Am 16. März 1942 stieg in der Nähe von Krakau ein Mann aus dem Zug und stakste über die Schienen. Bahnsteige gab es nicht, auch kein Bahnhofsgebäude, an einer Baracke hing das Schild "Auschwitz". Der Mann war Mitte Dreißig, groß und blond. Ein Fahrer der I.G.-Farben erwartete ihn. Sie fuhren zu einer Baustelle. Der Mann traute seinen Augen nicht. Links und rechts am Straßenrand sah er ausgehungerte Gestalten in Häftlingskleidung. Sie hackten den Boden, schleppten Steine, sprachen kein Wort. Er hörte nur das Geräusch ihrer Werkzeuge. Im Hintergrund sah er rauchende Schornsteine. In der Luft lag süßlicher Gestank.Hans Deichmann war zum ersten Mal hier. Er sollte die Unterbringung von 3 000 italienischen Bauarbeitern organisieren. Er war weder Parteimitglied noch Soldat. Deichmann war ein passiver Anti-Nazi - bis er Auschwitz sah. Bei jedem Besuch erfuhr er mehr über die Mordmaschine. "Wer wissen wollte", sagt Hans Deichmann, "hat alles erfahren."Im Juli 1943 diskutierte er mit dem Leiter des Fremdarbeiterlagers, einem gewissen Schneider, über die aussichtslose Kriegslage. Schneider erzählte Hans Deichmann von den V-Waffen, die in Peenemünde in Produktion gehen und die entscheidende Wende zugunsten der Nazis bringen sollten. Das war das erste Mal, daß Deichmann eine Chance sah, aktiv etwas gegen Hitler zu unternehmen. Er sperrte sich auf der Toilette ein und schrieb die Silben PEE-NE-MÜN-DE in seinen Taschenkalender. Zurück in Rom, seinem eigentlichen Standort, spielte er diese Information den Engländern in die Hände. Am 17. und 18. August 1943 haben 600 Bomber der Royal Airforce Peenemünde angegriffen und einen Teil der Waffenfabrik zerstört. Der Einsatz der V 1 und V 2 wurde so um ein ganzes Jahr verzögert.Nach "Peenemünde" betreibt Deichmann in Rom - er ist dort "Beauftragter des Generalbevollmächtigten für Sonderfragen der chemischen Erzeugung im Vierjahresplan" - viele Sabotageaktionen. Er wirkt als Informant, tritt der Partisanenorganisation "Giustizia e Liberta" bei. Oft wird er vor seine Vorgesetzten zitiert. Immer wieder kommen Zweifel an seiner Loyalität auf, immer wieder kann er sie zerstreuen.In Rom kommt eines Tages ein Italiener mit einer chemischen Erfindung zu ihm, die helfen soll, den Krieg zu gewinnen. Deichmann schickt ihn mit den Worten nach Hause, er solle doch die Deutschen ihren Krieg allein verlieren lassen. Deichmann wird zum Verhör bestellt und gefragt, ob er das wirklich gesagt habe - "Natürlich hab' ich das getan! Das war doch ein Provokateur, ich wollte bloß sehen, wie er darauf reagiert!" Noch einmal glauben sie ihm.Als er aber im September 1943 seinem obersten Vorgesetzten, Professor Carl Krauch, einreden will, keine weiteren "Fremdarbeiter" aus Italien herauszupressen, ist das Maß voll. Deichmanns "Begründung" - was übriggebleiben sei, wären sowieso nur Kriminelle oder alte Faschisten, die kurz vor der Befreiung Italiens das sinkende Schiff verlassen wollten - bringt ihm schließlich "wegen defaitistischer Haltung und Insubordination" die Absetzung ein. Als Fahrer und Dolmetscher darf er aber "dienstverpflichtet" in Italien bleiben - das Dienstauto wird zeitweise zum Partisanen-Transporter umfunktioniert.Hans Deichmann wurde in Köln geboren, im Jahr 1907, als