrunternehmer stets auch ein paar Traberpferde unterhielt. Eine Rennkarriere, anders als ersehnt, bahnte sich früh an. Der schmächtige Kleine Mit 14 begann Frömming eine Lehre als Pferdewirt beim ungarischen Trabertrainer Lichtenfeld. Kurz nach Erhalt der Fahrerlizenz feierte er 1926 in Berlin-Ruhleben seinen ersten Sieg. Lichtenfelds Zweifel, der schmächtige Junge könne in dem Beruf nicht bestehen, widerlegte Frömming postwendend mit zählbaren Erfolgen. Zum Erreichen des Mindestgewichts mußte er schwere Metallplatten ins Rennen mitnehmen, wie das damals noch Vorschrift war. Aber mit oder ohne Gewicht - Frömming überflügelte bald alle Konkurrenten. Im dritten Fahrerjahr fuhr er schon sieben Erfolgsparaden und in den nachfolgenden Jahren verdoppelte sich jeweils die Siegzahl.Beim ersten Auslandsstart in Kopenhagen 1931 mußte sich Frömming noch dem großen Meistertrainer Charlie Mills geschlagen geben, aber schon zwei Jahre später, wenige Tage nach seinem 23. Geburtstag, gewann Frömming mit dem Hengst Xifra sein erstes Derby. Wegen der empfindlichen Fesseln des Pferdes zog Frömming mehrere Paar Seidenstrümpfe über die anfälligen Pferdebeine und präparierte den Hengst zum Sieg.Sportlicher Ehrgeiz und das unvergleichliche Vermögen, sich auf die Psyche der Tiere einzustellen, machten Frömming zum herausragenden Akteur seines Sports. Zwischen 1933 und 1974 gewinnt Frömming elfmal das deutsche und viermal das österreichische Derby, dazu dreimal den Prix d'Amerique, das bedeutendste Trabrennen der Welt. Die französischen Fans, die sich in der Regel nur für ihre nationalen Helden begeistern, schließen "le petit Frömming" in ihr Herz. Privattrainer beim Grafen Der Berliner Frömming wird zum Globetrotter in Sachen Trabrennsport. Er fährt Siege in Frankreich und den USA, man jubelt ihm in Dänemark zu und in Schweden. Für einige Zeit ist er Privattrainer beim italienischen Grafen Orsi Mangelli. Neben Hannelore Schroth und Albert Florath steht er 1949 sogar als "Trabertrainer Hans" in dem Spielfilm "Derby" vor der Kamera.Seine sportliche Karriere verlief nicht ohne Hindernisse. Bei einem schweren Sturz 1956 in Paris stellten die Ärzte doppelten Schädelbruch fest und kündigten das Ende seiner Karriere an. Der Champ verlor zwar den Geruchssinn, aber nie den Glauben an sich und rappelte sich wieder auf. So auch 1989, als er einen Schlaganfall erlitt und seitdem am Bein behindert ist. Name als Symbol Der Name Frömming wird zum Markenzeichen einer ganzen Sportart, obwohl sein Träger in aller Welt nur "Hänschen" gerufen wird. Doch nicht nur der Sulkysport hat ihn berühmt gemacht, von seinem Ansehen profitiert das Traben allgemein. Auch vom Menschen Frömming, der seine Persönlichkeit im Zweiten Weltkrieg unter anderem dadurch zeigte, daß er jüdische Freunde in Gestüten und Rennställen versteckte.Mit seiner Frau Inge lebt Hans Frömming seit 37 Jahren in Hamburg, aber im Herzen ist er Berliner geblieben. Um mit seinem Namen beim Aufbau zu helfen, trat er kürzlich dem Karlshorster Rennverein bei. Dort, an der Wuhlheide, hatte er schon wenige Tage nach Kriegsende wieder seine ersten Rennen gefahren. Noch nie gewettet Hänschen Frömming, der zwischen 1926 und 1987 mehr als 20 000 Rennen gefahren ist und davon 5 592 gewinnen konnte, hat mit einer Tradition nie gebrochen: Keine Wetten. "Ich bin kein Spielertyp. Außerdem will ich das gesamte Bild empfinden, nicht nur ein Pferd. Da könnte man ja auch in die Verlegenheit kommen und subjektiv urteilen. Das liegt mir nicht."Morgen feiert das Traberidol an der Alster seinen 85. Geburtstag. Dann wird auch sein ältester Bekannter, Max Schmeling, das Glas erheben. "Wir kennen uns, da war Max 20 und ich gerade 15 Jahre jung. Seitdem hat er sich nie verändert. Trotz der Erfolge hat er nie abgehoben, einfach phantastisch", meinte Frömming. Auf die Frage, was beide denn gemeinsam hätten, antwortete er prompt: "Wir reden immer, wie uns der Schnabel gewachsen ist."