Die unerhörte Begebenheit währte 42 Tage: Die erzgebirgische Amtshauptmannschaft Schwarzenberg war nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands im Mai 1945 vorerst von keinem der alliierten Sieger besetzt worden. Ostwärts die Sowjetarmee rückte nur bis Annaberg vor; westwärts die US Army machte im Raum Aue-Schneeberg Halt. Aus beiden Richtungen keine Befehle an die Leute was zu geschehen hätte in der "vergessenen" Enklave, die mit Tausenden hungernden Flüchtlingen und Zwangarbeitern angefüllt, von marodierenden Wehrmachtssoldaten durchzogen war; "von oben" aus Dresden oder Berlin kam schon längst nichts mehr. Da mussten sie es "von unten" in die Hand nehmen in dem Sprengel. Eine Handvoll Antifaschisten bewaffnete sich, erklärte sich zur Regierung, jagte die Nazis aus den Rathäusern und Gemeindeämtern, suchte für Ordnung zu sorgen, die letzten Lebensmittelvorräte zu verteilen, neue Produktion in Gang zu setzen. Sie nahmen Verbindung nach draußen auf, ließen eigenes Notgeld und Briefmarken drucken. Als dann Ende Juni die Rote Armee in Schwarzenberg einrückte, wie in Jalta von den Alliierten vorgezeichnet, verlor sich das kleine seltsame Selbstbestimmungsreich wie eine Fata Morgana in der Geschichte. Auf den authentischen Vorgängen gründete Stefan Heym 1984 Jahre seinen fiktiven Roman von der Republik "Schwarzenberg" - seine "besondere deutsche", volks-demokratische Gegenvision zum moskaugelenkten DDR-Sozialismus. Das war fünf Jahre vor der politischen Wende, in der Heym als Redner des 4. November auf dem Alexanderplatz noch immer voller Illusionen dazu aufrief, auf den Stalinschen nun endlich den "richtigen" Sozialismus folgen zu lassen. Die Geschichte hat sich nicht ans Schwarzenberger Modell gehalten - oder irgendwie anders eben doch?Zwanzig Jahre nach Heym ist nun Volker Braun ausgezogen in die Erzberge seiner sächsischen Heimat, um jenen 42 Schwarzenberger Tagen nachzuspüren. Auch Braun interessiert die Ausnahme-Situation, auf "eigenem Gebiet" sich selbst zu leben. Wie es wäre "in einem Land, wo keine fremde Macht herrscht - und niemand bestimmt darin, als die sich um sich selber kümmern"? Braun aber bleibt sehr konkret und nah bei jenen Menschen, für die es damals im Niemandsland ums nackte Weiterleben ging. Und was er von ihnen überliefert bekommt, taugte ihm zu keiner fiktionalen Anstrengung für ein hehres, ein anderes Sozialismusmodell. Diese Protagonisten der ersten Schwarzenberger Stunden kümmern sich rührend ums Dringlichste, dieweil ihnen "der Ami grinsend, der Iwan verblüfft" in ihrem unbegriffenen politischen Rollenspiel zuschaut. Brauns assoziationsreicher, poetischer Report über "Das unbesetzte Gebiet" ist eine Folge von herzhaft komödischen Volksgeschichten über die aufgespürten tatsächlichen Akteure jener 42 Tage - oder eben auch Nichtakteure. Denn es ist nur der kleinere Teil, der sich in dem herrschaftslosen "Durchenanner" ein Herz fasst: "Wir haun los." Die Mehrheit übt sich im Abwarten, bis neue Obrigkeiten wieder von außen ihr Leben bestimmten. Mit Empathie, warmherzig und gewitzt ist von jenen die Rede, die - ohne Gesetz und formuliertes Programm - mit einem "Hier bestimm wir" auf den Ratstisch hauen, sich mit notorischen Gaunern und opportunistischen Anschmierern herumschlagen, über eigene Hilflosigkeiten und Ängste hinweg die "Lust der Selbstbestimmung", den "Rausch der Gerechtigkeit" kosten, dabei auch Momente