Sohn einer der wohlhabendsten Familien der Stadt. Das "Bankhaus Deichmann" gehörte zu den führenden Geldinstituten Kölns, das palastartige Elternhaus stand gegenüber dem Dom. Deichmanns Vater war erzkonservativer Monarchist. Bestimmend und prägend für die Kindheit war allerdings die Mutter: Sie war zutiefst antimonarchistisch eingestellt. Nach dem Abitur schreibt sich Hans Deichmann an der rechtswissenschaftlichen Fakultät ein und "amüsiert sich erst einmal studierend". Englisch in Oxford, Fasching in München und Dolce vita in Wien. "Aber nach zwei Monaten begegnete ich in Wien den Schwarzwalds, und alles wurde für mich anders." Eugenie Schwarzwald, die einflußreiche Wiener Reformpädagogin, gehörte zu den bekanntesten Persönlichkeiten in Wien und Berlin, wo ihr 1923 sogar ein Teil des Berliner Schlosses zur Verfügung gestellt wurde, um ihre Gemeinschaftsküche einzurichten. So brachte sie in ihrer "Schloßküche" vor allem hungernde Studenten durch die Wirtschaftskrise. Eugenie Schwarzwald war - neben seiner Mutter - die einflußreichste Frau in Deichmanns Leben.In seiner Schwarzwald-Biographie "Leben mit provisorischer Genehmigung", die er 1988 veröffentlichte, faßt Hans Deichmann zusammen, was er Eugenie Schwarzwald verdankt: "Ich lernte von ihr zuzuhören, offen und geduldig zu sein, nicht Opfer meiner eigenen Vorurteile zu werden; ich lernte, Achtung vor anderen, auch dümmeren zu haben; ich begriff, was bedingungsloses, aber zugleich anspruchsvolles Wohlwollen bedeutet, außerdem wurde mir bewußt, wie wichtig es ist, eigene Fehler zuzugeben, mich über mich selbst lustig zu machen - "Selbstpersiflage" war ja eines von Frau Doktors Lieblingswörtern - kurz: Ich lernte, ein ziemlich freier Mensch zu sein."Bei den Schwarzwalds trafen sich auch Deichmanns Schwester Freya und ihr zukünftiger Mann, Helmuth James von Moltke, zum ersten Mal. Moltke hatte das Gut "Kreisau" in Schlesien geerbt, das zum Treffpunkt einer der einflußreichsten Widerstandsgruppen wurde. Die Gestapo nannte sie den "Kreisauer Kreis". Hans Deichmann war zwar nicht Mitglied, aber in ständiger, wissender Verbindung mit seinem Schwager. Zwischen 1942 und 44 wurde Kreisau für ihn zu einer Art moralischer Zufluchtstätte. Nach Kriegsende wurde Deichmann SPD-Mitglied und Vorsitzender der Entnazifizierungs-Spruchkammer im Obertaunus. Doch schon bald resignierte er. "Kaum einer sah die Fehler der Vergangenheit ein, kaum einer war bereit zum wahren politischen Neubeginn." 1948 zog er mit seiner Familie nach Mailand.Heute, 89jährig, lebt Hans Deichmann noch immer in Italien. Hier veröffentliche er die Briefe seines Schwagers Helmuth James von Moltke - und 1995 das Buch "Ogetti / Gegenstände". In der dritten Person - als "H. D." - erzählt Deichmann darin Episoden seines Lebens, an die er durch bestimmte Gegenstände erinnert wird. Er versteht sich als Chronist, als beteiligter Dritter, der auch mit diesem Buch über das nationalsozialistische Deutschland immer wieder sagt: "Wer wissen wollte, hat alles erfahren." Am 25. November wird Hans Deichmann in München der mit 20 000 DM dotierte "Geschwister-Scholl-Preis" 1996 für sein Buch "Gegenstände" verliehen. (Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1996. 244 S., 16,90 Mark.) +++