individuellen Glücks erfahren.Der Autor mischt sich unter die erzählenden Akteure von Schwarzenberg, charakterisiert seine kurios unheroischen Helden auch mit der Einbindung redesprachlicher Segmente, oft ursächsischen Dialekts. Das unterstreicht nicht nur die Authentizität der Geschichten, in denen "keine Gestalt und Begebenheit erfunden (ist)". Der heitere Ernst, mit dem hier der "Blick von unten" auf geschichtliche Vorgänge gerichtet wird, hat eine poetische, wohl eine der schönsten Braunschen Erzählungen hervorgebracht. Das steht in Kleistscher Tradition, das ist - der Autor selbst merkt es in dem Buch für sich an - fürwahr "wie bei Hebel" ein Schatzkästlein an Kalendergeschichten. Braun entzaubert die Legende von Schwarzenberg als dem Modell eines "wahren" und nur von Moskauer Diktat verhinderten Sozialismus. Denn eher noch als von den fremden militärischen Siegern wurde das, was als eine Freie Republik gelten wollte, zuvor im Innern ad absurdum geführt: von einem nur deklarierten Volkseigentum, an dem "was nicht stimmte", weil das Volk darüber nicht wirklich verfügte; von selbsternannten Eignern der einzig wahren Linie und Lehre, die mit schnell erstellten Verfassungsentwürfen fürs Schwarzenberger Intermezzo "die Geschichte zurechtschrieben". Das wundersame Geschichtchen von den unberatenen Selbsthelfern ging darin unter.Das kleine Häuflein der antifaschistischen Aufrechten hat in Wahrheit seine nicht begriffene Macht ohne zu kämpfen (Braun: nicht einmal "mit den Tränen") an die einrückenden Sowjets übergeben. Sie hatten ihre Freiheit "nur geborgt oder gefunden; und besessen, um sie pflichtgemäß abzugeben. In dem Fundbüro liecht se noch, und keiner fragt danach." Diese Geschichte ist für Braun "gelaufen", aus und vorbei. An ihr teilzuhaben, bleibe nur das Erzählen von ihr.In einem anderen Sinne ist ihm sein Schwarzenberg-Report - "Geschrieben nach der Rückkehr in die Vorzeit" - dennoch ein aktuell modellhaftes Probefeld. Der geschichtliche Zwischenfall Schwarzenberg wird Braun zum metaphorischen Vorhalt für die eigene Situation im geistigen Niemandsland zwischen versagten Utopien und nichtssagender globaler Geschäftigkeit. Selbstprüfend schaut Braun auf "jetzt mein eignes Gebiet, das unbesetzt ist, von den Truppen der Doktrin und des Glaubens, und nur Hoffnung vielleicht siedelt, die uns betrügt und weiterträgt." Die Erzählung über Schwarzenberg, wird im zweiten Teil des Bändchens ergänzt und kommentiert mit weiteren gleichnishaften Denk-Stücken. "Im schwarzen Berg" geschichtlicher Erfahrung gräbt Volker Braun nach Wegweisungen und Zeugnissen für menschliches Aufbegehren, selbstbestimmtes Handeln gegen den Fatalismus von gesellschaftlichen Krisen, Katastrophen und Zusammenbrüchen. Er trifft dabei Bloch, Bahro, Fühmann... Und natürlich auch Heym. Dessen "schlichter, wahrhafter Utopie" von Schwarzenberg stellt er seine "unglaublich komplizierte ... Fiktion des Wechsels der Zeiten" entgegen: "Die bewegliche Gesellschaft, die fähig wäre, sich (immer wieder) zu besinnen und sich aus sich selbst zu reißen." In Not, schlimmer Zeit könnten "einige Gedanken sich sammeln und sich konstituieren. Um das Nächste, das Elementare zu bedenken..."------------------------------Volker Braun: Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2004. 126 S., 16,80 Euro.------------------------------Foto: Restauration der Deckenmalerei der St. Georgen-Kirche in Schwarzenberg